Bildung Lehrermangel: Bayern stellt auch Pädagogen mit schlechtem Examen ein

Gute Grundschullehrer sind in Bayern derzeit Mangelware.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Wegen Personalmangel an Grund-, Mittel- und Förderschulen stellt das Kultusministerium derzeit alle Volks- und Förderlehrer mit Examensschnitt bis 3,5 ein.
  • Opposition und Lehrerverbände mahnen seit Monaten, dass die Qualität des Unterrichts leide.
  • Das Kultusministerium verweist auf Fortbildungen der eingesetzten Lehrkräfte und Quereinsteiger zur Qualitätssteigerung.
Von Anna Günther

Der Lehrermangel an Bayerns Grund-, Mittel- und Förderschulen ist massiv, das Kultusministerium greift zu drastischen Schritten und will arbeitsrechtliche Privilegien der Lehrer angehen. Der personelle Engpass wirft auch eine andere Frage auf: Was bedeutet das für die Qualität der Schulbildung in Bayern? Das Kultusministerium stellt derzeit alle Volks- und Förderlehrer mit Examensschnitt bis 3,5 ein. Wer mit diesen Noten in einer Klasse steht, kann ein begnadeter Pädagoge sein. Aus rein fachlicher Sicht kann diese Entwicklung kritisch sein. Und die meisten jungen Lehrer bleiben Jahrzehnte im System.

Opposition und Lehrerverbände mahnen seit Monaten, dass die Qualität des Unterrichts leide. Ein Beispiel: Inklusion und der Unterricht behinderter Kinder in Förderzentren stehen für Betreuungsvielfalt, die Schulminister Ludwig Spaenle oft preist. Weil aber so viele Sonderpädagogen fehlen, arbeiten immer mehr Realschul- oder Gymnasiallehrer in Förderzentren, ohne dafür ausgebildet zu sein. "Das ist ein riesen Qualitätsproblem", sagt Johann Lohmüller, Chef des Sonderpädagogenverbands.

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Diese Lehrer müssen sogar als Sonderpädagogischer Dienst an Regelschulen fahren. "Absurd", nennt Lohmüller das. Entsprechend könnten die geplanten Sperren auch für Förderlehrer gelten: Wie berichtet sollen zum Februar 2018 keine Frühpensionsanträge genehmigt werden, denn junge Volks- oder Förderlehrer werden erst im Sommer fertig. Ausgenommen sind behinderte und dienstunfähige Lehrer. Restriktiver will das Ministerium auch Beurlaubungen und Teilzeit behandeln, ausgenommen sind familiäre Gründe.

"Das Qualitätsproblem fällt uns bald auf die Füße", fürchtet Lehrerverbandspräsidentin Simone Fleischmann. Es könne nicht sein, dass Förster Biologie unterrichten. So war das vor zehn Jahren. Ganz abwegig ist es nicht: 2015 waren 890 Vollzeitstellen an Mittel- und Realschulen sowie Gymnasien mit Dozenten ohne Lehrerausbildung besetzt. Das geht aus der Antwort des Ministeriums auf eine Anfrage des Abgeordneten Hans Jürgen Fahn (Freie Wähler) hervor. Die große Mehrheit dieser Quereinsteiger ist am Gymnasium im Einsatz.

Das Qualitätsproblem könne sich langfristig auch auf die Wirtschaft und die Hochschulen auswirken, fürchtet Fleischmann. Im Ministerium verweist man dagegen auf die Erfahrung der Ausbilder, dass Referendare auch mit der Note 3,5 fachlich geeignet seien. Außerdem gebe es zur Qualitätssteigerung Fortbildungen.

Von Schuldzuweisungen hält auch Fleischmann nichts. Dass Geld und Stellen da sind, aber keine Menschen, sei einmalig. Sie fordert vom Ministerium dennoch Offenheit für neue Ideen, statt Kürzungen bei den Lehrern, die das System stützen. "Sinnvoll wäre es, die Jungen ranzulassen, statt die Alten nicht rauszulassen", kritisiert Thomas Gehring (Grüne) und fordert attraktive Angebote für Realschul- und Gymnasiallehrer, die derzeit kaum Jobchancen haben. Martin Güll (SPD) würde die Integrationsklassen auf alle Schularten verteilen, um die Mittelschulen zu entlasten.

Nur, Angebote gibt es, der Schweinchenzyklus ist kaum in den Griff zu bekommen: Wer jetzt Lehramt für Grund- oder Mittelschule studiert, ist frühestens in sechs Jahren fertig. Die Situation kann dann anders sein. 2014 bekamen nur beste Grundschullehrer Jobs, 710 Integrationsklassen an Volksschulen später versucht das Ministerium Realschul- und Gymnasiallehrer in Grundschulen zu holen.

Fleischmanns Lösungsidee für mehr Qualität und Menschen sind multiprofessionelle Teams, die Lehrern mehr Zeit für den Unterricht geben. Sexualkunde oder ein Infotag zur Essstörungsprävention könnten externe Experten übernehmen. Eine andere Idee ist eine flexiblere Lehrerbildung: Pädagogen der Sekundarstufe I wären an Mittel- und Realschulen sowie Gymnasien einsetzbar, Lehrer der Sekundarstufe II an Gymnasien, Fach- und Berufsoberschulen. Die anderen Verbände fürchten Gleichmacherei und lehnten diese Idee bisher strikt ab.

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