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Verkehrsprojekt:Sieben Milliarden Euro für neue Bahngleise zum Brenner

Mehr Lärmschutz für Zulaufstrecke zum Brennerbasistunnel

Ein Güterzug fährt über dem Eingang zum Zugangsstollen zum Brennerbasistunnel bei Steinach (Österreich).

(Foto: dpa)
  • Die mögliche Neubau-Bahnstrecke im bayerischen Inntal Richtung Brenner soll östlich von Rosenheim und Inn verlaufen.
  • Die Deutsche Bahn wählte damit aus zuletzt noch vorliegenden vier Varianten für einen möglichen Gleisverlauf die aufwendigste aus: 60 Prozent der 54 Kilometer langen Trasse sollen untertunnelt werden.

Von Matthias Köpf

Der computeranimierte Film, mit dem die Deutsche Bahn ihre bevorzugte Trasse für zwei neue Zulaufgleise zum Brennerbasistunnel vorstellt, dauert gute fünf Minuten. In denen gleiten allerlei Güterzüge, Regionalbahnen und Fernzüge durch die Region rund um Rosenheim, doch die meiste Zeit würde so eine Fahrt wohl durch die Dunkelheit führen. Die virtuelle Kamera blendet dann auf die Vogelperspektive und zeigt zwei gestrichelte violette Linien in der Landschaft.

Mindestens 60 Prozent der am Dienstag vorgestellten Trasse von Ostermünchen bis zur Grenze bei Kiefersfelden sollen im Tunnel verlaufen, der Bund würde sich das nach heutigen Schätzungen rund sieben Milliarden Euro kosten lassen. Diese Streckenführung wäre nach Angaben der Planer bautechnisch wohl die einzig realisierbare von zuletzt vier Varianten. Zugleich ist sie seit Jahren die bevorzugte Variante der Politik. Die erhofft sich von der Entscheidung ein Abebben des Widerstands in der Region.

Dass die Trasse zum Schutz von Menschen und Landschaft möglichst weitgehend im Untergrund verschwinden soll, war ein allgemeiner Wunsch, den Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nach eigenen Worten auch ausdrücklich als Auftrag an die Bahn formuliert hat. Die nicht nur von vielen lokalen Bürgerinitiativen, sondern zuletzt auch gern aus den Reihen von CSU und Freien Wählern gestellte Frage, ob die neuen Gleise zum schon seit Jahren im Bau befindlichen Brennerbasistunnel überhaupt notwendig sind, hält Scheuer spätestens für beantwortet, seit der Bundestag 2016 den aktuellen Bundesverkehrswegeplan samt Brennernordzulauf beschlossen hat. Damit sei der Ausbau gesetzlich verankert. Und wo seine bayerische Amtskollegin und Parteifreundin Kerstin Schreyer bei Scheuer vor wenigen Wochen noch "ein entschiedenes Vielleicht" ausgemacht hatte, da steht für den Minister "kein Vielleicht und kein Ob, sondern ein Wie" zur Debatte.

Dieses Wie hat die Bahn nach einer sechsjährigen Planungsphase nun auftrags- und erwartungsgemäß mit der Variante violett beantwortet, weil nach ihren Angaben alle Varianten westlich des Inns und der Stadt Rosenheim schon am dortigen Seeton scheitern, der als Baugrund für derlei Großprojekte denkbar ungeeignet sei.

Zugleich würden diese westlichen Varianten deutlich mehr Anwohner betreffen, darunter jene in den Orten im Inntal, die schon seit langer Zeit unter der zweigleisigen Bestandsstrecke leiden. Diese lässt sich laut Scheuer zwar so modernisieren, dass ihre Kapazität auch nach der Eröffnung des Brennerbasistunnels ausreichen würde, die aktuell für 2030 vorgesehen ist. Auf lange Sicht sei aber eine leistungsfähige Infrastruktur nötig, sagte Scheuer mit Verweis auf verschiedene "Szenarien", mit denen sein Haus die Entwicklung von Wirtschaft und Verkehr bis 2050 skizziert hat.

Die neuen Zulaufgleise in Bayern könnten laut dem DB-Konzernbeauftragten für Bayern, Klaus-Dieter Josel, im besten Fall 2040 fertig werden. Die nun vorgeschlagene Trasse werde zu "deutlich weniger Sorgen und Betroffenheiten in der Region" führen, betonte auch Josel, der das ganze Vorhaben ebenso wie Scheuer als "Jahrhundertprojekt" von europaweiter Bedeutung darstellte.

DB-Projektleiter Matthias Neumaier nannte am Dienstag erstmals eine Kostenrahmen. Der reiche nach jetziger grober Schätzung und inklusive Risiko- und Baukostenpuffer von 6,7 bis 7,2 Milliarden Euro, wobei eine gute Milliarde davon für den dortigen Tunnelanteil auf Kosten der Österreicher gehe. Deren Zulaufstrecke im unteren Inntal ist ansonsten schon seit 2012 in Betrieb. Am Südzulauf des Brennerbasistunnels in Südtirol sollen laut Josel noch in diesem Jahr die Bagger anrollen. Die Deutsche Bahn wird mindestens bis zum Jahr 2024 für die Verfeinerung ihrer Planung brauchen, über die am Ende noch einmal der Bundestag wird abstimmen müssen.

Geht es nach dem Verein Brennerdialog Rosenheimer Land, zu dem sich mehr als ein Dutzend lokaler Bürgerinitiativen zusammengeschlossen haben, sollte aber spätestens der Bundestag das Vorhaben stoppen, weil es überhaupt keine verträgliche Trasse durch die Region gebe und sich der Zugverkehr zum Brenner mit einigen Modernisierungen und Ergänzungen auch über die Bestandstrasse abwickeln lasse. Der Verein hatte schon vor der Trassenpräsentation angekündigt, am 24. April mit Töpfen, Trillerpfeifen und Kuhglocken eine "lautstarke Protestwelle" von Ostermünchen bis Oberaudorf durch die Region rollen zu lassen. Wie stark der Widerstand in der gesamten Region angesichts der Trassenentscheidung blieben wird, ist offen. Zuletzt war der Protest aus jenen Gemeinden, die mit dem Fortschreiten der Planung nicht mehr unmittelbar betroffen schienen, merklich abgeflaut.

Für die Stadt Rosenheim nahm OB Andreas März (CSU) das Ergebnis "mit Interesse zur Kenntnis". Er forderte allerdings, auch den Abschnitt nördlich von Rosenheim im Boden verschwinden zu lassen. Ein bloßer Ausbau der Bestandsstrecke, wie ihn die BIs fordern, komme nicht in Betracht. Auch Landrat Otto Lederer (CSU) forderte Verbesserungen in Form weiterer Tunnels im Norden. Ebenfalls müsse geprüft werden, ob die Verknüpfungsstelle der alten mit den neuen Gleisen bei Niederaudorf vom engen Inntal in den Berg Wildbarren verlegt werden könnte.

Minister Scheuer hat dazu bereits eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Entsprechende Dringlichkeitsanträge von CSU, FW und AfD, die am Dienstag im Verkehrsausschuss des Landtags behandelt werden sollten, hatten sich damit erledigt. Dem Antrag der FDP, sich ausdrücklich zum Brennernordzulauf zu bekennen, schlossen sich nur SPD und Grüne an.

© SZ.de/dpa/infu, van
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