Bayreuth:Die folgenreichste Elektrifizierungslücke im Bahnverkehr Mitteleuropas

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Bayreuth: Immer am 25. Juli werden am Festspielhaus die roten Teppiche ausgerollt. Wer zu spät kommt, der muss draußen bleiben. Auf die Bahn - kleiner Tipp - sollte man da nicht unbedingt sein Vertrauen setzen.

Immer am 25. Juli werden am Festspielhaus die roten Teppiche ausgerollt. Wer zu spät kommt, der muss draußen bleiben. Auf die Bahn - kleiner Tipp - sollte man da nicht unbedingt sein Vertrauen setzen.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Bayreuth hat alles, was eine attraktive Stadt ausmacht: Universität, Welterbe, Spitzenkultur. Nur leider auch einen Bahnanschluss aus dem 19. Jahrhundert. Und das dürfte noch lange so bleiben.

Glosse von Olaf Przybilla

Neulich am Bahnsteig 21, Hauptbahnhof Nürnberg, von hier aus fahren die Züge nach Bayreuth. Das eine ist die zweitgrößte Kommune Bayerns, das andere die Hauptstadt Oberfrankens, da darf man von einer zeitgemäßen Verbindung ausgehen. Am Gleis wird etwas verkündet, wohl Wichtiges über die anstehende Fahrt. Blöd nur, dass kein einziges Wort zu verstehen ist. Ist da ein Dieselzug in Betrieb, müsste man schon das Ohr an den Lautsprecher halten.

Lachen kann darüber keiner am Gleis, die Leute sind es offenbar nicht anders gewöhnt. Durchsagen an Bahnsteig 21, wenn der Diesel in Richtung Welterbe-, Universitäts- und Wagnerstadt läuft? Kannste vergessen. Was doof ist. Weil: Es fährt da ja nur dieser Ratter-Diesel.

Das aber auch nur in den besseren Fällen. Am diesjährigen 25. Juli zum Beispiel fuhr der Dieselzug planmäßig nicht, was unschön war, am 25. Juli ist nämlich jedes Jahr: Festspieleröffnung. Da könnte man schon ins Grübeln kommen, ob es einwandfrei durchdacht ist, exakt an diesem Tag die ratternden Dieselzüge in Richtung Bayreuth auch noch zu streichen und dafür einen "Schienenersatzverkehr" über diverse Dörfer einzurichten. Aber gut.

Zur "Tristan"-Premiere fuhr dann allerdings weder ein Dieselzug noch der Ersatzverkehr. Morgens meldete die Bahn auf ihren digitalen Kanälen, sämtliche Verkehre gen Bayreuth seien gestrichen. Zur Eröffnung des fränkischen Weltereignisses war der Grüne Hügel von Süden aus nicht mit der Bahn erreichbar. In seiner Not ließ sich der SZ-Rezensent mit dem ICE nach Bamberg chauffieren, von dort nahm er ein Taxi. Nicht ganz billig.

Nun kann man sagen: Ist doch schön, das kurbelt die regionale Wirtschaft an! In Bayreuth aber reicht's nicht mal mehr für Sarkasmus. Wer sich mit den Einheimischen über die Bahn unterhält, der braucht zumindest einen Mangel an Fäkalsprache nicht zu befürchten. Besserung wird ihnen zwar seit Jahrzehnten gelobt. Aber in die Halbmillionenstadt Nürnberg fahren sie immer noch: Diesel. (Was im Übrigen mit "Öko-Fiasko" eher unzureichend beschrieben wäre.)

Nicht weniger als die folgenreichste Elektrifizierungslücke im Bahnverkehr Mitteleuropas klafft an der Nahtstelle zwischen Bayern, Sachsen und Tschechien - und das wohlgemerkt auf bayerischem Gebiet. Ein ordentlicher Anschluss an den Fernverkehr? Keine Rede davon.

Schon seit den Neunzigerjahren soll sich das ändern, immer und immer wieder. Aber es tut sich nichts. Gerade erst hat ein Gutachter die Strecke durch die Fränkische Schweiz unter die Lupe genommen, nicht das erste Mal. Aussicht auf einen baldigen Baubeginn, zumal in diesen Zeiten? "Nahezu null", fürchtet einer aus dem Rathaus. Armes, unerreichbares Bayreuth.

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