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Augsburg:Brechts "Baal" wird weiblich

Brechtfestival

Patrick Wengenroth ist der künstlerische Leiter des Brechtfestivals.

(Foto: dpa)

Zum dritten und letzten Mal stellt Patrick Wengenroth sein Programm für das Brechtfestival in Augsburg vor - und das hat einige Überraschungen parat.

Nachdem sich Patrick Wengenroth 2017 zur Premiere des Brechfestivals in Augsburg unter seiner Leitung zunächst damit beschäftigt hat, die Welt zu ändern ("Sie braucht es!"), widmete er sich im Folgejahr der Gegenüberstellung von "Egoismus versus Solidarität". Und nun, im dritten und letzten Jahr seiner künstlerischen Intendanz in Augsburg, ist Wengenroth nach den globalen Problemen und generell menschlichen Defiziten sozusagen auf lokaler Ebene angekommen. Das Brechtfestival 2019 trägt den - gewollt geschlechtergerechten - Titel: "Für Stadtbewohner*innen".

Auch der Regisseur und Schauspieler Wengenroth ist Stadtbewohner. Er lebt in Berlin, ist mit dem Herzen aber auch in Augsburg heimisch geworden. Jedenfalls wirkte es so, als er in Augsburg das Programm für das Brechtfestival vom 22. Februar bis 3. März 2019 vorstellte. In seiner Stimme lag Melancholie und eine Brüchigkeit, die Abschiedsschmerz durchhören ließ. Denn die Stadt Augsburg hat sich seit seiner Verpflichtung im Jahr 2017 entschieden, die Leitung des Festivals alle drei Jahre in neue Hände zu geben.

Im Jahr 2020 soll erstmals ein Duo das Brechtfestival verantworten: die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner. Kühnel ist Hausregisseur am Schauspiel in Hannover, Kuttner inszeniert am Deutschen Theater in Berlin. Sie erhalten nach den Angaben von Kulturreferent Thomas Weitzel zunächst Verträge für ein Jahr, darüber hinaus gibt es eine Option für zwei weitere Festivals in den Folgejahren.

Ohne Wengenroth zu nahe treten zu wollen: Mit seinen schulterlangen Haaren und seinem Bart um Mund und Kinn sieht er aus wie ein Reserve-Jesus, der jederzeit in Oberammergau anheuern könnte. Tatsächlich hat er in Augsburg eloquent bewiesen, dass er im übertragenen Sinn übers Wasser gehen kann. Die finanziellen Mittel sind dort im kulturellen Bereich nicht üppig, weswegen die Programmzeitung auch nur in Schwarzweiß auf gewöhnlichem Papier gedruckt wird. Und dennoch hat er es geschafft, das Brechtfestival auf faszinierende Weise weiterzuentwickeln und für ein jüngeres Publikum zu öffnen, "ohne das ältere zu verlieren", wie er sagt.

Er hat die freie Theaterszene eingebunden, nutzt Konzerte junger Musiker und Poetry Slams als Rampe dafür, die Menschen ins Theater zu bringen. Und was dort zu sehen sein wird, verspricht Klasse. Das Augsburger Theater, das nun als Staatstheater firmiert, bringt den "Baal" auf die Bühne. Die Geschichte vom Lebenslauf dieses Mannes, den Bertolt Brecht als Naturgewalt beschrieben hat, wird diesmal allerdings zum Stresstest für das Publikum - eine Frau wird in die Rolle des Baal schlüpfen.

Die Verausgabung und Vielfalt, die Einsamkeit und der Reichtum, die Anonymität, die Enge, der Konsum und die Armut. Nirgendwo fand Bertolt Brecht eine solche Fülle an menschlichen Schicksalen wie in den Städten. Sein Gedichtszyklus "Aus dem Lesebuch für Städtebewohner" zeugt davon. Und dieser Zyklus gibt den Takt vor für das Festival 2019. Ob beim Gastspiel des Berliner Ensembles mit "Auf der Straße" oder bei der langen Brechtnacht - 36 Aufführungen an 19 Spielorten in der Stadt hält das Programm vor.

Wengenroth hat dem Festival zweifellos Aufmerksamkeit verschafft. Obwohl er, so seine Kritiker, anders als sein Vorgänger weniger bekannte Schauspieler verpflichtete. Es ging ihm immer mehr um die Inhalte als um prominente Pracht. Dabei hat er im vorigen Jahr durchaus Publikumslieblinge verpflichtet - Eva Mattes etwa. Diesmal kommt er den Zuschauern noch mehr entgegen: In "Unendlicher Spaß" nach dem Roman von David Foster Wallace stehen Jasna Fritzi Bauer, Sebastian Blomberg und Devid Striesow in Augsburg auf der Bühne (mehr Informationen unter www.brechtfestival.de).

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