Natürlich herrscht gerade kein Mangel an Krisen, die Ukraine-Krise und die Klimakrise sind hochaktuell. Deutschland steckt in einer Wirtschaftskrise und die Bundesregierung nähert sich bedrohlich einer Koalitionskrise. Doch weil die Lage offenbar noch nicht schlimm genug ist, tauchen jetzt auch Krisen auf, von denen man bislang gar nicht wusste, dass es sie geben kann. Die „Bierkrise“ zum Beispiel, die gerade erst der Bayerische Rundfunk diagnostiziert hat. Auch das noch!
Die Bierkrise hat ihren Ursprung darin, dass die Deutschen weniger Bier trinken. Nicht mehr 150 Liter jährlich pro Kopf wie vor 50 Jahren, sondern weniger als 90 Liter. Entsprechend fatalistisch klingt die jüngste Prognose des Chefs der Oettinger-Brauerei: „Die Brauereien werden wie Fliegen von der Wand fallen.“ Die Bierkrise könnte also zu einer Brauereienkrise führen, die sich dann vermutlich negativ auf die Wirtschaftskrise auswirkt.
Wer ist schuld an diesem Schlamassel? Aus bayerischer Perspektive läge es nahe, wie beim Länderfinanzausgleich die schwächliche Trinkleistung anderer Bundesländer zu beklagen. Doch auch hierzulande lässt der Bierdurst messbar nach: Beim diesjährigen Gäubodenfest wurden rund 20 000 Mass weniger verkauft als vor einem Jahr. Und wenn selbst auf Volksfesten weniger Bier fließt, also dort, wo die Leute jener Aktivität nachgehen, die Robert Habeck womöglich als „fetischhaftes Biergesaufe“ bezeichnen würde, dann dürfte die Bierkrise auch in Bayern nicht so schnell verschwinden.
Lange galt es als historische Gewissheit, dass ein Bier für einen Bayern mehr ist als ein Getränk. Als 1910 in Dorfen der Preis einer Mass von 24 auf 26 Pfennig steigen sollte, wuchs der Volkszorn, bis am Ende Brauereien und Wirtshäuser brannten. Im Zuge des „Dorfener Bierkriegs“ wurden 25 Personen verhaftet. Und heute? Wird das Bier auch immer teurer, doch der Protest beschränkt sich aufs Grummeln.
Die Bierkrise zur Chefsache zu erklären, das wäre eigentlich die Aufgabe des bayerischen Ministerpräsidenten. Doch auch Markus Söder, der sich grundsätzlich für Nahrungsmittel begeistern kann, scheint das Bier ein bisschen egal zu sein. Ja, es gibt Bilder, auf denen er einen Masskrug stemmt. Aber Söder mag keinen Alkohol, was ihm nicht vorzuwerfen ist. Nur wird er kaum so leidenschaftlich ein Bier trinken, wie er in Wurstsemmeln beißt. Nüchtern betrachtet bleibt nur ein Lichtblick: Sollte demnächst eine Wurstkrise ausbrechen, dann wäre Bayern gerüstet.


