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Brandschutzmängel:Das Theater Augsburg muss schließen

Das Stadttheater wurde 1877 eröffnet und im Zweiten Weltkrieg zerstört. 1956 wurde es wiederaufgebaut. Seitdem gab es nur punktuell Renovierungen.

(Foto: Nik Schölzel/Theater Augsburg)
  • Die Stadt hat beschlossen, das Theater Augsburg zu schließen.
  • Grund sind akute Brandschutzmängel.
  • Für die Intendantin beginnt die schwierige Suche nach einer neuen Spielstätte.

Von Stefan Mayr, Augsburg

So mitgenommen hat man Juliane Votteler noch nie gesehen. Und das, obwohl sie in ihren neun Jahren als Augsburgs Theater-Intendantin einiges mitmachen musste. Kurz vor der Pressekonferenz im Foyer des Großen Hauses schlägt sie auf dem Podium beide Hände vors Gesicht. "Wir sind zutiefst schockiert", sagt die 56-Jährige, die quasi von heute auf morgen ohne ihre wichtigste Spielstätte dasteht.

Am Freitag gab die Stadt bekannt, dass das Große Haus wegen akuter Mängel im Brandschutz nur noch vier Wochen bespielt werden darf. Nach dem 19. Juni wird das marode Gebäude für den Publikumsverkehr geschlossen. Voraussichtlich bis 2022. Also sechs Jahre lang.

"Frau Votteler steht jetzt unter bemerkenswerter Belastung", sagt der Oberbürgermeister. So kann man das ausdrücken, wenn eine Intendantin innerhalb weniger Monate eine neue Spielstätte suchen und bespielbar machen muss. In Vottelers Gesicht war mehr als nur "bemerkenswerte Belastung" zu erkennen, sondern auch pure Trauer und Verzweiflung. Eigentlich wollte sie sich mit einer rauschenden Spielzeit vom Publikum verabschieden.

Was hatte sie nicht alles geplant für die kommende Saison: Puccinis Tosca, Mozarts Idomeneo, Dvořáks Rusalka, Thomallas Kaspar Hauser, um nur einige Opern zu nennen. Diese Pläne sind erst einmal zerschossen. "Wir werden so viel wie möglich umsetzen", sagt sie. Wahrscheinlich würden ein oder zwei Produktionen "gar nicht oder anders" gezeigt. Für genaue Details sei es noch "zu früh".

"Wir müssen jetzt nachdenken, wo gehen wir hin", sagt Votteler. Man brauche eine Spielstätte mit wenigstens 600 Plätzen. Aber das bietet in Augsburg nur die Kongresshalle - und die ist bereits weitgehend mit anderen Veranstaltungen ausgebucht. Das gilt auch für die kleinere Brechtbühne neben dem Großen Haus.

Das Ofenhaus im ehemaligen Gaswerk wird derzeit zwar für Theaterzwecke (mit 300 Plätzen) ertüchtigt, es steht nach Angaben von Kultur-Referent Thomas Weitzel aber erst 2018 zur Verfügung. Kurzum, die Spielzeit 2016/17 hängt völlig in der Luft. Juliane Votteler sagt: "Wir schaffen das." Bislang steht nur eines fest: In vier Wochen ist im Großen Haus Schicht im Schacht. Und das für sehr lange Zeit. Auch der Opernball 2017 wird ausfallen - und nicht etwa woanders stattfinden.

Warum das Theater so kurzfristig schließen muss

Ursprünglich sollte erst nach dem Ball zugesperrt werden. Doch am Donnerstag entschied die Stadtspitze, vorzeitig dichtzumachen. Zuvor hatte die Feuerwehr den Extremfall simuliert - einen Kabelbrand über der Garderobe mit gleichzeitigem Stromausfall. Dabei trat im Zuschauersaal Rauch auf, und damit war für Feuerwehr-Chef Frank Habermaier klar: Die restliche Spielzeit kann - wie zuletzt - mit großem Aufwand noch gesichert werden. "Darüber hinaus ist ein Spielbetrieb aber nicht vertretbar", sagt Habermaier, "man muss das Glück nicht herausfordern."

OB Kurt Gribl betont, ein Besuch des Theaters sei nach wie vor sicher. Er selbst werde "frei von Sorgen" noch einige Vorstellungen ansehen. Danach werde er die Generalsanierung vorantreiben. Im September soll der Stadtrat das 189-Millionen-Euro-Projekt beschließen. 2018 sollen die Arbeiten beginnen. 2022 soll der Probebetrieb starten. Und 2023 die Wiedereröffnung gefeiert werden.

Doch es regt sich Widerstand, eine Initiative sammelt Unterschriften für ein Bürgerbegehren gegen die Neuverschuldung der Stadt. Es könnte also noch länger dauern. An die Adresse der Gegner sagt OB Gribl: "Wir bringen das Haus in Ordnung. Wenn man uns nur lässt."

© SZ vom 21.05.2016

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