Der Klassik-Festspiel-Guide 2024:Warmlaufen für den Festspielsommer

Lesezeit: 6 min

Hippie-Blumen-Mädchen: Wiedersehen mit Jay Scheibs buntem "Parsifal"-Spektakel bei den Bayreuther Festspielen, ein aufwändiges Theatererlebnis mit digitalen Zuspielungen. (Foto: Enrico Nawrath / Bayreuther Festspiele)

In München wird gehupt, in Bregenz geschossen und in Salzburg revoltiert, Bayreuth wartet auf den neuen Tristan und Erl auf Jonas Kaufmann.

Von Jutta Czeguhn

Die Bayreuther Ticket-Ampel, sie steht schon ziemlich auf Rot. Wer jetzt noch keine Karte sein Eigen nennt für einen der sechs neuen „Tristane“ auf dem Grünen Hügel, kann nur noch auf irgendeine glückliche Fügung hoffen. Das gilt auch für den „Jedermann“ in Salzburg, der natürlich längst ausverkauft ist. Ansonsten aber lohnen selbst Spontanbesuche bei den großen Festspielen im Sommer 2024, die Chancen auf Tickets stehen gut. Und die dicken Wagner-Klopper, es gibt sie schließlich nicht exklusiv in Bayreuth, sondern auch in München oder Erl. In Bregenz, bewährt als James-Bond-Kulisse, wiederum feuert heuer der „Freischütz“. Und Salzburg macht längst nicht nur auf große Oper oder gloriosen Orchesterklang, sondern hat auch viele feine Perlen im Programm, die es zu entdecken gilt. Ein Überblick.

München: Schräge Apokalypse

Bei "Oper für alle" hoffentlich mit ihm: Jonas Kaufmann ist in der Rolle des Cavaradossi in der neuen Münchner "Tosca" angekündigt. Hier in der Rolle des Dick Johnson 2022 in Puccinis „La fanciulla del west“, das bei den Festspielen ebenfalls auf dem Programm steht, diesmal allerdings ohne Kaufmann. (Foto: Wilfried Hösl)

Die Münchner Opernfestspiele (28.6.–31.7.) werden in diesem Sommer nicht eingeläutet, sondern eingehupt. So ungewöhnlich jedenfalls beginnt „Le Grand Macabre“, die einzige Oper, die der Klassik- und Humor-Extremist György Ligeti je komponiert hat. Es geht um nichts weniger als die Apokalypse, die über das „Breughelland“ kommen soll, dann aber krachend scheitert. An sich eine quietschbunte, schrille Angelegenheit, umso spannender nun, was einer wie der ewig verrätselte Regisseur Krzysztof Warlikowski und der feinsinnige Kent Nagano am Pult aus dieser ausufernden Partitur machen werden (Premiere: 28.6.).

Ansonsten dreht sich an der Bayerischen Staatsoper alles um den Opern-Stoff schlechthin: die (Un-)Möglichkeiten der Liebe. Ob in Debussys „Pelléas et Mélisande“ (Premiere: 9.7.), das mit einem Rollendebüt von Christian Gerhaher aufwartet, in Wagners „Tannhäuser“, Mozarts „Nozze“ oder Puccinis „Tosca“. Eine Best-of-Leistungsschau respektive prächtiger Gemischtwarenladen ist dieser Festspielplan ’24 mit all den Premieren der aktuellen Spielzeit wie „Pique Dame“, „Fledermaus“ oder „Die Passagierin“, garniert mit nimmermüden Repertoirestücken wie „Trovatore“, „Parsifal“ oder „Elektra“.

Sopranistin der Stunde: Asmik Grigorian, hier im Februar bei der Premierenfeier zur Münchner Neuinszenierung von "Pique Dame", mit Regisseur Benedict Andrews (rechts) und Dirigent Aziz Shokhakimov (links). Bei den Festspielen gibt sie einen Liederabend. (Foto: Stephan Rumpf)

Und auch das Star-Aufkommen ist in diesem Festspieljahrgang in München recht hoch. Angesagt sind unter anderem Asmik Grigorian (Liederabend, 7.7.), Nina Stemme, Klaus Florian Vogt, Diana Damrau, Jakub Józef Orliński oder Jonas Kaufmann. Der Tenor wird neben seinem obligaten Liederabend auch bei „Oper für alle“ am 27. Juli in der „Tosca“ die Arie „E lucevan le stelle“ singen, wie nur er es kann.

