bedeckt München

Berufsjäger in Vorderriß:Wildes Land

Hier beginnt Bayern, oder hier endet es - wie man will. In Vorderriß an der Grenze zu Tirol ist es ursprünglich und einsam, von den Touristen mal abgesehen. Der Berufsjäger Hubert Reiser kann sich keinen schöneren Ort auf der Welt vorstellen, nicht mal den Gardasee.

Von Mike Szymanski

Der kühle Wind fasst Hubert Reiser in den Nacken. Er hebt überrascht den Kopf. Bis eben saß er noch regungslos da und blickte auf die Wiese, die vor ihm liegt. Mucksmäuschenstill ist es. Außer Regentropfen, die auf die Blätter klopfen, hört man nichts. Aber jetzt wird Reiser klar: Der Wind hat sich gedreht, er kommt jetzt von hinten. Er wird ihn verraten. Das Wild merkt, dass es nicht allein im Wald ist. Reiser kann einpacken. Die Frühpirsch ist für den Jäger gelaufen.

Reiser, 49 Jahre alt, rundes Gesicht, packt sein Gewehr, legt es um die Schulter und klettert vom Hochsitz. Unten wartet schon Jule, seine elfjährige Jagdhündin. Auch für das Tier gibt es hier jetzt nichts mehr zu tun. "So schnell kann das gehen", sagt Reiser immer noch im Flüsterton, gerade so, als habe er die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben.

Wenn Jäger Hubert Reiser bei seiner Frühpirsch nichts erlegt hat, dann entschädigt ihn zumindest der Blick in die Natur für das zeitige Aufstehen.

(Foto: Mike Szymanski)

Ganz viel Nichts

Es ist kurz nach sechs Uhr am Morgen. Die Sonne versucht, sich gerade durch die Wolken zu kämpfen. Noch steigt leichter Nebel in den Wäldern rund um Vorderriß auf. Ein Senner ist unterwegs. Sonst ist um diese Zeit niemand hier. So liebt Reiser das. Er tut so, als ob er horcht. "Da ist nichts", sagt er und hört sich dabei an, als sei er der reichste Mann der Welt.

Nichts. Das ist schon alles, was Vorderriß ausmacht. Man kann es sehen, wie man will: Man kann Bayern hier gedanklich beginnen lassen - so ursprünglich ist die Gegend am Karwendelgebirge geblieben. Oder eben enden lassen. So einsam läuft Bayern an diesem Rand aus, dass sich Besucher schon mal an eine Mondlandschaft erinnert fühlen, wenn sie im breiten und trockenen Kiesbett des Rißbachs stehen. Karg und schroff ist die Landschaft dann. Das Schotterbett führt nur noch bei Schneeschmelze Wasser oder bei Dauerregen. Weiter oben, flussaufwärts, wird der Rißbach abgeleitet, um Strom zu machen.

Ein paar Kilometer von hier spielt die Isar, wie es ihr gefällt, mit dem Kies, formt Bänke daraus und spült sie bei nächster Gelegenheit wieder weg. Meterhohe, steile Abbrüche an ihren Ufern lassen erahnen, dass man diesen Fluss nicht unterschätzen darf. Jetzt liegt die Isar zwar friedlich in ihrem Bett, smaragdgrün das Wasser. Sie kann aber auch anders.

Eine berührend schöne Landschaft: Morgens um kurz nach sechs Uhr erwacht das Obere Isartal.

(Foto: Mike Szymanski)

Berufsjäger Hubert Reiser bekommt man jedenfalls so schnell nicht weg. Er lebt in einem der prächtigsten Forsthäuser Bayerns. Die Jagd hat hier eine lange Tradition. 1483 hatte ein Bärenjäger in Vorderriß seinen Sitz. Das Ensemble hat Geschichte. Hier verbrachte der Schriftsteller Ludwig Thoma in Haus Nr. 11 seine Lausbubenjahre von 1867 bis 1873. Sein Vater, Max Thoma, war hier königlich bayerischer Oberförster. Eine Gedenktafel am Forsthaus erinnert daran. Von hier aus hat man bei gutem Wetter einen schönen Blick zur Zugspitzspitze. Reiser kann nicht mal Urlaubsziele nennen, die mithalten könnten mit seiner Gegend. Er war mal am Gardasee. Machen ja viele irgendwann mal. Den Trubel dort hat er kaum ausgehalten.

Kein schönerer Ort auf der Welt

Reiser ist seit gut 20 Jahren Jäger in Vorderriß. Sein Vater war auch Jäger, in Fall drüben, dem Nachbarrevier. Dort ist er als Bub schon mitgelaufen in den Wald. Er sagt, die Einsamkeit, die Stille, das muss man mögen. Wenn sich einer gut auskennt, dann ist das dieser Mann.

Andererseits gibt es auch nicht wirklich viele Menschen, die ständig hier leben und die man sonst fragen könnte. Ein paar Förster und Jäger. Die Leute von der Gaststätte Post. Reiser überschlägt mal grob: Vielleicht sind sie 20. Vereinsleben heißt in Vorderriß: Freiwillige Feuerwehr. Sie haben aber auch nur einen Jeep in der Garage stehen. Schulkinder gibt es seines Wissens in Vorderriß im Moment auch nicht. Es gibt keine Skilifte, keinen Supermarkt und keine Tanke. 23 Kilometer sind es auf der Landstraße bis nach Lenggries.

Schreiben Sie der SZ

Von Hengersberg nach Hopferau, von Lohr am Main nach Tyrlaching: Die Bayernredaktion reist im Sommer kreuz und quer durch den Freistaat. Wo es nach unserem Besuch in Vorderriß hingehen soll, das bestimmen die Leser. Ungewöhnliche Menschen, Naturschönheiten, Ausflüge in die Geschichte, seltene Berufe, ausgefallene Hobbys, Stadtgeflüster und Landpartien, all das kommt in Frage. Schreiben Sie uns, was und wen Sie in Ihrer Heimat für ganz besonders halten. Per Post an Süddeutsche Zeitung, Bayernredaktion, Hultschiner Str. 8, 81677 München oder per E-Mail an bayernredaktion@sueddeutsche.de. Tipps, aus denen wir eine Geschichte machen, werden mit einer Flasche Wein belohnt.

SZ

Früher, als hinter Vorderriß noch die Grenze nach Österreich gepflegt wurde, dort, wo es nach Hinterriß geht, war hier noch bedeutend mehr für die Einheimischen los. Sie hatten auch ihre kleine Grenzstation mit den Grenzbeamten. Man kann sich das kaum vorstellen, aber in Vorderriß ist es in den vergangenen Jahren einfach noch mal ein Stück überschaubarer geworden, wenn man mal von den Touristen absieht. Die kommen an schönen Tagen in Massen und erwarten Einsamkeit. Hobby-Jäger, die sich bei Reiser anmelden und mit ihm auf die Jagd gehen, sind manchmal drei Tage lang unterwegs und fliehen zur Gamsjagd hinauf in die Berge. Tief in den Wäldern liegen die nach und nach wieder hergerichteten Holzhütten. Für die, die ganz allein sein wollen.

Für den Tipp bedanken wir uns bei Laszlo Horvath aus Pfaffenhofen an der Ilm

© SZ vom 01.09.2014/vewo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite