Bettenabbau:Krankenhäuser in der Finanzierungskrise

Jedes dritte Kind durch Kaiserschnitt geboren

Doppelte Fallpauschale: Geburten sind für Krankenhäuser oft ein Draufzahlgeschäft.

(Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa)

Eine Anfrage der Linken im Bundestag ergibt: Fallpauschalen belasten in den Kliniken Personal und Patienten gleichermaßen

Von Dietrich Mittler, München/Berlin

Ging es in jüngster Zeit um die Krankenhausentwicklung, gab es seitens des Gesundheitsministeriums Erfolgsmeldungen, bei denen die Überschriften wortgleich anfingen: "Holetschek treibt den Ausbau der stationären Versorgung im ländlichen Raum weiter voran." Da ging es um Erweiterungsbauten - mal in Freyung, mal in Burgau und Günzburg. Doch die Zahl derjenigen, die vor einer Konzentration der Klinikstandorte zulasten des ländlichen Raums warnen, wird nicht geringer. Der Bayerische Landkreistag forderte in Richtung Berlin kürzlich ein Ende der "Ausdünnung der Krankenhausstrukturen über eine zunehmende Verknappung der Erlöse".

Der Bundestagsfraktion der Linken liegen nun die Antworten zu ihrer Anfrage bezüglich der "Arbeits- und Lebensqualität in Bayern" vor. Die darin genannten Entwicklungen bestätigen die Befürchtungen jener, die auf lokaler Ebene für den Fortbestand ihrer kleinen Krankenhäuser beziehungsweise der Geburtsstationen kämpfen. "Das ganze System ist krank und muss dringend therapiert werden", sagt Susanne Ferschl, Linken-Abgeordnete aus dem Wahlkreis Ostallgäu. Aus den Zahlen, die ihr zum Zeitraum von 1993 bis 2019 vorliegen, liest sie eine herbe Reduzierung durch Bettenabbau und Schließungen heraus - vor allem in der Frauenheilkunde, der Geburtsmedizin und der Kinderheilkunde. "Die Zahl der Betten in den Fachabteilungen Geburtshilfe/Frauenheilkunde ging zwischen 1993 und 2019 um 55 Prozent zurück - seit 2003 um 43 Prozent", sagt Ferschl. Unter dem Strich: "Die Anzahl der auf diesen Fachabteilungen verfügbaren Betten hat sich seit 1993 halbiert."

Angelika Pflaum, die mit anderen über Jahre hinweg vergeblich um den Erhalt des Krankenhauses im mittelfränkischen Hersbruck gekämpft hat, macht für diese Entwicklung das Fallpauschalen-System verantwortlich. Über dieses System, mit dem medizinische Leistungen durch Fixbeträge vergütet werden, erwirtschaften Kliniken nach Erkenntnis des Gesundheitssystemforschers Michael Simon "gegenwärtig 70 bis 90 Prozent" ihres Budgets. Aus Sicht von Pflaum verstärkt das Entwicklungen, die keiner befürworten könne: "Eine normale Entbindung bringt einem Krankenhaus weniger Geld, als es für diese Leistung investieren muss." Kinder, so habe sie in einer Fachzeitschrift gelesen, würden schon vor ihrer Geburt "zum Teil eines Wirtschaftskreislaufs, der nicht auf Bedarf, sondern auf Ertrag ausgelegt ist".

"Betriebliches Denken im Gesundheitsbereich gefährdet die Gesundheit von Patienten und Beschäftigten", betont unterdessen Ferschl. Während die Schließung von Kliniken vor allem für Menschen in ländlichen Regionen zum Problem werde, machten in den Krankenhäusern "Arbeitsverdichtung und Outsourcing die Beschäftigten krank", sagt sie. Viele Klinken hätten ganze Tätigkeitsbereiche ausgelagert, um so Ausgaben zu verringern - auf Kosten der Arbeitsqualität von Reinigungskräften, Handwerkern oder Küchenpersonal.

Mit dieser Einschätzung steht die Linken-Abgeordnete nicht allein. Das Soziale Netz Bayern, in dem sich neben den Gewerkschaften auch Wohlfahrtsverbände wiederfinden, kommt zu dem Schluss, "dass das öffentliche Pflege- und Gesundheitssystem in den letzten 30 Jahren an entscheidenden Stellen kaputtgespart wurde". Wie sehr dies für den Pflegebereich gelte, zeige sich in Zeiten der Pandemie.

"Wir brauchen eine neue Finanzierung", ist sich auch Thomas Egginger, Vorstand der Klinken Nordoberpfalz, sicher - nur eine Stimme unter vielen in der bayerischen Krankenhausbranche. Dem schließt sich der Landkreistag an. Eine Refinanzierung der Vorhaltekosten müsse wieder über die zu erzielenden Vergütungen möglich sein.

Gesundheitsminister Holetschek erklärte am Dienstag auf Nachfrage, auch er halte das "derzeitige System nicht mehr für zeitgemäß". Bayern fordere daher vehement eine grundsätzliche Überprüfung des Fallpauschalen-Systems. "Wir brauchen dringend eine Reform", sagte Holetschek. Ziel sei es, die akutstationäre Grundversorgung auch in ländlichen Gebieten sicherzustellen.

© SZ vom 18.08.2021
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