Wandern in den Alpen Wie viel Luxus braucht es in den Bergen?

Die Essensausgabe, der Zweckbau, die Regendusche: Schöne neue Welt auf der Höllentalangerhütte - aber von Urigkeit keine Spur mehr.

(Foto: Stephan Rumpf)

Drei-Gänge-Menüs, Regendusche, Wlan: Immer mehr Wanderer erwarten in den Hütten dieselben Standards wie im Tal. Eine Gruppe wehrt sich nun dagegen.

Von Isabel Bernstein

Dass es jetzt schon Kaffee-Vollautomaten auf Berghütten braucht, findet die Wanderin "furchtbar". Bei so einem Anspruchsdenken kann sie nur den Kopf schütteln, einfacher Kaffee tut es hier im Gebirge doch auch. Sagt sie. Und bestellt einen Cappuccino. Andere brüten länger über der zweisprachigen Speisekarte der Höllentalangerhütte. Wollen sie das Champignonschnitzel mit Spätzle? Oder lieber den Fitness-Salat mit Hühnerstreifen? Der Zucchinikuchen klingt auch lecker. Mehr als zwei Dutzend Gerichte stehen zur Wahl.

Es ist Mittagszeit auf der Höllentalangerhütte. In der Küche wird gebrutzelt, die Töpfe scheppern, Speckknödelsuppen und andere Gerichte werden über die Theke gereicht, schnell haben die zwei Bedienungen die Besucher versorgt. Normalerweise ist man hier ganz andere Massen gewöhnt: An schönen Tagen ist die Berghütte oberhalb von Grainau eines der beliebtesten Ausflugsziele im bayerischen Voralpenland, dann strömen schon einmal bis zu 2000 Personen täglich hier herauf.

So sieht die neue Höllentalangerhütte aus

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Aber heute? Sind bislang nur wenige Bergsteiger gekommen. Der Himmel ist bewölkt, immer wieder tröpfelt es. Die meisten Wanderer machen es sich da lieber gleich im Gastraum bequem. Dort haben sie, dank Panoramafenster, freien Blick auf das Hochtal unterhalb der Zugspitze.

Thomas Auer gönnt sich eine kurze Pause und nimmt unter der modernen, schwarzen Flachlampe an einem jener Holztische Platz, die auch drei Jahre nach der Einweihung noch aussehen wie neu. Im Sommer bewirtet er die Höllentalangerhütte, im Winter betreibt der Mittvierziger ein Wellness-Familien-Hotel mit vier Sternen im Pitztal. Der Neubau hat Kritik hervorgerufen, kaum dass die ersten Entwürfe publik waren. Sogar eine Online-Petition gegen den Abriss der urigen alten Hütte mit ihrem roten Giebeldach und den grünen Fensterläden gab es, 5000 Menschen unterschrieben sie. Gebracht hat es nichts. Der Vorwurf, die Hütte habe an Charme verloren, ist geblieben.

In der neuen Höllentalangerhütte erwartet den Bergsteiger ein modernes Bad mit Regendusche, glänzenden Armaturen und grauen Fliesen. Abends gibt es ein frei wählbares Drei-Gänge-Menü, dazu Qualitäts- und Tafelweine, Piccolo und Prosecco, der auch flaschenweise bestellt werden kann. Geschlafen wird überwiegend in Sechsbettzimmern. Preislich ist kein Unterschied mehr zum Tal: Eine Übernachtung im Mehrbettzimmer kostet pro Person mit Halbpension schnell mal 70 Euro - ohne Getränke. Und auch Wlan ist inzwischen eingerichtet, zumindest an der Rezeption. Viele Gäste fragen Thomas Auer gar nicht mehr, ob er das überhaupt anbietet. Sie fragen gleich nach dem Passwort.

Auer trägt, wie alle seine Angestellten, ein T-Shirt mit dem neuen Logo der Höllentalangerhütte. Das Logo - eine zackige Linie mit einem Viereck darunter sollen zwei Berggipfel und die Hütte darstellen - gibt es erst seit dem Neubau, es prangt auf allen Speisekarten und den Hinweisschildern am Wegesrand. Es zeigt, dass sich das Selbstverständnis der Hütte geändert hat.