Münchner Opernfestspiele, 28. Juni bis 31. Juli, Infos und Karten unter www.staatsoper.de

Bregenz: Wolfsschlucht mit Seeblick

Winter-windschiefes Geisterdorf: Philipp Stölzls Bühnenbild für Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" bei den Bregenzer Festspielen. (Foto: Eva Cerv)

Der Großkaliber auf der Bregenzer Seebühne ist in diesem Jahr Carl Maria von Webers „Der Freischütz“. Schwarze Romantik, Horror gar, unter Garantie werden sie mit diesen Zutaten ins Schwarze treffen und gewiss keine Havarie erleiden. Zumal der schon Bregenz-erfahrene Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl das Ruder übernommen hat und die Oper eine Hit-Maschine ist, mit der Arie „Durch die Wälder“, den Chor-Stücken der Brautjungfern und Jäger. Und dann natürlich der berühmten Wolfsschlucht-Szene, wo die Kugeln knallen werden. Premiere ist 17. Juli.

Freilich gilt auch hier: Alles reine Geschmacksfrage. Und wer wenig übrig hat für den Weberschen „Schreifritz“, die Bregenzer Festspiele (17.7.–18.8.) haben noch einiges mehr zu bieten. Gioachino Rossinis Frühwerk „Tancredi“ (1813) zum Beispiel, das nur mehr selten zu hören ist. Jan Philipp Gloger inszeniert diese Oper, die nach der gleichnamigen Tragödie von Voltaire entstanden ist. Den Ritter, der hier den Kampf um verlorene Ehr und Liebe ficht, singt hier eine Frau.

Und komisch wird’s auch in Bregenz. Fest in Frauenhand ist der Doppelaufschlag, eine Kombi aus Rossinis Oper „Der Ehevertrag“ und dem Puccini-Einakter „Gianni Schicchi“ aus „Il trittico“, aus der die Super-Arie „O mio babbino caro“ stammt. Brigitte Fassbaender inszeniert, am Pult steht Claire Levacher (Premiere 12.8.).

Bregenzer Festspiele, 17. Juli bis 18. August, Infos und Karten unter www.bregenzerfestspiele.com

Salzburg: Revolutionen mit Stars

Neuer Jedermann, neue Buhlschaft: Philipp Hochmair kennt man unter anderem als blinden TV-Ermittler, Deleila Piasko beeindruckte zuletzt in der großartigen ARD-Serie "Die Familie Zweifler". Alle Salzburger "Jedermann"-Vorstellungen sind ausverkauft, doch kann man sich eine Stunde vor Beginn am Domplatz in der Franziskanergasse um Stehplatzkarten bemühen. Eine Challenge für alle Fans. (Foto: Jan Friese)

Außenseiter, die ihrem eigenen Regelwerk folgen, um sie geht es in diesem Festspielsommer in Salzburg (19.7.–31.8.). Gemeint ist damit aber wohl nicht der exzentrische, griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis, der weiter beharrlich schweigt zu Putins Angriff auf die Ukraine. Auch nicht Intendant Markus Hinterhäuser, der Jahr um Jahr an ihm festhält. Und vom Publikum Bestätigung dafür bekommt: Nahezu ausverkauft sind die „Don Giovanni“-Vorstellungen, die Currentzis leitet. Und die Matthäus-Passion zum Festspiel-Auftakt am 19. Juli mit seinem Utopia Choir und Orchestra sowieso.

Eine, die kein großes Gewese um ihre Person macht, ist die Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla. Sie ist am wohl interessantesten Projekt in diesem Salzburger Festspielsommer beteiligt: Gleich zwei Romanvertonungen von Dostojewski kommen auf die Bühne. Die Litauerin steht am Pult bei Mieczysław Weinbergs Oper „Der Idiot“; die Musik ist ebenso soghaft wie das knapp 1000-seitige Buch über den mittellosen Fürsten Myschkin, der beharrlich an das Gute im Menschen glaubt (Inszenierung Krzysztof Warlikowski, Premiere: 2.8.). Es empfiehlt sich, auch Prokofjews Dostojewski-Oper „Der Spieler“ zu hören, in der es um die Gier nach schnellem Gewinn geht. Timur Zangiev dirigiert und Peter Sellars führt Regie. Auch wenn Super-Sopran Asmik Grigorian hier zum Ensemble gehört, es sind noch Karten zu haben (Premiere: 12.8.).

