Süddeutsche Zeitung

Hochwasser in Niederbayern:Was der Mais mit der Jahrtausendflut zu tun hat

  • Mindestens sechs Tote und Schäden in Millionenhöhe an einem Nachmittag - die Folgen des Hochwassers in Niederbayern sind verheerend.
  • Im Zentrum steht nun die Frage, wie man so eine Katastrophe verhindern könnte.
  • Klar ist schon jetzt, dass die industrielle Landwirtschaft eine wichtige Rolle dabei spielt. Gerade der intensive Maisanbau erhöht die Hochwassergefahr.

Von Christian Sebald

So eine Sturzflut wie am Mittwoch hat es in Bayern noch nie gegeben. Zumindest kann sich kein Experte an eine vergleichbare Katastrophe erinnern. Noch in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch wurde am Pegel Simbach nur 50 Zentimeter Wasserstand gemessen. In den folgenden Stunden schwoll er allmählich an.

Um 13:45 Uhr waren es bereits 2,52 Meter. Dann rollte die braune Welle heran, mit brachialer Gewalt. Um 14 Uhr, nur eine Viertelstunde später also, wälzten sich 4,80 Meter hohe Fluten durch Simbach. "Ein Ereignis von solcher Heftigkeit kommt statistisch gesehen alle tausend Jahre einmal vor", sagt Anton Steiner, "das hat keiner vorhersehen können."

Steiner muss es wissen. Der Ingenieur ist im Umweltministerium für das Hochwasser-Monitoring im Freistaat zuständig, er zählt zu den hochkarätigen Experten seiner Zunft. So schnell wie die Flutwelle über Simbach hereingebrochen ist, so schnell hat sie sich auch wieder abgebaut. Schon um 18 Uhr wurden am Pegel nur noch zwei Meter Wasserstand gemessen.

Mindestens sechs Tote und Schäden in Millionenhöhe an einem Nachmittag - wie könnte man so eine Katastrophe verhindern? Zumal der Freistaat seit dem Pfingsthochwasser 1999 Jahr für Jahr Hunderte Millionen Euro in den Hochwasserschutz pumpt - bis 2020 werden es 3,4 Milliarden Euro sein. "Natürlich geben wir unser Bestes", sagt Steiner. "Aber es wäre eine Illusion, wenn wir der Bevölkerung einen hundertprozentigen Schutz gegen solche Katastrophen versprechen würden."

Der Hochwasserschutz im Freistaat ist auf sogenannte hundertjährige Ereignisse ausgerichtet. Also auf Überschwemmungen, wie sie statistisch gesehen alle hundert Jahre einmal passieren. Die Sturzflut von Simbach hat diese Dimension komplett gesprengt. "Selbst wenn wir wollten", sagt Steiner, "wir könnten Rückhaltebecken und Dämme, aber auch die Kanalisation in den Ortschaften nicht auf solche Flutwellen auslegen." Und zwar nicht nur, weil der Schutz nicht zu bezahlen wäre. Sondern auch wegen technischer Grenzen. "Wollte man zum Beispiel Passau gegen ein tausendjähriges Hochwasser schützen", sagt Steiner, "dann müsste man eine 25 Meter hohe Schutzwand errichten, und zwar um die ganze Stadt herum. Das ist nicht möglich."

Die Hochwasserschützer stoßen aber auch an weitere Grenzen. Die Unwetter, welche die Sturzfluten in Simbach und Triftern, aber auch in den Regionen um Ansbach und Landshut herum auslösten, kamen so plötzlich und gingen so punktuell nieder, dass ihnen keinerlei Zeit für Vorwarnungen blieb. Geschweige denn, dass Feuerwehren und Technisches Hilfswerk die Zeit gehabt hätten, Wohnhäuser, Schulen und Läden mit Wällen aus Sandsäcken oder Sperren zu schützen.

