Artenvielfalt Wo die Befürworter und Gegner des Volksbegehrens leben

Zu den großen Vorzügen des Volksbegehrens "Rettet die Bienen" gehört, dass es sich mit wunderbaren Blumenwiesen bebildern lässt - hier eine Aufnahme aus München.

(Foto: imago/Ralph Peters)

In Buckenhof haben 39,2 Prozent der Bürger für Artenvielfalt unterschrieben, in Innerzell nur 5,7 Prozent. Warum? Ein Spurensuche

Von Claudia Henzler und Andreas Glas

Buckenhof

Auf den ersten Blick ist Buckenhof kein besonders spektakulärer Ort. Eine kleine Gartenstadt, die nahtlos an Erlangen angrenzt. Ein Vorort, wie es viele in den Speckgürteln großer Städte gibt. Und doch ist Buckenhof einzigartig: 39,2 Prozent der Wahlberechtigten haben hier für das Volksbegehren zum Artenschutz unterschrieben - die höchste Zustimmung in ganz Bayern.

Die Suche nach Erklärungen führt in Agnes Biomarkt, der vielleicht nur zufällig in der Mitte von Buckenhof liegt. Möglicherweise sagt diese Lage aber auch schon etwas aus über den Charakter dieses Ortes. Drinnen wird passenderweise gerade Honig von einem lokalen Imker zum Kosten angeboten. Und Inhaberin Heidrun Hartmann fragt gleich aufmerksam, ob sie irgendwie helfen könne. Sie wohnt zwar in einem Nachbarort, hat aber jeden Tag Gelegenheit, die Buckenhofer Bevölkerung zu studieren. Darum fallen ihr zu ihren Kunden sofort ein paar Stichworte ein: "Gute Bildung, relativ hohes Einkommen. Dadurch ein hohes Problembewusstsein." Dass einer ihrer Mitarbeiter jeden Kunden auf das Volksbegehren angesprochen hat, mag auch noch ein bisschen zum Erfolg beigetragen haben.

Viele der 3200 Einwohner sind Akademiker, die in Erlangen bei Siemens oder in der Universität arbeiten. Die Immobilienpreise sind hoch, auch weil Platz für neue Baugebiete fehlt. Denn die Gemeinde ist gerade mal 1,4 Quadratkilometer groß und wird auf zwei Seiten vom Flüsschen Schwabach mit seinen unverbaubaren Hochwasserwiesen begrenzt, auf der dritten von einem riesigen Waldgebiet, das bis nach Nürnberg reicht.

Heinrich Sommer darf wohl als nicht ganz untypischer Einwohner gelten. Er hat gerade sein Altglas in den Recyclingcontainern vor dem Rathaus entsorgt. Der Rentner ist 1978 aus Nordhessen nach Buckenhof gezogen, als er in Nürnberg bei einer Firma für Medizintechnik anfing. Heute ist er im Ruhestand und kann die Vorzüge seiner Wahlheimat noch mehr genießen: "Wir leben in einer kleinen Gemeinde und sind in zehn Minuten in der Großstadt - und zwar mit dem Fahrrad." Zu den Nachbarn gibt es freundschaftliche Beziehungen. Sie kegeln und feiern zusammen - und haben auch über das Volksbegehren gesprochen. "Wir haben alle gemerkt, dass die Windschutzscheibe früher voller Insekten war. Und jetzt ist sie fast sauber." Deshalb war sich die Gruppe einig, dass sie unterschreiben muss. "Dann sind wir zu sechst hierher marschiert."

Buckenhof gilt als wohlhabend, sieht aber nicht so aus. An den verkehrsberuhigten Straßen links und rechts der Ortsdurchfahrt stehen vorwiegend Einfamilienhäuser mit Garten, doch dazwischen mischen sich auch etliche Mehrfamilienhäuser. Protzige Villen sucht man vergeblich, vor den Häusern parken Klein- und Mittelklassewagen. In einem Vorgarten picken Hühner, man hört Vogelgezwitscher.

Buckenhofs Bürgermeister Georg Förster.

(Foto: Sonja Slowek/oh)

Schon bei der Landtagswahl hatte Buckenhof Furore gemacht, weil die Grünen mit 33,6 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft wurden. Es war der einzig grüne Tupfer im schwarzen Landkreis Erlangen-Höchstadt. Überraschenderweise sitzt im Gemeinderat dennoch kein einziger Grüner, noch nicht einmal einen Ortsverband gibt es. Die Hälfte der 16 Gemeinderäte sind Freie Wähler, der Rest Unabhängige Bürger, CSU und SPD. Die erledigen die grüne Politik offenbar einfach selbst. "Wir haben das Gedankengut", sagt Bürgermeister Georg Förster. Nachhaltigkeit sei in seiner Gemeinde eine Querschnittsaufgabe, Ökologie werde bei allen Projekten mitgedacht. Förster ist parteilos und gehört zu den Freien Wählern, die hier eigene Wege gehen und auch ein spezielles Logo entwickelt haben. Es ist im Ort auf den Plakaten fürs Volksbegehren zu sehen. Dementsprechend kommentiert Förster auch das Ergebnis: "Fast 40 Prozent. Ich habe mich natürlich riesig darüber gefreut."

