„Tannhäuser“ in der Kinderoper der Bayreuther FestspieleIn diesem Songcontest gewinnen alle

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Großes Hallo: Die verschollene Venus (Alexandra Ionis, zweite von links) ist zurück und wird von den Bewohnern des Wartburg-Planeten begrüsst. So jedenfalls wird die „Tannhäuser“-Geschichte in der Bayreuther Kinderoper erzählt.
Großes Hallo: Die verschollene Venus (Alexandra Ionis, zweite von links) ist zurück und wird von den Bewohnern des Wartburg-Planeten begrüsst. So jedenfalls wird die „Tannhäuser“-Geschichte in der Bayreuther Kinderoper erzählt. Bayreuther Festspiele

Wer wird „The Voice of Wartburg“? Und warum wachsen auf dem Planeten Venus Lakritzwälder in den Himmel? Regisseurin Nada Zimmermann erzählt Wagners „Tannhäuser“ als unwiderstehliches, intergalaktisches Abenteuer.

Von Jutta Czeguhn, Bayreuth

Premierentag für die Kinderoper der Bayreuther Festspiele: „Tannhäuser“ wird gespielt. Anna, Mathilda, Liam, Mathilda, Marlene, Helena und Marie, sie alle warten gespannt auf Einlass vor dem Gitterzaun bei der Probebühne 4. Die Sieben aus der Klasse 6a des Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasiums sind die Kostümbildner dieser Produktion, doch das wissen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Erst, als das Licht ausgeht, und das Personal von Wagners Oper nach und nach aus dem dunklen Theatersternenhimmel tritt, sehen die Bayreuther Gymnasiasten, dass ihre Entwürfe für den jährlichen Kinderoper-Wettbewerb ausgewählt wurden. Und was für Kostüme! (Umgesetzt von Marion Kral und dem Studiengang Maskenbild der Theaterakademie August Everding München). Als wären die berühmten, knallbunten Figurinen aus Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“ auf einem intergalaktischen Schulausflug. Unterwegs vielleicht zum Asteroiden B612 des „Kleinen Prinzen“, um den mal gehörig aufzumischen. Statt dreier müder Vulkane und einer eitlen Rose gibt es hier jetzt Wolken aus Zuckerwatte, Lakritzwälder und einen See aus Pudding. Willkommen auf dem Planeten Venus!

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Der Venusberg, in Wagners „Tannhäuser“ ist er eine No-go-Area böser Lust und Ausschweifung. Diese Oper ist definitiv voller nicht mehr ganz taufrischer Erwachseneninhalte. Es geht um wahre Liebe, Sex, um hehre Kunst, Erlösungsfantasien, eine moralinsaure Gesellschaft und die Gnadenlosigkeit der Kirche. Wie inszeniert man so etwas für Kinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren, die gerne „Logo“ im Fernsehen gucken, wenn sie nicht  – wie am Gitterzaun vor dem Probenbau – kleine Selfie-Videos drehen, die sie dann sonst wo posten?

Den Papst, den Tannhäuser in seiner „Romerzählung“ so fies näselnd karikiert, haben Regisseurin Nada Zimmermann und ihr Team gleich mal rausgekickt. Denn sie erzählen die ganze Geschichte „aus einem wohlwollenden Gedanken heraus“, wie die junge Österreicherin vor der Premiere am Telefon verrät. „Wir haben die Sinneslust in die Lust nach Neuem, nach Abenteuer übersetzt. Tannhäuser geht in eine Welt, wo sich die anderen nicht hintrauen.“

Zumal Landgraf „Manni“ Hermann auf dem Planeten Wartburg – aus Sicherheitsgründen – ein Reiseverbot ausgerufen hat für das verführerisch funkelnde Gestirn, das Elisabeth aus ihrem Fernrohr so sehnsuchtsvoll anhimmelt. „Venus“ nennen sie den Planeten, nach jener Venus, die dorthin verduftet ist und seither als verschollen gilt. Dass es dieser Pionierin superprächtig geht, weiß allein Tannhäuser, der mit ihr aus dem Venusplanetenvulkan gern Süßigkeiten angeln geht. Bis er eines Tages so ein komisches Gefühl im Bauch bekommt. Tenor Corby Welch schmettert als Tannhäuser: „Zu viel! Zu viel! O, dass ich nun erwachte!“ Die Kinder müssen Wagners Libretto aber gar nicht verstehen, die Musik ist beeindruckend genug und klug in die Märchenhandlung eingefügt.

Das Regieteam der Kinderoper: (von links) Pauline Heitmann, Hannah Sammann (Bühnenbild), Nada Zimmermann (Regie) und Clara Richter (Dramaturgie).
Das Regieteam der Kinderoper: (von links) Pauline Heitmann, Hannah Sammann (Bühnenbild), Nada Zimmermann (Regie) und Clara Richter (Dramaturgie). Paul Paatz

Schon zwei Mal seit 2009, als Festivalchefin Katharina Wagner das Projekt „Wagner für Kinder“ auf den Grünen Hügel brachte, wurde der Stoff um Ritter Heinrich Tannhäuser und den Sängerkrieg erfolgreich aufbereitet. Immer von Studierenden der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule, an der Katharina Wagner eine Honorarprofessur hat. Die Bayreuther Festspielleiterin ist es auch, die die Regieteams auswählt.

