Das Naturwaldreservat Seeloch galt lange Jahre als Paradebeispiel für die mächtigen alten Fichtenwälder auf den Höhenzügen des Bayerischen Walds. Es liegt am Kleinen Arbersee und zieht sich die Steilhänge zum Großen Arber hinauf. Von den vielen hohen Fichten dort ist freilich keine mehr da. Nun ist das Naturwaldreservat eine riesige Kahlfläche. Der Grund ist der Borkenkäfer. Im Hitzesommer 2023 hat der Schädling die Fichten im Seeloch befallen. Die Bayerischen Staatsforsten mussten den alten Wald komplett umlegen. Sonst hätte der Borkenkäfer auf die Nachbarwälder übergegriffen und dort Tabula rasa gemacht.
Oben am Rand des Naturwaldreservats steht Hubert Aiwanger und blickt in den kahlen Steilhang. Der Wirtschaftsminister und Freie-Wähler-Chef, der kraft Amtes Aufsichtsratschef der Bayerischen Staatsforsten (BAySF) und damit auch zuständig ist für den Staatswald in Bayern, wirkt sichtlich beeindruckt. „Wenn der Borkenkäfer einen Wald befällt, muss man schnell eingreifen und ihn konsequent bekämpfen“, sagt Aiwanger. „Nur dann hat man eine Chance.“ Im Sommer 2023 hat der Borkenkäfer nicht nur im Naturwaldreservat Seeloch gewütet. Sondern vielerorts im Bayerischen Wald.
Aiwanger will sich an diesem Tag informieren, wie es steht um die Bekämpfung des Borkenkäfers in den Wäldern. Dazu ist er mit einem großen Tross in der Region unterwegs. Natürlich sind viele Vertreter der BaySF und Mitarbeiter der Forstämter im Bayerischen Wald dabei. Aber auch eine Reihe kleine und größere Waldbesitzer, dazu Förster des Hauses Hohenzollern, dem am Großen Arber 2200 Hektar Fichtenwald gehören, und Kommunalpolitiker wie der Bürgermeister von Bodenmais, Michael Adam. An sie alle richtet Aiwanger immer wieder den Appell, frühzeitig und schnell zu kooperieren. „Denn wir wollen grüne Wälder, keine abgestorbenen Gespensterwälder.“
Anders als in den vergangenen beiden Jahren ist die Borkenkäfersituation in diesem Sommer vergleichsweise entspannt im Bayerischen Wald. „Der Befall hat sich deutlich abgeschwächt“, sagt Aiwanger. Die BaySF melden kaum noch Schadholz. Gleich ob bayernweit oder im Bayerischen Wald, sie müssen in diesem Jahr nur halb so viele Borkenkäfer-Bäume holen als 2024. Auch in den privaten Wäldern hat sich die Lage beruhigt. Wichtige Gründe, so sagen zumindest die Fachleute in Aiwangers Tross, sind das wechselhafte Wetter in diesem Sommer und die immer wieder doch relativ kühlen Nächte. Deshalb sind ganz offenkundig deutlich weniger Schädlinge ausgeschwärmt als zuletzt.

Dennoch gilt es unbedingt, wachsam zu bleiben. Das ist nicht nur das Credo der Staatsförster und der privaten Waldbesitzer an diesem Tag. Das betont auch Aiwanger immer wieder. So auch als er etwas weiter weg vom Seeloch in ein Waldstück geführt wird, in dem vor wenigen Tagen einige Fichten entdeckt worden sind, die der Borkenkäfer erst unlängst befallen hat. Da begutachtet Aiwanger ausgiebig ein Rindenstück mit den Bohrgängen des Käfers. Die Fichten müssen nun schleunigst aus dem Wald herausgeholt werden.
Mit in Aiwangers Tross ist die Chefin des Nationalparks Bayerischer Wald, Ursula Schuster. Wann immer es im Bayerischen Wald nämlich um den Borkenkäfer geht, steht der Nationalpark besonders im Fokus. Denn in einem Nationalpark gilt der Grundsatz: Natur Natur sein lassen. Die Wälder dort werden sich selbst überlassen, der Mensch greift nicht in sie ein. Bezogen auf den Borkenkäfer heißt das, dass der Schädling im Kerngebiet des Nationalparks freie Bahn hat. Er wird nur in der Randzone des Nationalparks bekämpft. Dadurch wird verhindert, dass er vom Nationalpark aus auf Wälder außerhalb übergreift.

An dem Borkenkäfer-Konzept des Nationalparks scheiden sich seit jeher die Geister. Nationalpark-Chefin Schuster versichert, dass es sehr erfolgreich ist und beruft sich dabei auf wissenschaftliche Studien. Viele Waldbesitzer in der Region wollen aber nicht daran glauben. Sie sind sich ziemlich sicher, dass der Borkenkäfer immer wieder vom Nationalpark aus auf die anderen Wälder in der Region übergreift und das die Ursache Nummer eins für die Schädlingsschäden dort ist. Wann immer der Borkenkäfer im Bayerischen Wald umgeht, steigt deshalb der Druck auf den Nationalpark.
So auch im Sommer 2023. Da wurde der Druck auf den Nationalpark und seine Chefin Schuster so groß, dass sie sich gezwungen sah, den Kampf gegen den Borkenkäfer in dem Schutzgebiet auf zwei Bereiche auszuweiten, in denen das bis dahin tabu war. Das wiederum hatte massive Proteste von Naturschützern zur Folge. Wie außerhalb des Nationalparks hat sich inzwischen auch in dem Schutzgebiet die Lage sehr beruhigt.
Nun bekommt Schuster sogar ausdrückliches Lob von Aiwanger. Der Wirtschaftsminister, der aus seiner grundsätzlichen Skepsis gegen Nationalparks und andere Waldnaturschutzgebiete in der Vergangenheit keinen Hehl gemacht hat, dankt der Nationalpark-Chefin an diesem Tag wiederholt für die Kooperation. Zugleich erklärt er, dass er in Sachen Borkenkäfer und Bayerischer Wald am Ball bleiben wolle. Er kündigt an, dass „wir alle Beteiligten weiterhin regelmäßig an einen Tisch holen werden“.