Cecilia Bartoli (Sesto) mit Alexandra Marcellier (Vitellia) in Mozarts Oper "La clemenza di Tito". Robert Carsens Neuinszenierung von den Salzburger Pfingstfestspielen ist nun auch im Sommer zu sehen. (Foto: Marco Borelli)

Was das Staraufgebot angeht, kann so leicht kein anderes Festival mit Salzburg mithalten: Daniel Behle und Cecilia Bartoli singen in Mozarts „La Clemenza di Tito“, Lisette Oropesa in „Hamlet“, Elsa Dreisig, Konstantin Krimmel und Regula Mühlemann in „Capriccio“ von Strauss (konzertant), Benjamin Bernheim in der Neuinszenierung von Offenbachs „Les Contes d’ Hoffmann“. Ein großes generationenübergreifendes Klassentreffen gibt es bei den Dirigenten, vom dann 97-jährigen Herbert Blomstedt bis zum 28-jährigen Klaus Mäkelä. Auch Yannick Nézet-Séguin kommt, ebenso Christian Thielemann, Kirill Petrenko, Marc Minkowski, Simon Rattle, Ádám Fischer, Ivor Bolton, Andris Nelsons, Riccardo Muti, Daniel Barenboim, Manfred Honeck, Gustavo Dudamel, Ingo Metzmacher. Da stellt sich die Frage, wer in diesem Sommer eigentlich nicht in Salzburg ist, um die Wiener Philharmoniker, die Berliner oder ein anderes Weltorchester zu dirigieren. Bei aller Euphorie, frauenquotenmäßig ist das natürlich von vorvorgestern.

Männer dominieren auch die Festivalsparte Sprechtheater: Krystian Lupa inszeniert am Landestheater Thomas Manns „Der Zauberberg“, Nicolas Stemann „Die Orestie“ und Heiner Goebbels die multidisziplinäre Performance „Everything That Happened and Would Happen“. Dann ist da noch einer, dessen Stimme gerade an einem so widersprüchlichen, surrealen Kulissen-Ort wie Salzburg gehört werden muss, ein echter Widerständiger: Burgtheater-Schauspieler und Ex-Jedermann Michael Maertens liest am 31. Juli Alexej Nawalnys Briefe aus dem Gefängnis und seine Reden bei Gerichtsverhandlungen.

Salzburger Festspiele, vom 19. Juli bis 31. August, Infos und Karten unter www.salzburgerfestspiele.at

Bayreuth: Wagner und die Frauen

Begehrt und schön unbequem: Die Plätze im Bayreuther Festspielhaus sind heuer bis auf wenige schon ausverkauft. (Foto: Daniel Löb/picture alliance/dpa)

Und was macht Bayreuth? Dort sind in diesem Jahr (24.7.–27.8.) die Dirigentinnen bekanntlich erstmals in der Geschichte der Festspiele in der Überzahl: Oksana Lyniv, Nathalie Stutzmann und Simone Young begeben sich in den „mystischen Abgrund“, wie Richard Wagner seinen berühmten bedeckten Orchestergraben nannte. Auch sonst ist Bayreuth in weiblicher Hand, Katharina Wagner darf als Festspielchefin bis 2030 weiter walten, ein „General Manager“ kümmert sich um die Finanzen, die Claudia Roth, Bayerns Kunstminister Markus Blume und der mächtige Freundeskreis untereinander auszukarteln haben.

