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Betzenstein:"Jetzt geht es um den Schutz der Weidetiere"

Wolfsangriff in Wildtiergehege

Der Besitzer eines Wildgeheges steht neben mehreren gerissenen Stücken Damwild. Die Tiere kamen aller Wahrscheinlichkeit nach bei einem Wolfsangriff zu Tode.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Landwirtschaftsministerin Kaniber schlägt sich nach Wolfsangriffen auf zwei Wildgatter offen auf die Seite der Gegner des Raubtieres. Vom Bauernverband erntet sie Beifall, Umweltminister Glauber nennt das Populismus und in der Region herrscht Aufregung.

Von Christian Sebald, Betzenstein

Nach den Wolfsangriffen auf zwei Wildgatter im oberfränkischen Betzenstein entbrennt in der Staatsregierung ein Streit über den Umgang mit den Raubtieren. Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) verlangt Lockerungen der strengen Schutzvorgaben für die Raubtiere, damit sie leichter abgeschossen werden können. "Wir dürfen keine Zeit mehr mit Debatten darüber verlieren, wie der Wolf zu schützen ist und wie er sich noch zahlreicher verbreiten kann", sagt sie. "Jetzt geht es um den Schutz der Weidetiere." Sie sei deshalb bei EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius, Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) und dem bayerischen Umweltminister und ihrem Kabinettskollegen Thorsten Glauber (Freie Wähler) vorstellig geworden. Zuvor hatte der Bayerische Bauernverband (BBV) sein Credo bekräftigt, "dass ein Nebeneinander von Weidehaltung und Wolfsrudeln nicht möglich ist". Umweltminister Glauber wies die Forderungen als "reinen Populismus" zurück, der "in der Sache nicht weiterhilft".

Das 2500-Einwohner-Städtchen Betzenstein liegt nahe dem Veldensteiner Forst. Dort lebt seit drei Jahren ein Wolfsrudel. Die Raubtiere waren bis vor Kurzem unauffällig. Inzwischen sind die Veldensteiner Wölfe aber immer öfter auch außerhalb des 6000 Hektar großen Waldgebiets unterwegs, sie wurden sogar schon nahe von Gebäuden gesichtet und liefen durch kleine Orte. In letzter Zeit haben sie auch Jagd auf Nutztiere gemacht. Erst töteten sie ein Schaf, das sich nächtens außerhalb des Pferchs aufhielt, der es schützen sollte. Dann drangen sie binnen weniger Tage in die beiden Wildgatter in Betzenstein ein und töteten insgesamt 25 Stück Dam-, Rot- und Muffelwild. Beide Gatter waren nicht gesichert gegen Wölfe, sie hatten weder Untergrabschutz noch Elektrozaun.

In der Region herrscht helle Aufregung. Zwar sind die Veldensteiner Wölfe noch nie Menschen nahe gekommen, bei zufälligen Begegnungen haben sie sich bisher immer schleunigst davongemacht. Aber die Bevölkerung ist sehr verunsichert. "Die Wölfe sind ein Problem", sagt Christian Leißner. "Man muss ihnen die Grenzen aufzeigen." Leißners Familie gehört das Wildgatter, in das der oder die Wölfe zuerst eingedrungen sind. "Nur 200 Meter von unserem Gehege entfernt liegt ein Kindergarten", sagt Leißner. "Was ist, wenn doch einmal ein Erwachsener oder ein Kind durch einen Wolf zu Schaden kommt?"

Schon im Januar hatte Josef Springer berichtet, dass "sich die Leute hier bedroht fühlen". Springer ist Bürgermeister von Neuhaus an der Pegnitz, das südlich an den Veldensteiner Forst angrenzt. Damals war mitten an einem Sonntagvormittag ein Wolf durch einen Neuhauser Ortsteil gestürmt. Ein junger Mann hatte die Szene mit seiner Handykamera gefilmt. Eltern seien in Sorge um ihre Kinder, wenn die draußen spielen, berichtete Springer. Bauern fürchteten um ihr Vieh, wenn es im Frühjahr auf die Weiden kommt. Hundehalter hätten beim Gassigehen Angst, dass ein Wolf ihren Vierbeiner anfällt.

Nun haben die Vorfälle und die Aufregung rund um den Veldensteiner Forst so ein Ausmaß erreicht, dass sie den Grundsatzstreit um die Rückkehr der Wölfe nach Bayern massiv anheizen. Zumal sich Agrarministerin Kaniber in ungewöhnlicher Offenheit auf die Seite der Wolfsgegner schlägt. Nach ihrer Überzeugung "müssen die Wolfsbestände frühzeitig reguliert werden". Wenn die EU und das Bundesumweltministerium nicht schnell handelten, drohten "langfristige Schäden, hohe Kosten und auch menschliches Leid". Die Ausbreitung des Wolfs dürfe nicht dazu führen, "dass die naturnahe und tierwohlgerechte Landwirtschaft in manchen Regionen aufgegeben wird".

Umweltminister Glauber hält dagegen, dass Bayern in Sachen Wolf strikt an die Vorgaben der EU und des Bundes gebunden sei. Der Freistaat selbst könne und werde einzig im Rahmen seines "Aktionsplans Wolf" handeln, der mit Zustimmung des Agrarministeriums beschlossen worden sei. Außerdem verweist Glauber auf das Herdenschutz-Programm des Agrarministeriums. Dabei können sich Bauern in Wolfsregionen beraten lassen, wie sie Rinder, Schafe und andere Nutztiere am besten schützen. Außerdem gibt es hoch dotierte Förderprogramme; die Kosten für spezielle Schutzzäune etwa werden den Bauern in Wolfsregionen komplett ersetzt. Glauber appelliert an die Bauern, die Förderprogramme unbedingt auszunutzen. Zugleich bekundet er Verständnis für den Frust der Wildtierhalter, deren Gehege von den Wölfen angegriffen worden sind. "Die Situation ist für sie sehr aufwühlend", sagt er, "deshalb brauchen wir schnell Klarheit, was passiert ist." Zugleich verspricht er, "die Aufklärungsarbeit in der Region noch einmal zu verstärken".

© SZ vom 05.03.2021/sbeh
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