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Milchbauern gegen Discounter:Streit um Aldis Bauernmilch

Der Jungbauer Andreas Böhm aus Oppertshofen liefert Milch für Aldis neue Bauernmilch.

(Foto: oh)
  • 500 bayerische Aldi-Märkte führen kommende Woche die Milchsorte "Meine bayerische Bauernmilch" ein. Der Discounter bezieht die Milch ausschließlich von Bauernhöfen im Freistaat.
  • Aldi zahlt den Milchlieferanten der "bayerischen Bauernmilch" 2 Cent mehr als den aktuellen Marktpreis.
  • Der Bayerische Bauernverband und die Milchbauern-Organisation BDM kritisieren das Vorgehen des Discounters: Aldi sei für die derzeitige Milchkrise verantwortlich.

Regionale Lebensmittel sind voll im Trend, nun springt auch der Discounter Aldi auf ihn auf. Von Montag an führen die 500 Aldi-Märkte im Freistaat "Meine bayerische Bauernmilch" im Sortiment. "Unsere neue Bauernmilch ist ein sehr wichtiges Produkt für uns", sagt Manager Ralf-Thomas Reichrath. "Mit dieser Marke kommen wir nicht nur den Wünschen der Verbraucher nach. Wir demonstrieren unser Engagement für eine regionale und nachhaltige Landwirtschaft."

Drei Gütesiegel - und zwei Cent mehr für Milchbauern

Denn, so das Versprechen von Aldi: "Meine bayerische Bauernmilch" stammt nicht nur ausschließlich von Bauernhöfen im Freistaat. Die Landwirte, welche sie liefern, erhalten zum aktuellen Marktpreis von 30 Cent je Liter Milch einen Aufschlag von etwa zwei Cent. Vom Bayerischen Bauernverband und von der Milchbauern-Organisation BDM kommt scharfe Kritik.

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Die neue Bauernmilch, für die der Kunde zehn Cent mehr bezahlt als für die konventionelle Aldi-Milch, steht erst einmal nur als Frischmilch in den Kühlregalen - die Vollmilch in schlanken, dunkelblau gehaltenen Tetrapacks, die fettarme in hellblauen. Damit der Kunde die neue Marke sofort erkennt, prangt oben auf den Packungen ein weißes Herz und gleich dahinter der Schriftzug "meine bayerische Bauernmilch". Unten auf den Tetrapacks sind drei Gütesiegel aufgedruckt: das "Regionalfenster" und der "Ohne-Gentechnik"-Stempel des Bundes sowie das Logo "Geprüfte Qualität - Bayern" des Freistaats.

"Diese staatlichen Siegel garantieren, dass in den Packungen Milch von höchster Qualität ist", sagt Reichrath, "unsere bayerische Bauernmilch ist völlig transparent und bis zu den Bauernhöfen zurückverfolgbar." Außerdem schaltet Aldi von Montag an eine Internetseite (www.milfina-bayern.de) mit Informationen über alle 61 Bauern und die nordschwäbische Molkerei Gropper frei, welche "meine bayerische Bauernmilch" liefern.

Wenn Discounter sich auf "Regional"-Stempel stürzen

Das Bemerkenswerte an Aldis neuer Bauernmilch ist freilich weniger die Tatsache, dass der Discounter sie einführt. Experten rechnen seit geraumer Zeit damit, dass sie kommt. Schließlich haben die bayerischen Aldi-Märkte seit längerem eine Reihe von Lebensmitteln aus dem Freistaat in ihrem Sortiment - Salate und Tomaten aus dem Nürnberger Knoblauchsland etwa oder Braten und Steaks von hiesigen Rindern. Außerdem bieten andere Lebensmittelketten längst Bauernmilch aus regionaler Produktion an. Aldis schärfster Konkurrent Lidl hat seine Hausmarke "ein gutes Stück Heimat" schon vor sechs Jahren eingeführt. Sie funktioniert ähnlich wie Aldis Bauernmilch.

