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Zulauf zum Brennerbasistunnel:Lärmschneise durch Oberbayern

Der Weg in den Süden: ein Versorgungstunnel des künftigen Brennerbasistunnels. Mit dem Bau der beiden Hauptröhren wurde noch nicht begonnen.

(Foto: bbt)

Der Zulauf zum Brennerbasistunnel wird eines der umkämpftesten Bahnprojekte in Bayern. Die Bahn will die vorhandene Trasse durch sieben Dörfer im Inntal für mehr als 300 Züge pro Tag ausbauen. Politiker aus der Region kündigen Widerstand an.

Der Rosenheimer Landrat Wolfgang Berthaler (CSU) überließ seinem Gast von der Bahn den Platz am Fenster - "als Fluchtweg". Diesen benötigte Stefan Kühn, Leiter der DB Netz in Bayern, ebenso wenig wie die angebotene schusssichere Kevlar-Weste. Doch eine Drohbotschaft nimmt der Manager in die Konzernzentrale mit: Der Zulauf zum Brennerbasistunnel wird eines der umkämpftesten Bahnprojekte im Freistaat.

Kühn stellte am Dienstag erstmals einen Zweistufenplan für das bayerische Inntal vor: Die beiden Gleise sollen so ertüchtigt werden, dass im Jahr 2025 mehr als 300 Züge täglich durch die sieben Dörfer des Tals fahren können. Derzeit sind es etwa 180 pro Tag. Im Jahr 2016 soll parallel die Planung für den Neubau zweier weiterer Gleise starten.

Den Ausbau der Strecke von München nach Rosenheim hat die DB dagegen vorerst aufgegeben. Sie hält den dafür nötigen, Milliarden teuren Tunnel von München-Trudering nach Grafing für nicht finanzierbar. Die Alternative: Güterzüge könnten künftig auf einem Ostkorridor über Regensburg in den Süden fahren und München damit meiden.

Seit etwa zwei Jahrzehnten wird über einen Ausbau der Strecke durch das Inntal gesprochen, passiert ist in Bayern bisher nichts. Wie überdrüssig die Menschen in der Region dieses Stillstands sind, demonstrierte die Rosenheimer Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer (CSU). Sie verließ die gemeinsame Sitzung mit der Deutschen Bahn vorzeitig und erbost. "Ich habe es nicht mehr ausgehalten."

Seit Jahren solle sie ihren Bürgern erklären, wo die Gleise einer der wichtigsten Nord-Süd-Routen Europas durch ihre Region verlaufen und wie sie vor dem zusätzlichen Lärm geschützt werden sollen. Wieder einmal habe die Deutsche Bahn auf einer Veranstaltung zum Planungsfortschritt vor allem eines offen gelassen. "Wo ist der Fortschritt?" Nur bei einem Punkt habe die DB eine klare Haltung: "Beim Lärmschutz zieht sie sich auf die gesetzliche Mindestverpflichtung zurück."

"Wir werden kämpfen"

Zulauf zum Brennerbasistunnel: Die Bahn will die vorhandene Trasse für mehr als 300 Züge pro Tag ausbauen.

(Foto: SZ-Grafik)

In Tirol ist der Ausbau auf vier Gleise bereits fertig, nur das Anschlussstück nach Deutschland fehlt noch. Weite Teile der neuen Strecke verlaufen dort in Tunnels. Die Nachbarn aus Bayern fordern für alle Ausbau- und Neubaupläne nun Tiroler Standards. Ohne eine Einhausung oder eine Verlegung in einen Trog werden die Menschen im Inntal keine 300 Züge durch ihre Dörfer fahren lassen, sagt der Rosenheimer Landrat Berthaler. "Wir werden kämpfen." Die DB muss nämlich nur da einen Lärmschutz errichten, wo sie die Strecke ertüchtigt. "Das sind nur etwa zehn Prozent", sagt Berthaler.

Die DB verweist auf die Politik: Ohne zusätzliches Geld könne sie nur den gesetzlichen Mindeststandard einhalten, sagt Manager Kühn. "Es muss hier ein Verursacherprinzip geben. Wir fliegen auf den Mond, aber sind nicht in der Lage, eine solche Strecke einzuhausen", kontert die Rosenheimer OB. Wenn die Bahn darauf antworte, dann müssten die Kommunen diesen Schutz selbst zahlen, sei das zu wenig. "Man muss das maximal Mögliche tun."

Derzeit maximal 220 Züge pro Tag

Das bayerische Inntal ist eine der Engstellen auf der europäischen Bahnverbindung von Berlin nach Palermo. Derzeit dürfen zwischen Rosenheim und der Tiroler Grenzstadt Kufstein maximal 220 Züge pro Tag fahren. Sollte der Brennerbasistunnel jedoch wie vorgesehen 2026 fertig werden, könnten theoretisch 484 Züge durch und über den Pass fahren. Mit dieser Maximalauslastung rechnet aber niemand. Die Bundesregierung erwartet zur Eröffnung des Tunnels 302 Züge auf der deutschen Strecke. Und diese sollen zumindest zwischen 2026 und 2036 auf den bereits existierenden zwei Gleisen fahren. Dann erst sollen die beiden neuen Gleise fertig sein. Die lange Dauer hat auch mit einem deutschlandweit einmaligen Planungsprozess zu tun: Erstmals beginne der Dialog mit den Bürgern auf der Basis eines weißen Blatts Papier, sagt DB-Manager Kühn.

Trotzdem sitzt das Misstrauen gegen die Deutsche Bahn tief: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht mit einer Billiglösung abgespeist werden", sagt Landrat Berthaler. Ihn treibt eine böse Vorahnung um: Wenn die beiden vorhandenen Gleise so aufgerüstet sind, dass 302 Züge auf ihnen fahren können, dann könnte dieses Provisorium zum Standard werden. Denn wer baut für eine Milliardensumme zwei neue Gleise, wenn sich der Bedarf auch nach Eröffnung des Brennerbasistunnels auf diesem Niveau einpendeln oder nur geringfügig steigen sollte, fragt er.

Die CSU-Politiker schimpfen aber auch deshalb so laut auf die Bahn, damit ihre unterschwellige Kritik an der eigenen Partei nicht zu hören ist. Auf die Frage, ob sie sich genügend unterstützt fühlten, herrscht beredtes Schweigen. Tatsächlich müsste ihr eigener Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt zusätzliches Geld für den Lärmschutz genehmigen. Der besucht kommenden Dienstag ohnehin Rosenheim. "Minister kommen und gehen. Wir brauchen jetzt eine schriftliche Zusage dafür", sagt Landrat Berthaler. Dobrindt sollte schnell handeln, sonst wird auch er in Rosenheim früher oder später einen Fluchtweg benötigen. Allerdings einen anderen als Bahn-Manager Kühn: Das Fenster hinter ihm lag im fünften Stock.

© SZ vom 01.07.2014/afis

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