Dafür kommt sie jedes Jahr zu einem Workshop nach Berlin, bringt eine stark gekürzte musikalische Fassung mit (eine Stunde), und einzelne Teams konkurrieren mit ihrem dramaturgischen Konzept um den Traumjob. „Als wir den Zuschlag bekamen, habe ich Katharina Wagner gefragt, ob wir kurz mal ausflippen dürfen!“, erzählt Nada Zimmermann. Das Freudengekreische der Crew dürfte in der gesamten Hochschule zu hören gewesen sein.

„Für uns alle ist es das größte Budget, mit dem mir je arbeiten durften“, sagt die Regiestudentin aus Tirol, die zum ersten Mal für Kinder inszeniert. Dabei sah es anfangs gar nicht nach dem Geldsegen aus. Zimmermann musste sogar fürchten, dass ihr lediglich zwei Klaviere zur Verfügung stünden.

Man kennt das ja, auf dem Grünen Hügel ist das Geld notorisch knapp. Doch anders als das Hauptprogramm wird Kinderoper rein aus Spenden finanziert. Zum Glück für den Tannhäuser kam dann die Ansage der Gesellschaft der Freunde Bayreuths, die Produktion mit 80 000 Euro zu fördern. So kann nun doch wieder das bewährte Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder seine vielen Instrumente mitbringen und hinter dem Himmelsvorhang unsichtbar, aber wunderbar aufspielen. Die Sänger bekommen ihren Einsatz von Dirigent Azis Sadikovic via Bildschirm.

Selbst auf einem Planeten, wo die Wolken aus Zuckerwatte sind und man in den Vulkanen Süßigkeiten angeln kann, wird es einem schon mal langweilig. Tannhäuser (links: Corby Welch) jedenfalls möchte nach Hause, was Venus (Alexandra Ionis) gar nicht glücklich stimmt. Das fantastische Bühnenbild stammt von Pauline Heitmann und Hannah Sammann.
Selbst auf einem Planeten, wo die Wolken aus Zuckerwatte sind und man in den Vulkanen Süßigkeiten angeln kann, wird es einem schon mal langweilig. Tannhäuser (links: Corby Welch) jedenfalls möchte nach Hause, was Venus (Alexandra Ionis) gar nicht glücklich stimmt. Das fantastische Bühnenbild stammt von Pauline Heitmann und Hannah Sammann. Bayreuther Festspiele

Langeweile und Heimweh nach Zuhause – die Kinder bei der Premiere können da sofort andocken. Eben noch ein wuseliger, lauter Schwarm, verfolgen sie nun gebannt das Geschehen. Tannhäuser, mit grünen Haaren wie explodierende Zucchini, ist auf seinen Heimatplaneten zurückgekehrt, wo nun „The Voice of Wartburg“ ermittelt wird, und er gegen seine alten Kumpels Wolfi, Walther und Biterolf antreten muss. Das ist der Moment, in dem das Regieteam die „Vierte Wand“ hochfährt, die sonst Spieler und Publikum imaginär voneinander trennt. Denn die Kinder sind es, die nun via Applausometer den besten Sänger wählen sollen.

Es ist nicht verbürgt, dass im großen Festspielhaus je das Parkett vor Begeisterung bebte. Die Tribüne der Probebühne jedenfalls erzittert gewaltig vom Getrampel der Kinder, die Ohren sausen vom schrillen  Jubel, Pfeifen und Klatschen. Das Publikum ist mindestens so dezibelstark wie das Ensemble, allesamt erfahrene Wagner-Stimmen, die bei diesen Festspielen auch am großen Haus singen und sich die Zeit sehr gern für die Kinder freigeschaufelt haben.

Wer hat den Sängerkrieg zwischen diesen Kontrahenten gewonnen? Völlig egal!
Wer hat den Sängerkrieg zwischen diesen Kontrahenten gewonnen? Völlig egal! Bayreuther Festspiele

Neben Corby Welch begeistern mit großem Spielwitz Alexandra Ionis als Venus, Markus Suihkonen als Landgraf, Martin Koch als Walther und Felix Pacher als Biterolf. Schon Erfahrung mit der Kinderoper hat der letztjährige Holländer Michael Kupfer-Radecky als Wolfram. Und Dorothea Herbert als Voice-Jury-Chefin Elisabeth kann das Münchner Publikum in der kommenden Spielzeit als eine von Tobias Kratzers Walküren an der Bayerischen Staatsoper erleben. Wenn sie Elisabeths Arie aus dem dritten Akt, „Allmächt’ge Jungfrau, hör mein Flehen“ singt, geht auch diese zauberhafte Kinderoper langsam ihrem Ende zu.

Doch niemand stirbt in diesem Tannhäuser. „Was wir erzählen wollen, ist keine Erlösung, sondern eine Lösung der Probleme“, sagt Nada Zimmermann. So hebt Landgraf Manni schließlich das Reiseverbot zu anderen Planeten auf. Allgemeines Knuddeln, Venus, Elisabeth und Tannhäuser brechen unter frenetischem Jubel und „Zugabe“-Rufen zu neuen Abenteuern auf. Und als Biterolf noch die Frage stellt, wer denn den Songcontest nun eigentlich gewonnen hat, ruft ein Bayreuther Junge als wär’s die überflüssigste Frage der Welt: „Na alle!“

Alle Vorstellungen der Bayreuther Kinderoper sind ausgebucht, doch es gibt ein wundervolles Programmheft von Dramaturgin Clara Richter als Download mit allen Infos, Bastelanleitungen, Rätselspaß und einem Rezept für venusische Wabbel-Gummibärchen: https://www.bf-medien.de/kinderoper2025

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