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Bildungspolitik:"Und denkt überhaupt jemand an die Kinder?"

Die bayerischen Chemieverbände setzen auf Dramatik, denn das Fach bekommt zwar eine Stunde dazu, soll aber in der elften Klasse in allen Zweigen außer dem naturwissenschaftlichen pausieren. Die politische Bildung leiste einen Beitrag zur Förderung des demokratischen Verständnisses, schreibt Günter von Au, der Vorstandsvorsitzende der Chemieverbände, in einem Brief an Spaenle. Aber "die reale Grundlage für Wohlstand, gut bezahlte Arbeitsplätze und sozialen Frieden als bestes Mittel gegen radikale Tendenzen in einer demokratischen Gesellschaft schaffen Wirtschaft und Industrie". Es wäre "brandgefährlich, eine innovationsgetriebene Industrienation ihrer naturwissenschaftlich-technischen Grundlagen zu berauben".

"Die Situation der Life-Science-Fächer ist katastrophal", sagt auch Markus Kiechle, der stellvertretende Verbandsvorsitzende der Chemielehrer Bayerischer Gymnasien. Wieder würden Sprachen und Gesellschaftswissenschaften bevorzugt, mit "weitreichenden Folgen" für Schüler und Studenten. Alle Schüler, die nicht im naturwissenschaftlichen Zweig lernen, also 40 Prozent der Gymnasiasten, seien durch die Pause in der 11. Klasse von der Wahl eines Chemie- oder Biologiekurses vor dem Abitur ausgeschlossen. Dann aber bekommen sie laut Kiechle Probleme in Studiengängen wie Medizin, Pharmazie oder Biochemie. Und selbst wenn Jugendliche in der 12. Klasse Chemie oder Bio wählten, könnten sie mit den Naturwissenschaftlern nicht mithalten. Im G 8 nahm die Zahl der Schüler deutlich ab, die in Chemie, Physik oder Biologie Abitur schrieben. Die neue Stundentafel verschärfe das Problem. Die Lösung ist für Kiechle einfach: weniger Zeit für Geschichte, Sozialkunde und die dritte Fremdsprache, macht zwei Stunden Chemie in der 11. Klasse.

Nur, dies widerspricht Spaenles Ziel, politische Bildung und Kernfächer, also auch die Sprachen zu stärken. Chemie zusätzlich zum bestehenden Plan hält Philologenchef Schwägerl für unwahrscheinlich, es sei denn die Staatsregierung gebe deutlich mehr als die geplanten 1000 Stellen frei. "Wieso eine Stunde Chemie in der 11. Klasse die Rettung der Chemie sein soll, erschließt sich mir nicht", sagt Direktorenchef Baier. Auch Schwägerl, selbst Naturwissenschaftler, teilt die von Chemikern befürchteten Folgen auf das Wahlverhalten derzeit nicht: "Natürlich ist Kontinuität besser, aber Biologie wurde im alten G 9 trotz einer Lücke in der 11. Klasse hervorragend in der Kursphase gewählt." Aber Chemie sei nicht Biologie, gibt er zu. Vergleichswerte habe er im Ministerium angefragt.

Würde das Ministerium alle Wünsche erfüllen, bekäme Bayern ein G 9 mit Nachmittagsunterricht - und der sollte auf Wunsch vieler Eltern abgeschafft werden. "Und denkt überhaupt jemand an die Kinder?", fragt Baier, jedes zusätzliche Fach müsse bestanden werden. Geht es nach ihm, müsste Spaenle die Debatten für beendet erklären, damit es nicht doch noch zu Verzögerungen kommt. Zumal sich alle Verbände noch zur Änderung der Gymnasialen Schulordnung und der Stundentafeln äußern können. Im Ministerium schließt man zusätzliche Stunden aus, höchstens eine Verschiebung zwischen den Jahrgangsstufen sei gegebenenfalls noch möglich.

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Die schnellste Beruhigung versprechen sich Verbände und Ministerium von einer Oberstufenreform. Dass sie wieder zwei Leistungsniveaus und dadurch mehr Spielraum für besonders interessierte Schüler bringen wird, gilt als sicher.

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