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Begegnungsstätte:Historischer Superstar

Sommersitz: Als Henri Marteau in die Wirren des Ersten Weltkriegs geriet, zog er sich in seine Villa zurück.

(Foto: Olaf Przybilla)

In der Villa des Violinvirtuosen Henri Marteau lernen Nachwuchskünstler

Von Olaf Przybilla, Lichtenberg

Aus den Anfangsjahren der Villa Marteau als Begegnungsstätte für junge Musiker ist eine unerhörte Begebenheit überliefert. Marianne Strauß trug sich ins Gästebuch ein, was man eben so macht als prominenter Gast. Anschließend beschäftigte die Sache angeblich den Militärischen Abschirmdienst, weil ein Kronleuchter genau in dem Moment, in dem sie den Stift ansetzte, nach unten stürzte. Der Vorfall wurde penibel untersucht, sogar ein Anschlag stand zur Debatte, von welcher finsteren Macht auch immer. Die Ermittlungen ergaben allerdings, dass in der Villa lediglich eine Schraube locker war.

Finstere Mächte spielen auch in der Geschichte des Violinvirtuosen Henri Marteau eine tragende Rolle. Aber zunächst sollte man vielleicht klären, was es mit dem Mann überhaupt auf sich hat. Auch Andreas Förster, den man den guten Geist des Hauses nennen könnte, würde das nicht für zu redundant halten: Zwar dürfte er alle Anekdoten kennen, die sich um die Villa ranken. Aber er ahnt auch, dass Marteau längst nicht mehr zum Kanon jedes Bildungsbürgers gehört. Förster ist in der Musikstadt Dresden aufgewachsen, Marteaus Mutter stammte sogar von dort. Dessen Name aber ist Förster erst nach der Wende untergekommen, als es ihn nach Hof verschlug. Dann aber umso mehr. Förster wurde Hausmeister in der Marteau-Villa.

Ulrich Wirz, der sich wissenschaftlich mit Marteau beschäftigt, nennt den Violinvirtuosen "eine Figur, die man einen historischen Superstar nennen könnte". 1874 geboren, dürfte sich Marteau die Villa in Lichtenberg allein mit Gagen finanziert haben, die ihm seine Tourneen einbrachten. Den Hügel in Lichtenberg, auf dem er sich eine Sommervilla bauen ließ, entdeckte er eher zufällig, als er einen Freund in Oberfranken besuchte. Wobei der Ort viel weniger abseits gelegen war, als man das heute denken würde. Lichtenberg, ehemaliger Herrschaftsitz, hatte damals noch einen Bahnhof. Und liegt etwa in der Mitte zwischen Dresden, Prag, Berlin und Wien, wichtige Städte für einen Tournee-Virtuosen.

Dass Marteau Lichtenberg zu seinem Erstwohnsitz machte, hatte nicht unwesentlich mit dem Ersten Weltkrieg zu tun. Frankreich war empört, dass Marteau nicht auf der Seite der französischen Armee kämpfte, immerhin war sein Vater Franzose. Auf deutscher Seite, von wo seine Mutter stammte, machten Gerüchte die Runde, Marteau sei französischer Spion. Er geriet zwischen die Fronten, verlor seinen Lehrstuhl in Berlin. Und zog in den Sommersitz aufs Land, nach Lichtenberg.

Vor 33 Jahren wurde die Villa zur Begegnungsstätte. Junge Musiker, viele aus Fernost, besuchen in Lichtenberg Meisterkurse vor allem bayerischer Professoren. Etwa 1000 Teilnehmer sind es pro Jahr, die Abgeschiedenheit der Künstler-Villa gilt in der Szene als beliebt. Im Haus übernachten dürfen Musiker allerdings nicht, dazu ist zu wenig Platz. Dafür freuen sich die Pensionen in Lichtenberg.

© SZ vom 20.10.2015

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