König Otto von Bayern? "Keine Ahnung, nie gehört!", so lautete die Standardauskunft über diesen Mann, der immerhin drei Jahrzehnte lang den Titel König von Bayern führte, länger als jeder andere. Es gibt weder Denkmäler noch staatstragende Gemälde noch Prachtstraßen, die vom Ruhm dieses Königs künden.
Er ist der große Unbekannte in der Riege der bayerischen Könige, das glatte Gegenteil seines Bruders Ludwig II., eines weltweit populären Superstars. Otto wird in der bayerischen Erinnerungskultur auch künftig keine tragende Rolle spielen. Sein Todestag, der sich am Dienstag zum 100. Mal jährte, dürfte ein letztes Aufflackern des Gedenkens an diesen unglücklichen Menschen hervorrufen.
Das Problem des Königs Otto ist, dass er nur ein Schattenkönig war. Zwar rückte er nach dem Tod seines Bruders Ludwig II. im Juni 1886 an dessen Stelle, wegen einer Geisteskrankheit konnte er sein hohes Amt aber nicht ausüben. Sein Onkel Luitpold führte an seiner Stelle die Staatsgeschäfte, und zwar als Prinzregent.
So ist Otto vor allem zum Sinnbild für die sterbende bayerische Monarchie geworden. Sein Biograf Alfons Schweiggert schreibt nicht zu Unrecht, dass die Monarchie in Bayern bereits 1886 mit dem Tod Ludwigs II. gestorben, mit dem Tod Ottos 1916 begraben und sich zwei Jahre später, in der Revolution von 1918, dann in Nichts aufgelöst habe.
Schon in seiner Jugend hatten sich bei Otto Anzeichen einer geistig-psychischen Störung bemerkbar gemacht. Im Mai 1875 erregte er Aufsehen, als er während eines Gottesdienstes in der Münchner Frauenkirche nach vorne stürmte, sich auf den Altarstufen vor dem Bischof niederwarf und laut schreiend seine Sünden bekannte.
Dabei galt Otto als sportlich, gut aussehend und charmant. Er hätte nach dem Tod Ludwigs II. anno 1886 ein beliebter König werden können. Stattdessen siechte er von 1880 an, weggesperrt im Schloss Fürstenried, bis zu seinem Tod dahin, ohne auch nur eine Stunde zu regieren.
Nicht zu seinem Wohle war gewiss seine Teilnahme am Frankreichkrieg von 1870. Den Kriegsstrapazen war er nicht gewachsen, der Anblick verstümmelter Soldaten setzte ihm schwer zu, bleich, elend und fröstelnd, so schilderten ihn Zeitzeugen. Ludwig II. sah frühzeitig ein, dass sich sein Bruder nicht zur Regierungsübernahme eignete - für den Fall seiner Abdankung, mit der er damals liebäugelte.
Immerhin nahm Otto an der Kaiserproklamation in Versailles teil. Am 18. Januar 1871 wurde dort der Preußenkönig Wilhelm zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Otto empfand dies als bedrückend: "Der deutsche Kaiser, das deutsche Reich, Bismarck, die laute preußische Begeisterung, die vielen Stiefel, das alles macht mich unendlich traurig." Er konnte sich ebenso wie sein Bruder mit dem Verlust der bayerischen Eigenstaatlichkeit nicht abfinden, in diesem Punkt war er sehr klar im Kopf.
Ottos Biograf Alfons Schweiggert vertritt die These, man könne Ludwig II. gar nicht verstehen, wenn man sich nicht mit Otto befasse. Durch Einblicke in Ottos tragisches Leben werde nicht nur das komische Verhalten seines Bruders begreiflicher, sondern auch die Entwicklung, die zum Ende der Monarchie in Bayern führte.
Die Geschichte Bayerns wäre wohl nicht anders verlaufen
Ludwig war von Otto geradezu abhängig. Stets kontaktierte er Otto als Ratgeber in politischen Fragen, als Vermittler bei Verhandlungen, als Seelentröster, er war seine wichtigste Bezugsperson. Ottos Erkrankung war für Ludwig ein Fiasko.
Am 11. Oktober 1916 starb König Otto I., er wurde in der Gruft der Michaelskirche in München nahe dem Sarkophag Ludwigs II. zur letzten Ruhe gebettet. Die Münchner Post brachte nur eine kleine Meldung: "König Otto ist am 11. Oktober gestorben. Ein geistig längst Toter ist nun auch körperlich erloschen."
Die Münchner Neuesten Nachrichten spöttelten: "So viel wie nach Ottos Tod ist über ihn während des ganzen Lebens nicht geschrieben worden."
Wäre die Geschichte Bayerns unter ihm anders verlaufen? Die meisten Historiker bezweifeln das. "Auch seine Herrschaft wäre in den Nachkriegsjahren zerbrochen", vermutet Schweiggert, für den der Lebensweg der Königsbrüder erschütternd vor Augen führt, "dass sich die Erbärmlichkeit von Macht nirgendwo sonst eindringlicher zeigt, als wenn sie sich im Schatten einer Krankheit zu bewähren versucht".


