Subkultur Auf dem Land braucht es viel Eigenwillen, um Kultur anzubieten

Nun ist Katharina Schiedermair-Bauer, die Eigentümerin des Areals, keine, die auf das "Bogaloo" eine gesichtslose Wohnanlage mit maximalem Profit hinstellen will. Sie war selbst oft dort, sie nennt Wimmer "den Reini", er sie "die Katha", ihr Verhältnis beschreiben beide als gut. Wann genau gebaut wird auf dem Gelände, zu dem außer dem "Bogaloo" ein leer stehender Gasthof, ein leer stehendes Brauereigebäude und ein Kiesparkplatz gehören, das verhandelt sie noch. Wohnungen werden es sein, das sieht der städtebauliche Vertrag vor, den sie vor sechs Jahren mit der Stadt geschlossen hat.

Auf dem Land braucht es viel Eigenwillen, um Kultur anzubieten. Kultur, die eine Ergänzung ist zu Trachtenvereinen und Mehrzweckhallen, die sich auch problemlos mit Monika Grubers und AC/DC-Coverbands ausverkaufen lassen. Es gibt kaum Fördermittel für Live-Clubs wie das "Bogaloo", nicht auf städtischer, nicht auf Landesebene. Wenn der Club leer ist, weil die Band nicht genug Leute anlockt oder ein Montag ist, dann sitzt Wimmer auf den Kosten für Band, Gema, Barpersonal. Die 2000 Euro für den "Besten Club Bayerns" sind ein hübsches Trinkgeld, mehr nicht.

Etwa 100 Kilometer nördlich, im niederbayerischen Viechtach hat der Konzertveranstalter Olli Zilk etwas mehr Glück. Er hat gerade den mit 40 000 Euro dotierten "Applaus" gewonnen, einen vom Bund mitfinanzierten Preis. Seit eineinhalb Jahren holt er Bands in das Alte Spital, eine kleine ehemalige Kapelle, von der zypriotschen Coverband bis zum Hipster-Trio aus Brooklyn. Zilk hat den Vorteil, dass das Spital der Stadt gehört, er muss keine Miete zahlen. Die Bands übernachten meist bei ihm zuhause, die Bar im Spital schmeißt seine Mutter, das spart Personal. In Viechtach ist man stolz auf das Spital. Trotzdem lebt auch dieser Club vom Engagement Einzelner. Noch immer steht Zilk vor jedem Konzert vor der Tür und bibbert, wie viele Leute kommen. Ob überhaupt jemand kommt. All seine Konzerte laufen auf Spendenbasis; Zilk glaubt, so ist die Hürde niedriger, sich auch mal eine Band anzuhören, die man nicht kennt.

Wimmer und Zilk sind von den selben Dingen getrieben: der Liebe zu guter Musik und der Liebe zu ihrer Heimat. Klar könnten sie in die Großstadt gehen und dort ihre Konzerte veranstalten. Wollen sie nicht. Das Land braucht sie mehr. Die Politiker wollten doch immer, dass das Land attraktiver würde, auch für junge Leute, sagen sie, warum also sei es auf dem Land oft nahezu unmöglich, in einem leer stehenden Gebäude ein Konzert zu organisieren?

"Was sollen wir machen?", fragt Pfarrkirchens Bürgermeister Wolfgang Beißmann von der CSU, "die Stadt ist im Falle ,Bogaloo' nicht Grundstückseigentümer." Beißmann, 42, ist viel zu sehr Pfarrkirchner, als dass ihm die Bedeutung des Clubs nicht bewusst wäre. Er war selbst sehr oft dort, natürlich. "Das Bogaloo ist nicht nur ein Club", sagt er, "es ist ein Projekt". Er wirkt etwas zerrissen zwischen dem Wunsch, den Bürgern seiner florierenden Stadt Wohnraum zu geben und dem Wunsch, das Bogaloo zu retten. Mehrfach spricht er mit der Eigentümerin, um einen Weg zu finden, wie vielleicht beides gehen könnte, Club und Wohnungen. Geht natürlich kaum. Wer wohnt, will keinen Club-Lärm haben. Aber er arbeite daran, bald "einen Topf mit Mitteln" auf den Weg zu bringen, um Kulturveranstalter wie Reinhard Wimmer in Zukunft unkompliziert zu unterstützen, sagt Beißmann. Das "Projekt Bogaloo", das soll weitergehen.

Auf dem Marienplatz löst sich die Demo auf, es herrscht Einigkeit darüber, dass es weiterhin Konzerte und Subkultur geben muss im Rottal, auch, wenn das "Bogaloo" im alten Kino nicht mehr da sein wird.

Mit den 2000 Euro für den "Besten Club" chartert Reinhard Wimmer ein paar Tage später einen Bus und fährt mit der "Action-Crew" Ende Dezember zur Preisverleihung nach München. Ist jetzt ja eh schon egal. Wimmer wird als Veranstalter in der Region weiter arbeiten, das steht fest. Das "Projekt Bogaloo" aber muss künftig ohne ihn stattfinden. Sich jetzt auf neue Kompromisse einzulassen, dafür fehlen ihm die Energie und auch der Wille. Die Eigentümerin Schiedermair-Bauer hat ihm zwar angeboten, mit dem "Bogaloo" in das Brauereigebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite umzuziehen, es sich wenigstens einmal anzuschauen, aber Wimmer lehnt ab. Auch, weil er sagt: "Das Bogaloo, das kann man nicht einfach so umziehen."

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