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Berufschüler:Zimmer frei

Weitgehende Leere im Landshuter Jugendwohnheim.

(Foto: Fabian von Trotha/oh)

Jugendwohnheime sind wegen der Pandemie verwaist - die Kosten will keiner tragen

Von Dietrich Mittler, Landshut

Wäre nicht die Corona-Pandemie, so müsste Ludwig Weber im Speisesaal des Landshuter Jugendwohnheims am Handy jetzt zumindest ein bisschen lauter reden. Augenblicklich aber zählt er gerade mal zwei junge Leute, die dort noch vor einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen sitzen. Die Tischreihen hinter ihnen sind verwaist, die Stille tut fast schon weh. Weber, Chef des Hauses, das organisatorisch zum Katholischen Jugendsozialwerk München gehört, macht sich Sorgen. Coronabedingt sind die Berufsschulen geschlossen, Blockunterricht findet digital statt. Und das heißt für die Leiter von Jugendwohnheimen in Bayern: Übernachten die Berufsschüler aus weit entfernten Ortschaften nicht mehr in ihren Häusern, so bleiben auch die Einnahmen aus, die Kosten aber laufen weiter. "Im Augenblick übernachten im Landshuter Wohnheim nur 15 statt 140 junge Leute, unser Haus in Deggendorf ist sogar komplett zu", sagt Weber.

"Es ist bitter", fährt er fort, "denn diesen Zustand halten wir als gemeinnützig-mildtätiger Verein, der kaum Rücklagen bilden kann, nicht lange durch." In Bayern gibt es rund 80 Einrichtungen des Jugendwohnens mit gut 9000 Plätzen. Ungefähr drei Viertel dieser Einrichtungen befinden sich in der Trägerschaft katholischer Organisationen. Für wiederum die Hälfte dieser Häuser stellen die Blockschülerinnen und -schüler der Berufsschulen "eine wesentliche Belegungsgruppe dar", wie es im Landes-Caritasverband Bayern heißt. In normalen Zeiten wären da nun bayernweit an die 3000 Plätze belegt, so wie etwa kurz nach den Sommerferien 2020. "Jeder Tag, der ins Land streicht, geht bei uns satt ins Minus", sagt Weber.

Auch Bayerns Jugendherbergen kämpfen ums Überleben, doch immerhin wurde für sie ein Rettungsschirm aufgespannt. Davon können die Träger der Jugendwohnheime nur träumen. Stefan Bauer, Beauftragter für das Jugendwohnen der Katholischen Jugendsozialarbeit in Bayern, berichtet von zähen Kämpfen. Mit dem Sozialministerium hat er gesprochen, mit dem Kultusministerium, dem Wirtschaftsministerium. "Aber die Zuständigkeit wurde von einem zum anderen weitergereicht - bis hin zur Staatskanzlei, die uns jetzt wieder an den Städte- und Landkreistag verwiesen hat", sagt Bauer.

Verantwortlich für dieses Buchbinder-Wanninger-Erlebnis, bei dem man wie im Sketch des Humoristen Karl Valentin von einer Stelle zur nächsten verwiesen wird, ist die rechtliche Konstruktion der Jugendwohnheime als Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Die Finanzierung der Unterbringung ist im Schulfinanzierungsgesetz des Freistaats geregelt. Gäbe es keine Corona-Pandemie, so würde das Folgende kaum jemanden interessieren: Für nicht belegte Plätze zahlt der Freistaat augenblicklich 9,90 Euro Kostenzuschuss, statt des sonst üblichen Zuschusses in Höhe von bis zu 15 Euro. Für die übrigen Kosten wären die Kommunen zuständig als Schulaufwandsträger - was sie aber aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie nicht im erhofften Umfang leisten. Stattdessen deutet der Bayerische Städtetag auf den Freistaat. Der könne doch das Problem abmildern, wenn er zumindest einen Härteausgleich zur Verfügung stellen würde, den die Kommunen dann an die Einrichtungen weitergeben könnten. Immerhin, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, gingen die angeordneten Corona-Beschränkungen ja vom Freistaat aus.

Auch ohne Taschenrechner wird dabei rasch klar: "Es reicht hinten und vorne nicht", wie Ludwig Weber in Landshut und Stefan Bauer in München im Sinne der bayerischen Jugendwohnheime sagen. Bauer, Chef des Salesianums in München, des größten Jugendwohnheims in Deutschland, berichtet von 10 000 Euro Einnahmeeinbußen täglich - nur aufgrund der fehlenden Berufsschüler. Der Landes-Caritasverband wiederum beruft sich auf eine Hochrechnung, die für 2020 von einem "Einnahmeausfall aller derartigen Einrichtungen in Bayern" in Höhe von mehr als 7,5 Millionen Euro ausgeht. Die Folgen für die Mitarbeiter der jeweiligen Einrichtungen sind hart - viele sind in Kurzarbeit, manche, so wie in Deggendorf, sogar zu 100 Prozent.

Leidtragende sind aber auch die Berufsschüler, die nun zuhause hocken. Einrichtungsleiter Weber zitiert aus Mails: "Ohne Berufsschule und die Unterbringung im Jugendwohnheim habe ich Angst, dass ich die Abschlussprüfung nicht schaffe." Oder: "Ich wünsche mir wieder Präsenzunterricht. Dann können mir die Betreuer im Wohnheim nach der Schule auch noch Sachen erklären."

© SZ vom 13.02.2021
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