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Biografie:Bayerns Stimme in Rom

Reinhard Raffalt (1923-1976) erreichte mit seinen Büchern und Filmen einst ein Millionenpublikum.

(Foto: Privat)

Reinhard Raffalt hat im Kulturbetrieb der Nachkriegszeit tiefe Spuren hinterlassen - dennoch sind diese fast verweht. Eine aktuelles Buch würdigt den Journalisten, der damals schon die Zukunft Europas thematisierte

Noch vor wenigen Jahrzehnten hatte der Name Reinhard Raffalt in Deutschland wie auch in Italien einen ruhmvollen Klang. Dass dieser bedeutende und erfolgreiche Autor weitgehend in Vergessenheit geraten ist, resultiert nicht zuletzt aus den gewaltigen Kulturumbrüchen seit den 1960er-Jahren. Dabei war Raffalt eine durch und durch schillernde Persönlichkeit, nicht umsonst zählt er zu den namhaftesten Journalisten, Schriftstellern und Kulturvermittlern der Nachkriegszeit. Mit seinen Büchern, Hörfunksendungen und Filmen begeisterte er nach dem Krieg eine Millionenschar nördlich und südlich der Alpen. Trotzdem sind die tiefen Spuren, die Raffalt im Kulturbetrieb hinterlassen hat, fast verweht. Jene, die um die einstige Bedeutung wissen, werden das bedauern, könnte doch so mancher Gedanke, den Raffalt über die Zukunft Europas fallen ließ, die verzweifelt geführten aktuellen Debatten durchaus bereichern.

Es müsse für ein künftiges Europa auch eine künftige europäische Kultur geschaffen werden, lautet eine Quintessenz Raffalts, der stets auf der Basis der Geschichte Europas argumentierte. Sich auf Wilhelm Hausenstein berufend, stellte Raffalt zum Beispiel schon 1962 die Frage, was aus München ohne die Fremden geworden wäre, die sich hier - "mit grantiger Duldung durch die Einheimischen" - niedergelassen haben. "Zweifellos hätte unsere Vitalität schon in der Vergangenheit nicht ausgereicht, diese Stadt zu ihrer eigentlichen Bedeutung zu führen", merkte Raffalt in dieser Rede an, die in einer aktuell erschienenen Raffalt-Biografie nachzulesen ist.

Verfasst wurde das Buch von dem aus dem Chiemgau stammenden Historiker Julian Traut, der durch Zufall auf den Nachlass von Raffalt gestoßen ist. Daraufhin verfasste Traut eine Dissertation über den universell begabten Raffalt, der zu Lebzeiten als "Bayerns Stimme in Rom" gewürdigt wurde und überdies von den 1950er- bis zu den 1970er-Jahren die auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik mitgestaltete. Trauts Untersuchung belegt deutlich: Wer sich mit Raffalts rastlosem Leben beschäftigt, erhält einen ungewöhnlich tiefen Blick in die politischen und kulturellen Verhältnisse der 50er- und 60er-Jahre. Überdies war gar manche Nische, in der Raffalt sich bewegte, bis jetzt erst schwach oder noch gar nicht ausgeleuchtet.

Die Sorte Journalist, die Raffalt verkörperte, ist heute fast verschwunden. Die Möglichkeiten der 50er-Jahre verdichten sich in seiner Person wie in einem Brennglas. Er war unglaublich gut vernetzt, er war charmant und wendig im Denken, und obendrein hatte er vor allem im Kulturbetrieb überall seine Finger drin. Dabei verlief sein Start in Italien eher zäh. Nach seinem Studium sammelte er erste Erfahrungen als Journalist bei der Passauer Neuen Presse. Dann zog es ihn nach Rom, wo er sich mit wenig Geld und Sprachkenntnissen zunächst als Kirchenorganist über Wasser hielt. Bald machte Raffalt Sendungen für den Bayerischen Rundfunk. Schnell zündeten seine vielen Kontakte, 1954 wurde Raffalt vom Auswärtigen Amt zum Direktor der Biblioteca Germanica ernannt, des ersten deutschen Kulturinstituts im Ausland nach dem Krieg.

Ein Blick in das Gesamtwerk Raffalts ist heute nur über Umwege möglich. Seine Hörbilder und Filme schlummern im Archiv des Bayerischen Rundfunks, seine Bücher in Antiquariaten. Zugegeben, die Art seiner Sprache und der bedächtige Schnitt seiner Filme wirken veraltet, aber Raffalts Themen sind zeitlos. Er arbeitete als Journalist nie tagesaktuell, stattdessen entwickelte er kulturelle Radio-Features, wie sie der BR heute noch pflegt. In italophilen Kulturkreisen wird Raffalt nach wie vor geschätzt. Die erste Auflage von Trauts kürzlich erschienener Biografie war binnen kurzer Zeit vergriffen.

Ein einziges Werk Raffalts wird noch aktuell aufgelegt, nämlich der Sprachkurs "Eine Reise nach Neapel, e parlare italiano". Raffalt schildert darin sehr amüsant seine Alltagserfahrungen in Italien. Raffalt selber bezeichnete dieses Frühwerk später ironisch als "Jugendsünde". Das antike Rom war für ihn die geistige Wiege Europas, diese Idee prägte lange vor der Europäischen Union sein Nachdenken über die Zukunft des Kontinents. Der Mensch brauche ein starkes Gefühl für Heimat, um diese nicht nur zu bewahren, sondern sie in etwas Neues zu verwandeln. Ausgehend von diesem modernen Gedanken, nennt Traut Raffalt einen "späten Repräsentanten des ausklingenden bürgerlichen Zeitalters". Seine formelle Mitgliedschaft in Hitlerjugend und NSDAP hat der transnational agierende Multi-Exponent deutscher Kultur nach dem Krieg weder beruflich noch privat jemals thematisiert.

Julian Traut: Ein Leben für die Kultur. Reinhard Raffalt (1923-1976) zwischen Bayern, Deutschland und Italien. Verlag Friedrich Pustet, 2018.