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Bayreuth:"Wer hat mich hier ermordet?"

Polizei sucht Täter mit großem Plakat

Mithilfe des Plakats sucht die Polizei nach einem Täter, der im Sommer 2020 einen 24-Jährigen in Bayreuth umgebracht haben soll.

(Foto: dpa)

Die Polizei sucht mit einem großen Plakat nach einem Verbrecher. Der hatte einen 24-Jährigen auf einem Radweg umgebracht - womöglich völlig wahllos.

Von Olaf Przybilla

Alexander Horn ist der bayerische Ermittler, der dann im Einsatz ist, wenn die Kollegen nicht recht weiterkommen. Der Münchner Fallanalytiker, auch "Profiler" genannt, war es etwa, der 2006 als erster auf einen etwaigen rechtsextremen Hintergrund einer Mordserie hinwies - und fünf Jahre später, mit der Aufdeckung der NSU-Morde, Recht behalten sollte. Auch den Mord an dem 24 Jahre alten Daniel W. in Bayreuth hat er sich angeschaut und Tatvarianten erarbeitet. Was zeigt, dass der Fall zu den außergewöhnlichen gerechnet werden muss. Noch etwas aber macht ihn besonders: Am Tatort, einem Radweg unweit des Unicampus, fordert W. auf einem Banner nun sozusagen selbst dazu auf, seinen Mörder zu stellen: "Wer hat mich hier ermordet?", steht am Radweg zu lesen, nach dem die Soko benannt ist, die seit zehn Monaten versucht, den Fall aufzuklären - bisher erfolglos.

Tatsächlich wirken die bisherigen Erkenntnisse nicht gerade ermutigend: Größe des Täters? "Unbekannt", heißt es in der Fallbeschreibung des Polizeipräsidiums Oberfranken. Die Figur des Täters ist ebenso "unbekannt" wie das Alter, die Augenfarbe, die Haare oder das Geschlecht. Was freilich Letzteres betrifft, so haben die Ermittler doch eine Vermutung immerhin. Aufgrund der "massiven Gewalteinwirkung" - mindestens mithilfe eines Messer, vielleicht auch eines Hammers - auf den Körper des 24-Jährigen gehen sie davon aus, dass vermutlich ein Mann für die Tat verantwortlich sein dürfte. Einer womöglich, der eine "Tötungsfantasie" in die Tat umgesetzt hat. So lautet eine der Tatvarianten, die Alexander Horn erarbeitet hat.

Der Computerfachmann Daniel W. ist in der Nacht des 19. August 2020 auf einem innerstädtischen, nachts nicht beleuchteten Radweg in Bayreuth ermordet worden. Er war bei Freunden zuvor, hat deren Wohnung gegen Mitternacht in nüchternem Zustand verlassen und ist mit dem Radl nach Hause aufgebrochen. In der ersten Stunde nach Mitternacht hatte es stark geregnet in Bayreuth, das hat die Spurensicherung später nicht leichter gemacht. Am Vorabend lief im Fernsehen das Champions League Spiel RB Leipzig gegen Paris St. Germain, worauf die Ermittler selbst hinweisen, um möglichen Zeugen die Erinnerung zu erleichtern. Es zeigt aber auch, wie sehr sie wohl um weitere Informationen ringen.

Wenn ein Mensch durch Gewalt zu Tode kommt, dann durchleuchten Ermittler natürlich das Umfeld des Opfers. Im Fall Daniel W. sind sie jedoch auf "keine Motivlage aus dem persönlichen Bereich" gestoßen, wie Soko-Leiter Uwe Ebner zu erkennen gibt. Daniel W. könnte durch reinen Zufall zum Mordopfer geworden sein. Ein Raubdelikt schließen die Ermittler aus, denn weggenommen wurde dem Radlfahrer offenbar nichts. Sie gehen davon aus, dass es auf dem Radweg zu keinem Streit, womöglich nicht mal zum Wortwechsel gekommen ist; dass stattdessen der Täter mit einem Messer umgehend rohe Gewalt auf sein Opfer ausgeübt hat. Die Ermittler sprechen von einem "absoluten Tötungswillen", mit dem womöglich gehandelt worden ist. Das Mordopfer hätte demnach auch jeder andere gewesen sein können.

Warum macht einer das? Profiler Horn hat dafür zwei Tatvarianten erarbeitet. Demnach könnte es sein, dass der Täter psychisch auffällig ist. Angst, Verfolgungsideen "oder ein Bedrohungserleben" hält Horn für möglich. Und er hält es für denkbar, dass der Täter das Menschen, die ihn kennen, auch mitgeteilt hat. Es ist einer der Gründe, warum die Polizei sich für dieses Banner am Tatort entschieden hat, mit Einwilligung der Eltern von Daniel W. "Wir wollen nichts unversucht lassen", erklärt Alexander Czech, Sprecher des Polizeipräsidiums. In Oberfranken greife man zum ersten Mal zu diesem außergewöhnlichen Mittel. Was etwas heißen soll: Das Präsidium ist für eine Reihe komplexer Kriminalfälle zuständig, auch für den Fall "Peggy".

Es könnte sein, dass der Täter eine etwaige Medikation nicht mehr oder nur unregelmäßig eingenommen habe, beschreibt Profiler Horn eine der Tatvarianten. Womöglich habe er eine Bedrohung gefühlt und sich selbst bewaffnet, vielleicht sogar ständig eine Waffe bei sich geführt. Genausogut könne es aber sein, dass der Täter "Medien mit Gewaltdarstellung", etwa Ego-Shooter-Spiele oder Ähnliches konsumiert habe und - darauf hoffen die Ermittler - dies auch in Gesprächen thematisiert hat.

Was es mit dem Hammerkopf auf sich hat, der in der Tatnacht von Passanten in Nähe des Radwegs gefunden wurde? Ob es eine Verbindung zwischen der Tat und dem Werkzeug gibt, konnte bisher nicht geklärt werden, wie so vieles. Auch suchen die Ermittler nach einem abgebrochenen Stiel aus Eschenholz, der zu dem Hammerkopf passt, einem älteren, silbern lackierten Schlosserhammer. Ist der Hammer irgendwo entwendet worden, ohne dass dies angezeigt wurde? Für die Ermittler wäre es wohl ein Glücksfall.

© SZ.de/vewo
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