Innernzell

Es ist Freitag, später Vormittag, und man möchte jetzt gern wissen, wie dieser Ort tickt. Innernzell, 1542 Einwohner, wunderschön gelegen im Bayerwald, mit Blick auf Rachel und Lusen. Nur 73 Menschen haben hier für das Volksbegehren unterschrieben. Man spaziert ins Dorfzentrum. Der Kramerladen steht leer, der Metzger hat schon länger dicht gemacht, aber einen Bäcker gibt es. Da kann man ja mal fragen. Man drückt den Türknauf, aber: geschlossen. Wo sind all die Menschen, die scheinbar kein Herz für Bienen haben?

Vielleicht eine blöde Uhrzeit, noch dazu unter der Woche. Die Menschen sind in ihren Häusern oder in der Arbeit, und natürlich ist es ein Vorurteil, dass die Leute hier kein Herz für Bienen haben. Aber die Zahl existiert nun mal: 73. Hier, im Kreis Freyung-Grafenau, war die Beteiligung am Volksbegehren ohnehin relativ gering: 11,4 Prozent. Aber nirgends im Landkreis war sie geringer als in Innernzell. 73 Unterschriften entsprechen nur 5,7 Prozent der Stimmberechtigten.

Zehn Gehminuten entfernt vom Dorfzentrum findet man dann doch einen belebten Ort. Ein Edeka mit Bäckerei, hinter der Auslage steht Ramona Simeth, die Verkäuferin. Nein, sagt sie, das Volksbegehren sei bei ihren Kunden kein Thema gewesen. Sie habe davon auf Facebook gelesen, "ich hätte auch unterschrieben". Aber sie habe nicht gewusst, wo man das tun konnte. In der Gemeinde? Ach so, sagt Simeth, das sei ihr neu.

So ging es auch einer Frau, die auf dem Edeka-Parkplatz aus dem Auto steigt. Unterschrieben hätte sie aber eh nicht, sagt sie. Nicht, weil sie nichts übrig habe für Umweltschutz, im Gegenteil. Sie habe eine Blumenwiese, Plastiktüten nutze sie mehrmals. "Aber braucht's immer gleich ein Gesetz?" Eine andere Frau sagt, sie habe aus Solidarität mit den Bauern nicht unterschrieben, die mehrheitlich gegen das Volksbegehren waren. Am Artensterben, findet sie, "hat jeder Schuld, nicht nur die Bauern".

Innernzells Bürgermeister Josef Kern.

(Foto: Gemeinde/oh)

Dass sich hier kaum jemand am Volksbegehren beteiligt hat, "dafür gibt es viele Gründe", sagt Josef Kern, Bürgermeister in Innernzell. Er hat ja recht. Man kann nicht sagen, wie ein Dorf tickt, in dem 1542 unterschiedliche Menschen leben. Aber wenn es einer wissen könnte, dann Kern (CSU). Seit 30 Jahren führt er die Gemeinde. Also, warum nur 5,7 Prozent? Kern, 65, sagt: "Es ist nicht so, dass die Leute die Natur nicht interessiert." Auch die Gemeinde tue da viel, Obstbäume pflanzen, die Bauern anweisen, dass sie Abstände zu Gewässern halten. Er zeigt eine Urkunde her, die Innernzell bekommen hat: "Staatlich anerkannte Ökomodellregion". Vielleicht, sagt Kern, gebe es hier tatsächlich eine überdurchschnittlich große Solidarität mit den Bauern. Etwa 20 Höfe gehören zur Gemeinde, auch Kern stammt aus einer Bauernfamilie. Kann es auch mit Politikverdrossenheit zu tun haben? Jeder fünfte Innernzeller hat bei der Landtagswahl AfD gewählt, ob das was aussagt? Stimmt, sagt Kern, die Grünen (5,5 Prozent) haben schlecht abgeschnitten, die ÖDP lag unter einem Prozent. Er habe schon den Eindruck, dass seine Bürger zufrieden sind. In Innernzell herrsche Vollbeschäftigung, aber viele müssten halt in die Arbeit pendeln. Nach Deggendorf, Dingolfing, Passau. "Wir kommen nicht ohne Auto aus", sagt Kern. Wenn Parteien dann ein Dieselverbot fordern, höre er hier oft Sätze wie: "Denken die nur an die Städte?"

Hat mancher also eine Grundskepsis gegenüber umweltpolitischen Forderungen? "Mit Sicherheit", sagt Kern. Ob er selbst fürs Volksbegehren unterschrieben hat? Nein, aber er habe Achtung vor der hohen Beteiligung. Man müsse sich auch mit den Meinungen anderer auseinandersetzen. "Sonst wird man blind", sagt Kern, "und dann wird es gefährlich."

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