Innovationen Wie Technik das Leben von Menschen mit Behinderung erleichtert

  • Der Einsatz von Algorithmen, Sensoren und Datenströmen könnte das Leben für Menschen mit Behinderung künftig einfacher gestalten.
  • An bayerischen Hochschulen, in Start-ups und Unternhemen werden zahlreiche Produkte entwickelt.
  • Die Gesundheitsindustrie im Freistaat setzt heute schon Milliarden Euro an Wertschöpfung um - und der Markt wächst.
Von Maximilian Gerl und Dietrich Mittler

Das Geschäft mit dem Wohlergehen hat Zukunft. 2016 setzte allein die bayerische Gesundheitsindustrie rund 37,5 Milliarden Euro Wertschöpfung um. Bis 2045 sollen es, so schätzt es der sogenannte Zukunftsrat der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, mehr als 60 Milliarden Euro sein. Viele Firmen, Universitäten und Start-ups versuchen, einen Platz auf diesem Wachstumsmarkt zu finden; Verbände, Städte und Freistaat fördern Gründerzentren und Initiativen. Besonders interessant sind dabei Produkte, die Menschen mit Behinderung das Leben leichter gestalten könnten.

Zwar schaffen es erfahrungsgemäß nicht alle dieser Ideen übers Reißbrett hinaus, auch werden manche nie halten, was sie einst versprachen. Einige allerdings sind einen näheren Blick wert, zeigen sie doch, was inzwischen dank digitaler Technik möglich ist. Vier Gesundheits-Innovationen, die im neuen Jahr durchaus spannend werden könnten, sollen hier exemplarisch vorgestellt werden:

Grafiken ertasten

Mit dem Tactonom kann man via Bildschirm Grafiken erfühlen.

(Foto: Inventivio)

Ist das ein Tablet? Oder eine Spielekonsole? Am ehesten käme der Begriff Lesegerät hin. Groß wie eine DIN-A-4-Seite ist sein "Bildschirm", der blinden Menschen helfen soll, Dinge zu erkennen, die sich in Braille-Schrift schwer wiedergeben lassen. Tabellen etwa, Statistiken und Stadtpläne. "Es gibt keine Ausgabeform für grafische Inhalte", sagt Klaus-Peter Hars vom Nürnberger Start-up Inventivio. Das sei gerade im Job ein Problem. "Wenn Sie morgen blind werden, werden Sie übermorgen arbeitslos." Wenn es nach den Erfindern geht, soll am Arbeitsplatz künftig das "Tactonom" helfen - eine Wortschöpfung aus "taktil" und "autonom".

Im Inneren des Geräts rechnet eine Software grafische Inhalte so um, dass sie ertastbar werden. Dazu rollen mehr als 10 000 kleine Metallkugeln von Elektromagneten gesteuert über die Oberfläche und fallen an der richtigen Stelle in ebenso kleine Löcher. Streicht man mit dem Fingern darüber, lassen sich anhand der hervorstehenden Kügelchen Formen und Zeichen erfühlen. Theoretisch einfach, praktisch knifflig. Sechs Jahre Entwicklung stecken in dem Gerät, im Frühjahr soll es auf den Markt kommen. Gefördert wird das Projekt unter anderem durch die Europäische Union.

Kopf steuert Rollstuhl

Mit Google Glass wird ein Elektrorollstuhl durch Kopfbewegungen gesteuert.

(Foto: Munevo GmbH)

Die "Roadshow im neuen Jahr ist schon gebucht. Dann wollen Claudiu Leverenz und sein Team in Sanitätshäusern ihr "finales Produkt" vorstellen, wie der 29-Jährige sagt. Das Start-up Munevo GmbH hat ein System entwickelt, mit dem körperlich schwerst eingeschränkte Menschen schwere Elektro-Rollstühle allein durch Kopfneigung steuern können. Dazu braucht es eine Box voller Elektronik, die am Rollstuhl angebracht wird. Die Steuerungssignale, die diese Box umsetzt, sendet wiederum der Miniaturcomputer Google Glass. Der sieht gar nicht wie ein Computer aus, sondern eher so wie eine leicht aufgemotzte Designerbrille.

