Der schwarze Locher von Leitz, Modell 800, stammt aus dem Jahr 1923 und ist noch voll funktionstüchtig. Damit könnte also schon Oskar von Miller hantiert haben, der Vordenker und Planer das Walchenseekraftwerks. Genau dies macht das gusseiserne Bürohilfsmittel für die heutigen Betreiber besonders wertvoll. Denn der Locher, den Büromitarbeiter noch immer verwenden, gehörte zur Erstausstattung des Chefbüros im Verwaltungstrakts des 1924 eröffneten Kraftwerks.
Aber was hat dieser seit einem Jahrhundert existierende Gegenstand, den Theodoros Reumschüssel jetzt im Informationszentrum in Kochel am See präsentierte, mit der bayerischen Tracht zu tun? Ist es die traditionsverhaftete Beständigkeit? Oder ist diese Unveränderlichkeit für die Tracht oft nur ein Klischee? Genau dieser Frage widmete sich an diesem Abend Alexander Karl Wandinger, der für die Trachtenfachberatung bei der Heimatpflege des Bezirks Oberbayern zuständig ist. Dafür hatte ihn Reumschüssel als Unternehmenssprecher von Uniper für die Wasserkraft eingeladen.

Mit seinem akkurat zurechtgestutzten weißen Vollbart und dem gestreiften Trachtenhemd wirkt Wandinger selbst wie ein Paradebayer. Und doch sagt er gleich zu Beginn einen Satz, der für überzeugte Traditionalisten sicher schwer zu ertragen ist: „Die echte Tracht gibt es genauso wenig wie echte Bayern.“ Letzten Endes sei jedes Gewand auch nur Mode der jeweiligen Zeit, so der Experte. So habe sich auch die Tracht laufend verändert.
Modische Veränderungen galten Kritikern oft als Zeichen des Werteverfalls
Die Tracht als Ausdruck unverfälschten Landlebens war zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor allem ein Konstrukt der städtischen Bevölkerung. Mit spätestens jeder neuen Generation änderte sich jedoch laut Wandinger auch die Mode auf dem Land. Beispielhaft dafür war etwa die extra hoch angesetzte Taille der Empire-Kleider um 1800, die sich auch im ländlichen Raum verbreitete. Das zeigte Wandinger anhand der Abbildung einer Frau aus Holzkirchen im Raum Miesbach mit hoch geschnittener Taille unter dem Mieder. Ebenso wanderte bei Männern der Hosenbund unter die Brust. „Modische Veränderungen galten schon damaligen Kritikern als Zeichen des Werteverfalls der Bevölkerung“, so Wandinger.

Als aus dem Kurfürstentum Bayern im Jahr 1806 ein Königreich wurde, ließ dessen erster Monarch Max I. Joseph ganz bewusst die Vorstellung regionaltypischer Landestrachten fördern. Damit sollte das Nationalbewusstsein gefördert werden. „Tracht erfährt eine ideologische Aufladung“, sagte Wandinger. Das zeigt sich beispielsweise an einem fiktiven Typus, der im 19. Jahrhundert entstand: der kerngesunde Berglers in kurzer Lederhose als vermeintlich natürliches Original.
Daran orientierte sich auch die Figur des sogenannten Schmied von Kochel – das Urbild des wackeren Oberlandlers, der Anfang des 18. Jahrhunderts gegen die Besatzungsmacht Österreich kämpfte und in der Sendlinger Mordweihnacht umgekommen sein soll. Ein Standbild in Kochel inszeniert den Schmied denn auch mit kurzer Lederhose, Vollbart und genau geschnittenem Haar. Nur, so Wandinger: Dies entspreche überhaupt nicht der Mode um 1705. Denn zu dieser Zeit trugen die Männer statt kurzer Lederhose Kniebundhose, keinen Vollbart und schulterlanges Haar.

Nichts sei eben so sehr im Wandel wie die Mode und der Musikgeschmack, so Wandinger. Und das gilt insbesondere für die Tracht. In Bayern begann eine institutionalisierte Trachtenpflege erst 1883. In diesem Jahr gründete der Lehrer Josef Vogel in Bayrischzell den ersten Trachtenverein. In derartigen Zusammenschlüssen haben sich zu Beginn der Bewegung zunächst in erster Linie Handwerker, Arbeiter und Angehörige der Dienstbotenschicht verbunden, wie Wandinger erzählte. Also Bevölkerungsgruppen, die infolge der Industrialisierung ihre Heimat verlassen und sich anderswo eine neue Existenz aufbauen mussten. So stand die Trachtenbewegung mit ihren vielen organisierten Mitgliedern aus der sozialdemokratisch orientierten Arbeiterschicht um 1900 quer zu kirchlich-konservativen Wertvorstellungen. In Kirchenkreisen galten die Trachtenvereinsmitglieder mit ihrem eigenartigen Kleidungsverhalten, dem Alkoholkonsum und der öffentlich gezeigten guten Laune als revolutionär, so Wandinger. Um so mehr, als viele von ihnen am Sonntag lieber aufs Gaufest gingen als zum Gottesdienst. „Heute würden wir mit dem Wort revolutionär nie einen Trachtenverein so wie damals verbinden.“
Trachtenumzüge haben ihren Ursprung in der wilhelminische Reichsepoche
Den militaristischen Traditionen der wilhelminischen Reichsepoche folgen bis heute die in Reihen geordneten Umzüge von Trachtlerinnen und Trachtlern hinter der Fahne mit Marschmusik oder etwa die ursprünglich aus dem Kriegsumfeld stammende Feldmesse. Vor allem auch in der Nazi-Diktatur wurde das mit vermeintlich altehrwürdigen Volks- und Brauchtumswerten aufgeladene Trachtenwesen propagandistisch vereinnahmt und ideologisiert.

Doch zurück zum Gewand. Gerade am Alpenrand überlagern sich heutzutage laut Wandinger verschiedene Ebenen. Es gebe die Menschen, die privat und ohne Anlass Tracht trügen. Darüber hinaus existiere etwa die in Vereinen organisierte Trachtenpflege. Einst war das Dirndl nichts weiter als ein Arbeitskleid mit engem Oberteil und angesetztem Rock, Bluse und Schürze. Und in ganz Deutschland verbreitet, so Wandinger. Die erste richtige Dirndlmode sei um 1910/1915 in Bayern entstanden.
„Einheitliche Regeln festigen das Gruppengefühl“
Aufs Oktoberfest gingen die Männer bis in die 1960er- und 1970er-Jahre allerdings im normalen Anzug. Ziemlich neu sei, dass jemand auf Unverständnis stoße, wenn er ohne trachtiges Outfit auf die Wiesn gehe, so Wandinger. Frei erfunden seien die Regeln zum Binden der Schürze. Zum Beispiel, dass eine rechtsgebundene Schleife anzeige, die Trägerin sei in fester Partnerschaft – oder noch zu haben sei, wenn die Schleife linksgebunden sei. Andererseits seien solche Entwicklungen erklärbar, so Wandinger. „Einheitliche Regeln festigen das Gruppengefühl. Es braucht für alles eine gute Geschichte.“
So wie für den seit den 1920er-Jahren verwendeten Locher aus dem Walchenseekraftwerk. Dessen simple und einfache Handhabung und Funktionstüchtigkeit dank robustem Material verbindet Theodorus Reumschüssel mit dem Walchenseekraftwerk, das immer noch mit der hundert Jahre alten Ausstattung funktioniere und Strom erzeuge. Ein Symbol für Nachhaltigkeit, wie der Uniper-Unternehmenssprecher findet.

