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Brauchtum:Der Fresskorb, ein kurioses Phänomen

Womit hab ich das verdient? Seit Jahrzehnten dient der Fresskorb als offizielles Geschenk und zugleich als eine Art Opfergabe.

Als die Vilstaler Veteranen vor etlichen Jahren ihrem Vereinsmitglied Hans Schmid zum 90. Geburtstag einen Geschenkkorb überreichten, bedankte sich der Jubilar verschmitzt lächelnd mit dem legendären Hinweis, der Fresskorb komme gerade recht, weil der letzte längst leer sei. "Ich hab ja schon Angst gehabt, jetzt muss ich verhungern." Tatsächlich kann ein Mensch, wenn er erst einmal 80 Jahre alt und Mitglied in mehreren Vereinen ist, gar nicht verhungern.

Im bayerischen Vereinswesen ist es nämlich eine Selbstverständlichkeit, dass einem altbewährten Mitglied zum runden Geburtstag ein Geschenkkorb überreicht wird. Auf einschlägigen Pressefotos ist gut dokumentiert, dass sich an solchen Jubeltagen in so manchem Wohnzimmer vier oder fünf frische Fresskörbe anhäufen, klassische Weidenkörbe mit Henkel und kunstvollen Schleifen, in denen Weinflaschen, Fischdosen, Ananasfrüchte und Keksschachteln kunstvoll drapiert sind.

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Der Geschenkkorb ist ein omnipräsentes und dauerhaftes Phänomen, aber man nimmt ihn kaum wahr. In Bayern ist dieser Brauch nach dem Krieg aufgeblüht. Erstaunlich ist, dass er bislang kein wissenschaftliches Interesse geweckt hat. Das bestätigt auch Michael Ritter vom Landesverein für Heimatpflege: "Da gibt es tatsächlich Forschungsdefizite!" Der Geschenk- oder Fresskorb zählt zwar zu den beliebtesten Geschenken überhaupt, aber er wirft Fragen auf.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Foto, das im Juli 2016 anlässlich des 70. Geburtstages des CSU-Politikers Erwin Huber aufgenommen wurde. Bei der Feierlichkeit in Reisbach überreichten die Kollegen der CSU-Landtagsfraktion dem Jubilar einen Fresskorb mit der üblichen Ausstattung an Wein, Kaffee, Schokolade und bajuwarischen Schmankerln. Aus volkskundlicher Sicht aber sticht ins Auge, dass sich die Überbringer des Präsents, die Abgeordneten Bocklet, Kreuzer, Freller und Zellmeier, mit Freudengesichtern um den Jubilar scharen, als überreichten sie ihm gerade einen Luxuswagen.

Jeder streckt die Hände aus, um den vom Jubilar tapfer gestemmten Korb zu berühren. Auf diese Weise wirkt dieses Ritual wie die Überreichung einer Opfergabe, die durch Berührung eine irgendwie höhere Weihe bekommt. Der Geschenkkorb wird in dieser Szene also symbolhaft überhöht, denn einen Fresskorb zum Überleben braucht ein Spitzenpolitiker wie Erwin Huber vermutlich nicht mehr. Vor 50 Jahren bedeutete ein Geschenkkorb dagegen noch eine materielle und exotische Verheißung. "Zaubern Sie sich den Süden auf Ihren Tisch!" lockte die Firma Maggi 1959 die Leserinnen einer Frauenzeitschrift.

Wir sind wieder wer!

Kein Wunder, dass die Eier-Ravioli aus der Konservendose bei Geschenkkorb-Empfängern Euphorie auslösten. Kakao, Ananas und Orangen waren selbst in der Wirtschaftswunderzeit noch keineswegs alltäglich, Delikatessen wie Wurst, Butter und Bohnenkaffee kamen höchstens einmal in der Woche auf den Tisch. Die Preziosen eines Fresskorbs vermittelten der Kriegsgeneration in Zeiten, in denen die Wampe, die Zigarre und der Opel Kapitän wachsenden Wohlstand symbolisierten, auch das Gefühl: Wir sind wieder wer!

Rosi Spross, die in Velden eine Bäckerei betreibt, gestaltet seit Jahrzehnten Geschenkkörbe. "Ein Klassiker war früher das Danziger Goldwasser", erinnert sie sich. Das ist ein Gewürzlikör, dem Goldblättchen zugegeben wurden, auch, um damit Reichtum zu demonstrieren. "Heute braucht man so etwas nicht mehr in einen Geschenkkorb legen, die Kunden legen wieder größeren Wert auf regionale Produkte."

Aber es gibt immer noch eiserne Regeln: Männerkörbe versieht sie mit Rotwein, Frauenkörbe mit einem Piccolo. Männer bekommen Saures, Frauen Obst. An der Grundausstattung eines normalen Geschenkkorbs hat sich nicht viel geändert. "Nur der Lachs, der wird verlangt, das ist immer noch ein besonderes Produkt", sagt Rosi Spross.

Als privates Geschenk verliert der Korb an Bedeutung

Sich mit Nahrungsmitteln zu beschenken, ist in allen Kulturen üblich. Es war immer auch ein sinnbildlicher Akt. Noch heute ist es Brauch, einem Hochzeitspaar für eine gedeihliche Zukunft einen Laib Brot und Salz zu schenken. Gleichwohl zeichnet sich in der Geschenkkorb-Kultur ein Wandel ab. Als privates Geschenk verliert der Korb an Bedeutung, als Standard-Mitbringsel der Bürgermeister und Vereinsabordnungen für Jubilarsbesuche wird er immer beliebter.

Auch Firmen belohnen ihre Kunden gerne mit solchen Präsenten. Davon profitiert vor allem der Geschenkkörbe-Versand, der sich auf Themenkörbe spezialisiert hat. Im Angebot stehen auch bayerische Schmankerlkörbe, die etwa Geräuchertes, Presssack im Glas und Obstbrände enthalten, was nicht zuletzt auch eine politische Programmatik beinhaltet.

Selbst Papst Franziskus wurde mit einem solchen Spezialitätenkorb aus Bayern bedacht, als Ministerpräsident Horst Seehofer 2014 zu einer Privataudienz geladen war. Er bekam fränkischen Wein, Landshuter Schnupftabak und Münchner Weißwürste. Der Kabarettist Helmut Schleich bekam daraufhin die Krise. Man müsse sich doch schämen, wenn der Ministerpräsident mit einem bayerischen Fresskorb im Vatikan auftrete - "Dosenweißwurst für den Papst! Armes Bayern."

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