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Bürgerentscheide zu Olympia:"Bei uns, da wird es eng"

Vor den Bürgerentscheiden über die Olympiabewerbung für 2022 ist vor allem in Traunstein und im Berchtesgadener Land die Stimmung diffus. Die Befürworter stecken plötzlich in einem hart geführten Wahlkampf und so muss jeder prominente Befürworter ran - auch der Ex-Fußballer Breitner.

Paul Breitner hat es nun doch geschafft, er hat eine Lücke gefunden in seinem dichten Terminkalender. Im nüchternen Rathaussaal seiner Heimatstadt Freilassing geht der Fußballweltmeister auf die Bühne und kommt in seiner direkten Art gleich auf den Punkt. "Keine Sau weiß, wo das Berchtesgadener Land oder Garmisch-Partenkirchen ist", sagt er. Breitner hat da mehr den internationalen Blick, schließlich ist er als "Außenminister des FC Bayern", wie er sich bezeichnet, viel unterwegs. Er weiß, was dieses Loch in der Wahrnehmung draußen in der Welt stopfen könnte.

"Drei bis vier Wochen bestes Hollywood." Olympische Winterspiele 2022 in Oberbayern hätten diesen Effekt, da ist er sich sicher. Und die berüchtigten IOC-Verträge? "Es gibt keine, die schlimmer sind als die von der FIFA." Die Kosten? "Ich zahle gerne aus meiner Steuer für das Minus." Breitner hängt sich vor den 70 Freilassingern rein, als ob er 70.000 Zuschauer in der Allianz-Arena überzeugen müsste.

Das Problem ist nur: Viele Menschen auf dem Land sind sich nicht so sicher wie Paul Breitner. Die Lokalzeitungen sind voller Leserbriefe, die Winterspiele samt dem IOC verteufeln. Die Befürworter stecken plötzlich in einem hart geführten Wahlkampf. Am 10. November stimmen die Bürger über eine Bewerbung Münchens mit Garmisch-Partenkirchen sowie den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land um Winterspiele 2022 ab. Und auf dem Land geht die Sorge um, dass gerade hier die Idee schon zusammenfällt, bevor sie richtig Konturen gewinnt. Jeder prominente Befürworter muss ran, auch der Ex-Fußballer Breitner.

Seine Heimat Freilassing ist eine schmucklose Grenzstadt, 16 000 Einwohner, in ein paar Minuten ist man im pompösen Salzburg. Die Fußgängerzone hat immer wieder mit leeren Geschäften zu kämpfen, das größte politische Problem sind die Flugzeuge aus Salzburg, die mit viel Lärm nahe der Stadt aufsteigen und landen. Touristen sind hier nicht das große Geschäft, der Wintersport ist weit weg. Der Berchtesgadener Landrat Georg Grabner (CSU) ist zufrieden, dass hier überhaupt 70 Menschen wegen Olympia gekommen sind. Euphorie sieht anders aus. "Das wird kein Spaziergang bei uns. Wir müssen die Unentschlossenen mobilisieren", sagt er.

"Hier wird es knapp"

Wenn man sich in München umhört, sagen viele Olympia-Befürworter: "Draußen sind die Bürgerentscheide sicher, hier wird es knapp." In Traunstein und im Berchtesgadener Land ist zu hören: "Die Münchner mögen solche Events. Aber bei uns, da wird es eng." Auch Grabner, als Landrat Eigentümer der Eisbahn am Königssee, hat ein diffuses Gefühl. Denn "je weiter weg die Menschen von den Sportstätten wohnen, desto öfter fragen sie: Was bringt's mir"?

Sollte es in Südostbayern ähnlich laufen wie in Graubünden in der Schweiz? Der Kanton lehnte kürzlich in einem Bürgerentscheid eine Bewerbung für Winterspiele 2022 ab. Weil die direkt betroffenen Orte an den Alpen zu wenig Stimmen hatten im Vergleich zu den Menschen draußen im Flachland, die sich die Frage stellten: "Was bringt's mir?" Weil sich viele schweigende Befürworter jedenfalls so wenig von dem Großereignis versprachen, dass sie gar nicht erst zur Abstimmung gingen. Die Landkreise im Südosten Bayerns weisen in ihrer Struktur durchaus Ähnlichkeiten mit Graubünden auf. Ein paar wenige Orte profitieren vom Wintertourismus.