Seine Existenz verdankt das Projekt letztlich einem Kurs an der Technischen Universität München. Der Auftrag an die Studenten lautete, etwas Innovatives zu entwickeln, was die menschliche Mobilität verbessern könne. "Im Team war einer, der seinen Zivildienst in einem Heim absolviert hatte, in dem viele Rollstuhlfahrer lebten", sagt Leverenz. Und da kam sie auch schon, die zündende Idee, Google Glass mit einem Rollstuhl in Kommunikation treten zu lassen. Früher konnten die Betroffenen ihren Rollstuhl oft nur mit einem Joystick am Kinn steuern. Der Berliner Tim Fürstenberg, einer jener, der die Konstruktion bereits am eigenen Rollstuhl testen konnte, sagt: "Mit dem Joystick hat es immer Probleme gegeben, wenn ich über Kopfsteinpflaster fuhr."

Pflaster sendet Alarm

Das Pflegepflaster löst bei Gefahr Alarm aus.

(Foto: PR)

Der Name täuscht: Das "Pflegepflaster" pflegt nicht selbst. Es soll vielmehr Bescheid geben, wenn es Zeit dazu wird. Das Pflaster wird auf Höhe des Kreuzbeins angebracht, wo es laut Entwicklern vom Patienten nicht spürbar sein soll. Im Inneren ist eine Tasche mit einem Sensor, der auf Bewegung und Geschwindigkeit reagiert. Stürzt der Patient, sendet der Sensor ein Signal an eine App - und benachrichtigt so Angehörige, Nachbarn, Pfleger über den Notfall. Das Fürther Entwicklerteam von Moio hofft, so allen Beteiligten zu helfen: Die Patienten würden zielgerichtet versorgt. Und Angehörige könnten auch mal in Ruhe außer Haus gehen. Wertvolle Zeit für sich selbst, die in der häuslichen Pflege oft zu kurz komme.

Mitte 2019 soll das Pflegepflaster auf den Markt kommen, es soll vor allem Demenzkranken, Epileptikern und Menschen mit geistigen Behinderungen helfen; auch eine Version für Kliniken ist geplant. Für den Privatanwender liegt der monatliche Mietpreis bei voraussichtlich 60 Euro. Auf eine ständige Datenübertragung zum Server will Moio nach eigenen Angaben verzichten: Daten würden nur dann verschickt, wenn es notwendig sei. "Wir wollen keinen gläsernen Patienten."

Ampel im Taschenformat

Mit dem Ampel-Piloten können Sehbehinderte per Handy das Signal der Ampel erfassen.

(Foto: Hochschule Augsburg)

Für viele Blinde ist es Stress pur, ohne Hilfe die Straße zu überqueren. "Tatsächlich sind nur zehn bis zwölf Prozent aller Fußgängerampeln in Deutschland mit akustischen beziehungsweise taktilen Signalgebern ausgestattet", sagt Torsten Straßer, der als Lehrbeauftragter der Hochschule Augsburg acht Studenten für das Projekt "Ampel-Pilot" gewinnen konnte. Auf die Grundidee war der Tübinger Augenarzt Christoph Kernstock gekommen: Smartphones mit ihren Kameras sind so leistungsstark, dass sie erkennen sollten, ob eine Ampel auf Rot oder Grün schaltet. Die Studenten gingen gleich in die Vollen, deutschlandweit sammelten sie Fotos von circa 3000 Ampeln. Mit diesen Fotos wurde die App trainiert, Ampeln zu erkennen. "Künstliche Intelligenz ist eben längst nicht so intelligent wie ein Mensch, der sich nur ein Bild anschauen muss und dann weiß, wie eine Ampel aussieht", sagt Straßer, der hauptberuflich als Informatiker am Forschungsinstitut für Augenheilkunde in Tübingen tätig ist.

Inzwischen ist die App so ausgereift, dass sie in der Regel Ampelsignale gut erkennt. Für Sehbehinderte färbt sich das Handy-Display - der Ampel entsprechend - rot oder eben grün. Blinde Menschen bekommen eine Vibrationsrückmeldung sowie eine Sprachansage. Den Ampel-Piloten kann man bereits kostenlos auf Android-Handys und iPhones herunterladen, er ist aber noch nicht ausgereift. Benutzen sollten ihn nur Blinde und Sehbehinderte, die bereits ein Mobilitätstraining absolviert haben. Und: Der Anbieter der App übernimmt keine Haftung für Sach- oder Personenschäden.

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