Wichtig war, auf 1400 Metern Höhe im Warmen und Sicheren zu sein

Vor 125 Jahren, als die Höllentalangerhütte als einfache Schutzhütte errichtet wurde, brauchte es noch kein Corporate Design. Da war es das Wichtigste, hier in knapp 1400 Metern Höhe im Warmen und Sicheren zu sein. Komfort spielte keine Rolle, die Bergsteiger nächtigten im Bettenlager auf Seegrasunterlagen, weil Matratzen zu teuer waren. Zum Essen gab's, was der Hüttenwirt an Zutaten da hatte, und wenn niemand schnarchte oder schon frühzeitig vor Morgengrauen aufbrach und damit die anderen weckte, sprach man von einer guten Nacht.

Die Ansprüche haben sich längst geändert, nicht nur auf der Höllentalangerhütte. Wo einst ein Hauch von Abenteuer die Übernachtungen in den Alpen umgeben hat, ist heute das Gegenteil gefragt. Wer in die Berge geht, der will nicht mehr entbehren. Der will, dass es auf der Hütte genauso zugeht wie im Tal. Das Anspruchsdenken verändert die Alpen für all diejenige, für die Bergsteigen weniger ein Sport ist, sondern eine Lebenseinstellung. Für die Bergsteigen bedeutet, Kopf und Körper in Einklang zu bringen, den Alltag hinter sich zu lassen, zu entschleunigen. Demut zu haben vor der Natur. Champignonschnitzel und Corporate Design auf 1387 Metern braucht's da nicht. Mehr noch: Es passt einfach nicht.

Sonja Schütz und Philipp Monden waren noch nicht auf der neuen Höllentalangerhütte. Wahrscheinlich würden sie sich dort nicht wohlfühlen. Ihnen ist es ein Rätsel, warum Menschen das, was sie ständig im Alltag haben, auch in die Berge mitnehmen wollen. Beide sind seit Jahren in der Münchner Sektion des Deutschen Alpenvereins aktiv, gehen häufig Ski-Hochtouren, klettern, übernachten auch gerne auf Hütten. Aber das ist in den vergangenen Jahren schwieriger geworden.

Bergsteiger schlafen in einer Hütte Ddie Aufnahme aus den Dreißigerjahren zeigt Männer, die sich auf einem Hochbett und auf Bänken in einer Berghütte zum Schlafen hingelegt haben. Unter der Bank sind Wanderstiefel aufgestellt.

(Foto: KNORR + HIRTH)

Wo sie früher noch Touren je nach Schwierigkeitsgrad heraussuchen und dann erst die Hütte wählen konnten, können sie heute froh sein, wenn sie mit ein paar Tagen Vorlauf überhaupt noch irgendwo eine Übernachtungsmöglichkeit ergattern kann. Bis vor zwei Jahren mussten DAV-Hütten noch ein Viertel ihrer Schlafplätze für spontane Gäste freihalten, das hat sich auch auf Wunsch der Wirte geändert. Inzwischen müssen nur noch zehn Prozent vorgehalten werden. Und auch da bekommen Bergsteiger oft zu hören, dass sie noch ins Tal absteigen sollen, weil die Hütte ausgebucht ist.

"Für uns ist eine Grenze erreicht", sagt Sonja Schütz. Mit "uns" meint sie die Gruppe "Vorsicht friends" der Münchner Sektion, in der sie und Monden aktiv sind. Die Mitglieder kennen sich seit Jahren, lieben das einfache Naturerlebnis im Gebirge, und irgendwann drehten sich ihre Debatten immer mehr um ein Thema: Da läuft etwas falsch in den Bergen. Das war der Moment, in dem sie eine Arbeitsgruppe ins Leben riefen. "Quo vadis?" heißt sie. Wohin gehst du, Alpinismus? Das Ziel der Gruppe: die Berge nicht dem Ansturm der Massen und dem zunehmenden Anspruchsdenken zu überlassen. Denn die Entwicklung der Höllentalangerhütte ist keine Ausnahme. Sie steht symptomatisch für den gesamten Alpenraum.