In der Schweiz etwa St. Moritz, in Oberbayern Ruhpolding oder Inzell, wo das Medienzentrum und das olympische Dorf entstehen soll. Die großen Städte mit vielen Wahlberechtigten liegen wie Freilassing weit weg von den Bergen. Wie werden sie abstimmen, die Menschen in Laufen und Tittmoning? Oder die Menschen in Traunstein, in den Industriestädten Traunreut und Trostberg? Fürchten letztere um die eigene geplante Umgehungsstraße, wenn so viel Geld in den Süden des Kreises fließt? Niemand traut sich eine Prognose zu, die Befürworter so wenig wie die Gegner.

"Am Anfang war die Euphorie größer"

Für die organisiert in Traunstein Beate Rutkowski den Widerstand. Ihre Zentrale ist das kleine Büro des Bund Naturschutz, dessen Kreisvorsitzende sie ist. "Am Anfang war die Euphorie größer", glaubt sie. "Je mehr nachgedacht wird, desto mehr Sorgen und Kritik kommen." Die Gegenargumente sind auf dem Land nicht viel anders als in München: die einseitigen Verträge des IOC. Der hohe Flächenverbrauch. Die Natur- und Umweltzerstörung. Unkalkulierbare Kosten gerade für den finanzschwachen Alpenrand.

"Das Thema emotionalisiert", sagt sie. Bei ihrer Infoveranstaltung in Traunstein hätten die Sitzplätze nicht gereicht. Solch einen Zulauf ist der BN bei seinen Themen nicht gewohnt. "Mir ist ein Rätsel, wie die Bürgermeister mit gutem Gewissen für Winterspiele werben können. Den Menschen ist nicht klar, was auf sie zukommt", sagt Rutkowski.

Einer der voll hinter der Bewerbung steht, ist der Ruhpoldinger Bürgermeister Claus Pichler (SPD). Im voll besetzten Kurhaus wirbt er für die "einzigartige Chance". Planer Matthias Schöner und Chiemgau-Arena-Chef Engelbert Schweiger mühen sich dann redlich, Begeisterung für das Konzept zu erzeugen. Ausgerechnet die Bauern, die bei der 2018er Bewerbung in Garmisch am härtesten Widerstand leisteten, reißen die Veranstaltung heraus.

Alle 15 hätten bereits die Absichtserklärungen für das temporäre Langlaufzentrum unterschrieben, sagt Hans Hallweger. "Mir stinkt's, wenn sich andere Leute über unsere Grundstücke Gedanken machen. Wir sind die Bauern." Sie würden schon aufpassen auf ihr Eigentum. "Wenn was geteert wird, wird's abgeblasen." Sein Kollege Josef Zeller sagt: "Wir müssen was tun für unsere Zukunft."

"Eine Geldmaschinerie"

Es steht im Ruhpoldinger Kurhaus aber auch Walter Pichler auf, selbst als Biathlet Bronzemedaillengewinner bei Winterspielen. "Warum einer wie ich gegen die Bewerbung ist?", fragt er, um gleich die Antwort zu geben: Die Spiele seien nichts anderes mehr als "eine Geldmaschinerie", von Doping verseucht, in den Kosten unkalkulierbar. Es bleibt eine Meinung der Stillen, im Saal ist es die Minderheit. Wie viele tatsächlich gegen Winterspiele sind? Bürgermeister Pichler glaubt an eine Mehrheit im Ort, im Landkreis will er sich nicht festlegen. So viele, dass es knapp wird, auf alle Fälle. Er hofft auf die Solidarität im Landkreis.

Die könnte schon in den Nachbarorten aufhören. Die Inzeller, Besitzer der modernsten Eislaufhalle Deutschlands, machten in einer Bürgerversammlung deutlich, dass sie nicht Journalisten in der Halle sehen wollen, sondern Eisschnellläufer. Bürgermeister Martin Hobmaier (CSU) erzählt von einer "explosiven Stimmung". Die habe sich erst gelegt, als er versprochen habe, noch mal zu verhandeln. Wenigstens die Eiszeit im Herbst vor den Spielen will er retten. In dieser Periode kommen viele Gäste zum Training. In Reit im Winkl wiederum haben sich viele Hoffnungen gemacht, die Langlaufwettbewerbe austragen zu können. Der Ärger, dass sie nun so gar nicht olympisch werden, könnte sich an der Wahlurne entladen.

Nur in Garmisch-Partenkirchen, der Hochburg sämtlicher Entladungen bei der Bewerbung 2018, scheint diesmal Eintracht zu herrschen. Die Entlastung im Konzept lässt viele an eine größere Ski-WM denken. Von einer olympischen Mehrheit gehen viele aus, doch muss die auch zur Wahl gehen. Sonst wird es auch hier knapp, manche Rechnung der letzten Bewerbung ist noch offen.

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Quelle:
SZ vom 06.11.2013
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