Bierwissen Als die Preußen den Bayern die Mass wegnahmen

Wer hat's erfunden? Die Bayern nicht. Denn die Mass ist erst nach 1871 zum Liter geworden.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Ein "Denkmal deutschen Designs" ist der Masskrug laut dem Goethe-Institut. Ja gut, das wussten die Bayern eh. Weniger bekannt ist, dass um die Ausschankmenge einst ein bayerisch-preußischer Kulturkumpf tobte.

Von Gianna Niewel

Ein a ist nicht einfach nur ein Buchstabe. Ein a ist viel mehr, es kann ein Indiz sein. Für die meisten Bayern jedenfalls ist die Sache klar: Mass, kurzes a, wie in Masse. Zuagroaste erkennen sie daran, dass sie das so wichtige Wort gerne einmal falsch aussprechen: Maß, wie in Maße, lang gezogener Vokal. Kurzes a, langes a - fast wäre es gar nicht so weit gekommen, dass allein die Aussprache eines einzigen Buchstabens für Kulturunterschiede stehen kann.

In Bayern galt Bier lange als Gebräu. Ein Eintrag aus dem Freisinger Traditionsbuch aus dem Jahr 815 belegt die Bedeutungslosigkeit des Getränks. Dort heißt es, ein Pfarrer habe seinem Grundherren an Zins zu zahlen: "2 Scheffel Mehl, 1 Frischling, 2 Hühner und 1 Gans", außerdem "eine Fuhre Bier". Bier ist eine Naturalgabe, hiermit wird bezahlt. Allenfalls Bedienstete tranken Bier, wenn sie körperlich gearbeitet hatten. Wer etwas auf sich hält, trinkt Wein, Mönche etwa.

Doch verregnete Sommer schadeten den Reben, auf sämtliche Weine wurde Getränkesteuer erhoben. Das ist das eine. Das andere: Gerade in den Städten etablierte sich das Braugewerbe, wenn auch langsam. Bier durfte vom 14. Jahrhundert an auch außer Haus verkauft werden. Dem Bier wurde Hopfen zugefügt, manchmal auch aromatisierte Kräuter, Melisse, Lavendel, Anis, dann orientalische Gewürze oder Giftpflanzen wie Bilsenkraut und Wermut.

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Mit diesen Würzzutaten angereichert, galt Bier rasch als gesundes Getränk, als medizinisch fast. Hildegard von Bingen hatte die Wirkung schon früh erkannt. Sie schreibt, dass Bier die Muskeln wachsen lasse und eine schöne Gesichtsfarbe mache. Sie empfahl das Getränk vor allem schwermütigen Menschen, es hebe die Laune und stärke die Seele. "Cervisiam bibat", heißt es in einem ihrer Werke über die Ursachen und Heilung von Krankheiten. Man trinke Bier.

Dem Liter fehlen 69 Milliliter zur "Muttermaß"

Bier wird zunächst in Humpen serviert, deren Größe variiert. Eine Mass, das ist ein halber Liter in Lauenstein in Oberfranken, eine Mass, das sind 1,6 Liter in Laufen in Oberbayern. Erst die "Allgemeine Verordnung" vom 28. Februar 1809 bereitete diesem Gewirr ein Ende. Die unterschiedlichen Volumina schadeten "dem Verzehr im Inlande" ebenso wie dem "Kommerz in das Ausland", soll heißen: dem Export.

Der Reformminister Maximilian von Montgelas verordnete, dass eine Mass fortan genau 1,069 Liter fassen sollte. Und um sicherzustellen, dass sich das gesamte Königreich dran hält, ließ er an die Landgerichte, Städte und Märkte eine "Muttermaß" versenden. "Muttermaß", das ist ein Messzylinder aus Kupfer, darauf das Staatswappen, die Jahreszahl 1809. Vorne auf dem Krug prangt: "BIER. MAAS 1809." Doch eben dieser Krug sollte "nicht zum Gebrauche" dienen, die Wirte sollten damit "abeichen". 1811 wurde die neue Maßeinheit dann ganz offiziell eingeführt. Zu diesem Zeitpunkt bestand allerdings noch keine Eichpflicht.

Der Bayer trinkt nicht, er feiert das Zusammenwachsen des Freistaats

Volle neun Jahre sollte es dauern, bis 1820 die entsprechenden "Baierischen Maßkrugs" produziert wurden, mit Henkel, mit eingezogenem Rand. Dieser Krug war nun mehr als lediglich ein Gefäß, in dem Bier serviert wurde. Er galt als Symbol für das Zusammenwachsen der Altbayern, Franken und Schwaben. Er hatte etwa 300 Einzelterritorien mit unterschiedlichen Schankmaßen geeint. So weit, so befriedet.

Doch eben jener Friede sollte nicht lange währen. Es ist das Jahr 1871, Königreiche und Herzogtümer, Fürstentümer und Hansestädte schließen sich zum Deutschen Reich zusammen. Dieser neue Nationalstaat verlangt nach einheitlichen Regeln - auch, was das Bier betrifft. Und so ersetzte der deutsche Liter fortan die bayerische Mass, sehr zum Ärger der Bayern.