"Zwar sind die Warnungen des Deutschen Wetterdienstes sehr präzise", sagt Steiner. "Aber die Meteorologen werden auch in Zukunft nur regionale Warnungen aussprechen können. Exakte örtliche Prognosen, ob ein Unwetter in Simbach niedergeht oder sechs Kilometer links davon, sind schlicht nicht möglich." Die Einsätze der Feuerwehren, der Rettungskräfte und der anderen Helfer werden in Zukunft wohl noch schwieriger.

Sicher sind für die Experten nur zwei Dinge: Zum einen werden künftig sehr viel öfter Unwetter mit Niederschlägen von 50, 60 oder noch mehr Litern Regen pro Quadratmeter niedergehen als bisher. "Denn mit dem Klimawandel nehmen auch hierzulande alle sogenannten Extremereignisse zu", sagt Steiner. "Das gilt für Hochwässer genauso wie für Trockenperioden." Auch Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) betonte am Donnerstag in Simbach, dass sie in Zukunft immer häufiger mit punktuellen und gleichsam aus dem Nichts kommenden Hochwässern rechne.

Maisanbau erhöht die Hochwassergefahr

Zum anderen spielt bei diesen Katastrophen ganz offenkundig die industrielle Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Experten warnen schon seit Langem davor, dass gerade der intensive Maisanbau die Hochwassergefahr erhöht. Der Grund: Die Äcker, die inzwischen oft mehrere Hundert Meter Länge und Breite haben, liegen bis weit ins Jahr hinein mehr oder weniger blank da. Das Erdreich ist Niederschlägen nicht nur schutzlos ausgeliefert, sondern auch so schnell gesättigt mit Wasser, dass es nichts mehr aufnehmen kann.

Die Folge sind tonnenweise Erosionen, also Abschwemmungen von Erdreich. Sie verschlammen Bäche und kleine Flüsse. Dadurch können diese immer weniger Wasser aufnehmen und treten bei heftigen Niederschlägen schneller über die Ufer. Außerdem führen sie Unmengen an Sedimenten mit, die Kanalrohre und andere Abflüsse schnell verstopfen.

Niederbayern und vor allem die Gegend um Simbach und Triftern ist das Zentrum des Maisanbaus in Bayern. Experten zufolge summieren sich die Maisäcker im Landkreis Rottal-Inn, in dem die beiden Kommunen liegen, auf ungefähr 25 000 Hektar Fläche. Das ist ein Drittel des gesamten Agrarlandes in der Region. Aber es ist nicht nur die schiere Masse des Maisanbaus. Sondern auch das zum Teil sehr steile Hügelland, das die Erosion begünstigt.

Das niederbayerische Rottal zählt deshalb zu den vier Regionen Deutschlands, die am stärksten unter Erosion leiden. Dort gibt es Gebiete, in denen zehn Tonnen Humus pro Hektar Ackerland und Jahr abgeschwemmt werden. Zehn Tonnen je Hektar - das ist ein Kilogramm fruchtbarer Boden je Quadratmeter, der verloren geht.

Wenig verwunderlich also, dass Experten, aber auch Ortsansässige den industriellen Maisanbau als einen der Faktoren für die Katastrophe in Simbach ausmachen. Auch Agrarminister Helmut Brunner (CSU) kennt die Gefahr. Die Erosion der Agrarböden reduziere nicht nur deren Fruchtbarkeit, sagt er. "Sondern sie steigert auch die Hochwassergefahr."

Vor eineinhalb Jahren hat er deshalb die Initiative "Bodenständig" gestartet. Ihr Ziel ist nicht nur die Renaturierung der vielen begradigten und verrohrten Bäche und Flüsschen in Bayern. Sondern auch die Anlage naturnaher Flutmulden und Grünstreifen entlang ihrer Ufer. Das Ziel: Die Bodenerosion durch den industriellen Ackerbau soll nicht noch schlimmere Ausmaße annehmen.

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SZ vom 03.06.2016/infu
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