Bildung Karriere ohne Studium

Die Berufsschule in Vilshofen will Abiturienten Perspektiven aufzeigen und sie mit einem schnellen Weg zum Meister für das Handwerk gewinnen

Von Anna Günther, Vilshofen

Obwohl die bayerischen Abiturienten für die mündlichen Prüfungen lernen, die am kommenden Montag beginnen, und gebannt auf die Entscheidung des Ministeriums zur Matheprüfung warten, werden sie wohl kaum verschont bleiben von der Lieblingsfrage vieler Eltern, Großonkel und Nachbarn: Und was machst du danach? Die Entscheidung zum Matheabitur will Schulminister Michael Piazolo an diesem Donnerstag bekannt geben. Die Antwort auf die Zukunftsfrage dürfte einigen Abiturienten schwerer fallen.

Abi und Ausbildung: Künftige Metallbauer kommen in den Genuss einer vertieften Schweißausbildung. Später fertigen sie Wintergärten, Spielgeräte, Bühnen, Metalltreppen sowie Fenster und Türen.

(Foto: Michael Zink/Berufsschule)

Und dann klagen Eltern, Professoren und Lehrern auch noch über Schulabgänger, die nicht wissen, was sie wollen, die erst Pause machen oder irgendetwas studieren und abbrechen. Sie stimmen ein in die Klagen der Wirtschaftsverbände über Fachkräftemangel, unbesetzte Lehrstellen und den Fokus von Eltern und Schülern aufs Studium. Diese Kakofonie werden die Beruflichen Schulen im niederbayerischen Vilshofen an der Donau kaum zum Schweigen bringen. Aber Schulleiterin Christa Jungwirth und Lehrer Frank Dullinger wollen Abiturienten eine weitere Option bieten und den Firmen Fachkräfte: Im Herbst sollen die ersten Klassen für Azubis mit Abitur in Vilshofen entstehen. In Landsberg am Lech gibt es seit zehn Jahren eine Abiturienten-Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker, ein drittes Programm läuft in Haßfurt für KFZ-Mechatroniker und IT-Berufe. In Vilshofen bringt die Berufsschule nun mit dem Ministerium und der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz ein Abiturkonzept für Glaser und Metallbauer auf den Weg: Gymnasiasten und Fachoberschüler sollen mit kürzerer Lehrzeit und Zusatzqualifikationen von der dualen Ausbildung überzeugt werden. Nach zweieinhalb Jahren können sie die Gesellenprüfung als Metallbauer ablegen und zusätzlich kaufmännische Kurse sowie Seminare zur Lehrlingsausbildung besuchen, die sie für den eigenen Meisterbrief brauchen. Das Programm für Glaser-Lehrlinge dauert zwei statt drei Jahren. Nach insgesamt drei Jahren könnten die Lehrlinge also schon Meister sein, sagt Dullinger. Unterrichtet wird in Blöcken, übernachten können Azubis aus anderen Regionen im angrenzenden Internat.

Lehrer Frank Dullinger sieht für seine Schüler hervorragende Berufschancen in mittelständischen Unternehmen.

(Foto: Privat)

Dass Gymnasiasten und Fachoberschüler ihre Ausbildung verkürzen können, ist nicht neu. Üblicherweise gehen sie aber mit allen anderen Azubis in eine Berufsschulklasse. Die Niveauunterschiede zwischen Förderschülern und Studienabbrechern sind enorm, auf Schwächere einzugehen, kann Langeweile für andere bedeuten. In den Abi-Klassen soll das Lerntempo deutlich höher sein. "Wir müssen nicht so viel Zeit auf die Grundausbildung, auf den Satz des Pythagoras oder Winkelfunktionen verwenden", sagt Dullinger. Dafür bekommen die Abi-Azubis mehr Praxiseinheiten und Zusatzkurse als Elektrofachkraft oder Schweißer. Zudem können sie Führerscheine für Kran, Stapler oder Hubbühnen machen. Dullinger ist davon überzeugt, dass das Konzept gut ankommen wird. Er hat ein Maschinenbaustudium abgebrochen, sich neu orientiert und ist Lehrer für Metalltechnik und Sport geworden. Die duale Ausbildung sei für Abiturienten "Back-up" mit Perspektive: "Die Firmen suchen händeringend Leute, Absolventen aller Schularten und Studienabbrecher." Im Raum Passau stehen in den kommenden Jahren 10 000 Betriebe zur Übergabe, viele finden keinen Nachfolger.

In Schwaben scheint das Konzept aufzugehen: Die Schüler seien hoch motiviert, die Betriebe zufrieden, sagt der Landsberger Schulleiter Lorenz Häckl. Mehr als 500 Abiturienten haben die Abi-Klassen durchlaufen, die Anmeldungen übersteigen zuweilen die Plätze. Maximilian Schnuse, 20, hat einen Platz ergattert. Seit 1949 gibt es die Kfz-Werkstatt seiner Familie in Mertingen, dazu gehört eine Tankstelle. Geschwister und Eltern arbeiten im Betrieb, er stand schon als Bub in der Werkstatt und will das Geschäft später gemeinsam mit seinem Bruder führen. "Die Ausbildung macht echt Spaß, und die Zeitersparnis ist einzigartig, ich mache den Servicetechniker und den Meister gleich mit", sagt Schnuse. Danach könne er überlegen, ob er doch studiert oder gleich mitarbeitet.