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Das Bemerkenswerte ist denn auch, dass Aldi seine Bauernmilch gerade jetzt einführt. Die Bauern erleben in diesen Wochen den schlimmsten Preisverfall seit der großen Milchkrise in den Jahren 2008 und 2009. Landauf, landab bekommen sie inzwischen nur noch 30 Cent für den Liter Milch, etliche Molkereien bezahlen sogar nur noch etwas mehr als 29 Cent.

In Nord- und in Ostdeutschland sind die Preise noch tiefer gefallen. Dabei kostet die Produktion eines Liters Milch ungefähr 45 Cent. Das Schlimmste aber ist: Es gibt keine Anzeichen, dass die Krise bald ein Ende haben könnte. Experten wie Günther Felßner, der Vizepräsident des Bayerischen Bauernverbandes, und Romuald Schaber, der Chef der Milchbauern-Organisation BDM, gehen sogar davon aus, dass sie bis Ende 2015 anhält. Schaber hält es gar für möglich, dass sie sich bis Mitte 2016 fortsetzt und die Bauern dann womöglich nur mehr 28 Cent je Liter Milch erhalten.

"Das hält kein Bauer lange durch"

"Die Situation ist schlimm, sehr schlimm", sagt denn auch Andreas Böhm. Der kräftige Jungbauer ist einer der 61 Landwirte, die Milch für die neue Aldi-Bauernmilch liefern. Auf seinem Hof im nordschwäbischen Oppertshofen halten er und seine Eltern 140 Milchkühe und 250 Jungtiere. Das sind allein gut hundert Kühe mehr als auf einem durchschnittlichen bayerischen Bauernhof.

Die Böhms schaffen das nur, weil sie ihren Hof komplett durchrationalisiert haben. Melkroboter, Fütterungsautomat und andere hochmoderne Technologien sind bei ihnen Standard. Aber auch die Böhms sind schwer am Kämpfen. "Denn das muss jedem klar sein", sagt der Junior, "ob 30 oder 32 Cent, das steht kein Bauer lange durch, egal wie effizient er arbeitet."

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Bauernverband-Vize Felßner lässt denn auch kein gutes Haar an der Aldi-Bauernmilch. Im Gegenteil: Für ihn ist der Discounter sogar der Schuldige an der Milchkrise. "In den Frühjahrsverhandlungen mit dem Lebensmittelhandel hatten die Molkereien und wir gehofft, dass wir den Milchpreis um vier Cent nach oben schrauben können", sagt Felßner, der selbst Milchbauer ist. "Dann hat Aldi ihn ohne Not um fünf Cent nach unten gedrückt."

Die "bayerische Bauernmilch" - fairer Deal oder Ausbeutung?

Für den Bauernverband-Vize ist es "unerträglich" und eine "Lüge", wenn der Discounter nun von "Nachhaltigkeit" und "Förderung der regionalen Landwirtschaft" spricht. "Die Wahrheit ist", ruft er empört, "Aldi darf das Wort Bauernmilch nicht in den Mund nehmen, weil er die Bauern kaputt macht." BDM-Chef Schaber würde das so scharf nicht formulieren. Zumal er "den Kollegen in ihrer Not die zwei Cent Aldi-Aufschlag von Herzen gönnt". Aber auch er spricht von einer "Feigenblatt-Aktion, mit der sich Aldi aus der Schusslinie bringen will".

Bei Aldi lässt man das natürlich so nicht stehen. Manager Reichrath verweist darauf, dass sich Aldi-Süd schon vor fünf Jahren ausdrücklich zu einem schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen, umweltschonenden Betriebsabläufen und einem fairen Umgang mit seinen Lieferanten bekannt habe. In diesem Jahr habe man Regularien für eine "Tierwohl-Einkaufspolitik" festgelegt. So habe sich der Discounter verpflichtet, Tierhaltern den Mehraufwand zu honorieren, der ihnen durch bessere Bedingungen in ihren Ställen entsteht. Die Einführung von "Meine bayerische Bauernmilch", sagt Reichrath, liege genau auf dieser Linie.