Kaum Vielfalt in Führungsetagen:Viele Alte, wenig Frauen

Eine Studie der IHK zeigt, dass in schwäbischen Unternehmensführungen wenige weibliche und kaum junge Chefs sitzen. Vor allem Hoteliers tun sich schwer, Nachfolger zu finden.

Von Florian Fuchs, Augsburg

Was die Allgäu Top Hotels anbelangt, ist Sybille Wiedenmann ganz entspannt. In der Vereinigung kooperieren 80 der großen Hotels im Allgäu miteinander, es ist der größte regionale Hotelverbund dieser Art in Deutschland. Nachwuchsprobleme kennen sie dort nicht, viele Hotels sind familiengeführt, die nächste Generation arbeitet bereits in den Betrieben mit, führt zum Beispiel Teilbereiche eines Hotels. Sie haben ein Programm aufgelegt, "Next Generation", in dem sich die künftigen Hotelchefs austauschen. "Das läuft sehr gut", sagt Wiedenmann. Dass sich die Situation in kleineren Hotels vielleicht anders darstellt, in denen Chefs 24 Stunden an sieben Tagen die Woche verfügbar sein müssen, kann sich die Geschäftsführerin der Allgäu Top Hotels aber schon auch vorstellen.

Die IHK Schwaben hat in einer neuen Studie die Führungsetagen der regionalen Unternehmen untersucht, zwei Trends sind dabei auffällig. Während der Frauenanteil in Unternehmensleitungen bei der vorangegangenen Studie aus dem Jahr 2012 noch 26 Prozent betrug, ist er knapp zehn Jahre später nur um einen Prozentpunkt nach oben geklettert. "Da ist noch Luft nach oben", sagt Matthias Köppel, Leiter des Geschäftsbereichs Standortpolitik der IHK Schwaben. Auffällig ist außerdem, dass gerade in Beherbergungsbetrieben und damit im vom Tourismus geprägten südlichen Allgäu das Durchschnittsalter der Chefs im Vergleich zu allen anderen Branchen am höchsten ist.

Laut der Studie, die sich auf die Zahlen aus 140 000 Unternehmen stützt, ist das Durchschnittsalter der Bosse in den Unternehmen von 2012 bis heute von 47,3 Jahren auf 50,8 Jahre gestiegen. Studienleiter Niklas Gouverneur folgert daraus, dass sich Chefs frühzeitig um Nachfolger kümmern müssen, da sich das Nachfolgeproblem innerhalb des nächsten Jahrzehnts verschärfen wird, wenn immer mehr Betriebsleiter in Rente gehen. Was in Branchen wie der Kreativwirtschaft in urban geprägten Regionen wie Augsburg funktioniert, nämlich junge Firmengründer zu fördern, ist in ländlich geprägten Regionen wie im südlichen Allgäu offenbar komplizierter.

Gouverneur nennt Gründe, warum vor allem kleinere Hotelbetriebe Nachfolgeprobleme haben: Die Rendite ist teils niedriger als in anderen Branchen, man darf kein Feierabendfetischist sein oder geregelte Arbeitszeiten bevorzugen. Viele Betriebe sind zudem familiengeführt. "Da hängt viel Emotion dran", sagt Gouverneur. In den großen Hotels, argumentiert Sybille Wiedenmann, gebe es oft Betriebsleiter, die das operative Geschäft führen, sodass sich die Inhaber zurückziehen können. Es sei aber gerade in der Beherbergungsbranche üblich, dass Nachfolger zunächst in anderen Betrieben, oft im Ausland arbeiten, um frische Ideen mitzubringen. Insofern sei es nicht verwunderlich, wenn Chefs in der Branche älter sind: Der Nachwuchs hat einen weiteren Weg bis in die Chefetage. Vor allem die topgeführten Hotels seien aber gut vernetzt, sagt Wiedenmann, was man schon allein am Programm "Next Generation" erkenne. Das erleichtere die Aufgabe, Nachfolger zu finden.

Vernetzung ist so ein Schlüsselwort, das auch die IHK ins Spiel bringt, wenn es darum geht, die Situation zu verbessern. Firmeninhaber müssten sich demnach frühzeitig mit einer möglichen Nachfolge beschäftigen. "Das 50. Lebensjahr sollte die Schwelle sein, um sich Gedanken zu machen", sagt Gouverneur. Dann bliebe genug Zeit, Nachfolger zu finden und einzuarbeiten, was wiederum auch den künftigen Chefs zugute kommt. "Man hat so die Chance, über die Jahre ein Gefühl für den richtigen Weg zur Übergabe zu finden", sagt Matthias Köppel. Ratsam sei es auch, Frauen mehr Chancen zu geben, in Führungspositionen aufzusteigen - die Studie zeige ja, dass hierbei Potenzial bestehe.

Die IHK richtet aber auch Forderungen an die Politik, etwa zum Bürokratieabbau und einer Reduzierung und Vereinfachung der Erbschaftssteuer. "Bürokratische und steuerliche Hürden bei Firmenübernahmen müssen abgebaut werden", schreibt Gouverneur in der Studie und fordert gleichzeitig, die Themen Unternehmertum und Wirtschaft in den Schulen zu stärken, um so den Grundstein für künftige Betriebsnachfolgen zu legen.

Es gibt aber auch Chefs, die kreative Lösungen finden, wenn es um die Nachfolge geht. Ein Hotelier aus dem Allgäu zum Beispiel hat seinen Betrieb nun verpachtet, weil er mit 60 Jahren sein Leben genießen will und seine Kinder noch nicht so weit sind, um zu entscheiden, ob sie das Unternehmen weiterführen wollen. In zehn Jahren läuft die Pacht aus - bis dahin ist genug Zeit, um die Nachfolge zu regeln.

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