Kehlkopfakrobatik: Wie lange dauern bei Michael Spyres wohl die berühmten Wälse-Rufe? Der Amerikaner mit der Stimme eines Tenors und Baritons singt den Siegmund in der "Walküre". Den Rekord soll der legendäre Lauritz Melchior halten mit 17 Sekunden. Es gibt Wagnerianer, die stoppen mit. (Foto: Marco Borrelli/vis Helmut Fischer Artists)

Die Wagnerianer indes sind vorgewarnt und gespannt darauf, was Thorleifur Örn Arnarsson mit dem „Tristan“ anstellen wird, der isländische Regiestar war ja schließlich mal Interimsdirektor an der Berliner Volksbühne, für Traditionalisten also das Nibelheim der Theaterkunst. Wollen aber trotzdem alle sehen, weshalb die berühmte Ticket-Ampel im Online-Shop der Festspiele beharrlich auf Rot zeigt. Wenige Karten gibt’s noch für den „Holländer“ mit Michael Volle und Jay Scheibs „Parsifal“-Produktion mit AR-Brillen. Tenor Andreas Schager, der 2023 als Mehrfacheinspringer Bayreuth gerettet hat, singt wieder die Titelpartie.

Talk of the Town in Bayreuth und der übrigen Wagnerwelt wird heuer der großartige Amerikaner Michael Spyres sein, ein Exemplar der seltenen Stimmgattung Baritenor. Er wird in diesem Sommer auf dem Grünen Hügel als Siegmund in der „Walküre“ debütieren. Wer hören will, wie bei Spyres die „Wälse“-Rufe klingen, kann nur beten, dass die Ticket-Ampel vielleicht noch mal auf Gelb springt.

Fränkisch entspannt: Das Open Air im Park auf dem Grünen Hügel ist kostenfrei für die Besucher; es singen Stars der laufenden Produktionen. (Foto: Bayreuther Festspiele)

Womöglich bekommt man Spyres aber auch bei den beliebten Festspiel-Open-Airs auf dem Hügel vor dem Festspielhaus zu hören (24./30. 7.). Dieses Klassik-Picknick kostet keinen Cent, Sängerinnen und Sänger der aktuellen Produktionen stehen auf der Bühne. Werke des Meisters sind zu hören, vor allem aber ist der Abend eine musikalische Reise durch Wagners Lebensstationen, die von Leipzig, Dresden, Riga, München, Paris, Bayreuth bis zu seinem Sterbeort Venedig führt.

Bayreuther Festspiele, 24. Juli bis 27. August, Infos und Karten unter www.bayreuther-festspiele.de

Erl: Der Ring und ein Kosake

Überdurchschnittliche Akustik: das Festspielhaus in Erl, das auch das "Alpen-Bayreuth" genannt wird. (Foto: IMAGO/Eibner-Pressefoto/EXPA/Groder)

Jonas Kaufmann und Bayreuth, das war bislang ein kurzes, einmaliges Gastspiel 2010 in Hans Neuenfels berüchtigtem Ratten-„Lohengrin“. Im sogenannten Alpen-Bayreuth Erl wird er in der kommenden Spielzeit Herr der Ringe sein und sich als Intendant der Festspiele gleich selbst besetzen im „Parsifal“. In diesem Sommer aber hat bei den Tiroler Festspielen noch Bernd Loebe programmiert. Also noch einmal Richard Wagner ohne großen Starauftrieb zwischen Spitzstein oder Kranzhorn. Von der Regisseurin abgesehen: Brigitte Fassbaenders gefeierte „Ring“-Großtat ist noch einmal zu erleben.

Brünnhildes Schlussgesang: Christiane Libor in der "Götterdämmerung", die Brigitte Fassbaender für die Festpiele Erl inszeniert hat. (Foto: Xiomara Bender)

Und auch wer eher Gefallen hat an der Musik von Tschaikowski, kommt in Erl auf seine Kosten. Eine interessante, ziemlich explosive Stückwahl ist seine Oper „Mazeppa“ (Premiere: 12.7.), geht es darin, basierend auf einem Poem von Alexander Puschkin, doch um den russisch-ukrainischen Konflikt im ausgehenden 17. Jahrhundert. Der historische Kosakenführer Mazeppa, der für mehr Selbständigkeit von Russland kämpfte, ist aus russischer Sicht ein Verräter, für die Ukrainer hingegen ein großer Patriot.

Tiroler Festspiele Erl, 5. bis 28. Juli, Infos und Karten unter www.tiroler-festspiele.at

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