Bayerns Innenminister Herrmann Auf Betriebstemperatur

Lange galt Bayerns Innenminister Herrmann als blass, jetzt kann er endlich richtig aufdrehen. Dank der Anschlagsgefahr und seines ruhigen Amtskollegen in Berlin.

Von Mike Szymanski

Wenn die Temperatur nicht stimmt, dann dreht sie Joachim Herrmann (CSU) selbst ein bisschen nach oben. Davon verstehen bayerische Innenminister etwas, sie mochten es immer lieber heiß. Also, sagte Herrmann am Mittwoch, mit welcher Form eines Anschlags zu rechnen sei, könne er auch nicht genau sagen.

Innenminister zu sein, heißt, sich in einem latenten Klima der Angst zu bewegen: Für Joachim Herrmann gilt dies derzeit besonders.

(Foto: dapd)

Dann zählte er aber auf, was es an terroristischen Grausamkeiten so alles gibt: "Ferngezündete Bomben, Selbstmordanschläge, wilde Schießereien. All dies ist gut denkbar", sagte Herrmann. Dafür, dass er meint, es bestehe überhaupt kein Anlass, in Angst und Panik zu verfallen, ist es bei seiner Pressekonferenz im Innenministerium jetzt doch sehr ruhig geworden.

Innenminister zu sein, heißt auch immer, sich in einem latenten Klima der Angst und Sorge zu bewegen. Gemessen wird er daran, wie weit es ihm gelingt, dem ein Gefühl von Sicherheit entgegenzusetzen. Seit Donnerstag ist diese Aufgabe für Herrmann deutlich schwieriger geworden. Sicherheitskräfte haben in Namibia vor einem Flug nach München einen möglichen Sprengsatz sichergestellt.

Die Ermittler müssen noch prüfen, ob er wirklich gezündet hätte werden können. Aber die Angst vor Terroranschlägen ist trotzdem schon zurück. Bereits am Mittwoch hat Herrmann mehr Polizisten auf Streife geschickt und die Kontrollen verstärkt. "Es ist besser, wenn wir vorbereitet sind", sagt er.

Verwalter des Erfolgs

Seit drei Jahren ist Herrmann der oberste Ordnungshüter in Bayern. Aber er wirkt so vertraut in dieser Rolle, als ob er sie schon ewig innehat. Das mag auch damit zusammenhängen, dass er wohl die Textbücher seines erfolgreichen Vorgängers studiert hat: Günther Beckstein. Der ist als Innenminister eine Legende, Etiketten wie "schwarzer Sheriff" wurden ihm in seiner 14-jährigen Amtszeit angeheftet und die CSU gab immer damit an, dass Bayern Marktführer bei der Inneren Sicherheit sei.

Als Beckstein vor drei Jahren Ministerpräsident wurde, musste er Herrmann zur Nachfolge überreden - er suchte nur einen Verwalter seines Erfolgs. Darunter hat Herrmann gelitten. Der frühere CSU-Fraktionschef blieb im Amt zunächst blass, Profillosigkeit wurde ihm auch schon vorgeworfen, weil er kaum etwas veränderte. Herrmann war anfangs auch nur ein Landesinnenminister unter vielen. Normalerweise setzten sich die Bayern immer mit besonders scharfen Tönen von ihren Kollegen ab oder zeichneten sich durch extremen Regelungseifer aus. Aber solange der CDU-Politiker Wolfgang Schäuble Bundesinnenminister war, war rechts neben ihm kein Platz.

Dessen Nachfolger Thomas de Maizière (CDU) tickt anders. Er hat den sicherheitspolitischen Daueralarm der vergangenen Jahre abgestellt, gibt sich deutlich zurückhaltender. Dafür schaltet jetzt Herrmann häufiger die Sirenen an. In alter Beckstein-Manier sieht auch Herrmann besonders viel Gefahr.

Im Streit mit dem Koalitionspartner FDP über die nachträgliche Sicherungsverwahrung für rückfallgefährdete Straftäter warf er den Liberalen vor, Schwerverbrecher auf die Bevölkerung loslassen zu wollen. Wenn es um Zuwanderung geht, dramatisiert er gern und warnt davor, "Schleusen zu öffnen". Integration ist für ihn vor allem ein Job für Ausländer: "Es wird bei uns Deutsch gesprochen." Als einer der letzten in seiner Partei verteidigte Herrmann die Wehrpflicht. Wenn es nach ihm gegangen wäre, würde sie nicht abgeschafft.

Der letzte wirklich Konservative

Herrmann arbeitet hart an seinem Image, der letzte wirklich Konservative in seiner Partei zu sein - und er kommt damit an. Zwar hat er bundesweit noch nicht so ein Ansehen wie früher Beckstein, aber als Meinungsbildner wird er schon wahrgenommen. "In den Augen der Polizisten macht er einen guten Job", sagt der langjährige Polizeigewerkschafter Harald Schneider, ein SPD-Mann.

Vor allem tut er aber der CSU gut. "Er bedient unsere konservativen Stammwähler", sagt einer aus dem Parteivorstand. Der Sprunghaftigkeit von Parteichef Horst Seehofer setzt er Beständigkeit, mitunter stoische Ruhe entgegen. Die einen in der CSU nennen den wuchtigen Politiker wegen seiner zur Schau getragenen Gemütlichkeit "Balu, den Bären", andere einen Panzerkreuzer. Als Seehofer auf dem Parteitag die ungeliebte Frauenquote durchsetzen musste, bestimmte er Herrmann zum Diskussionsleiter. Im Moment ist Herrmann mehr Panzerkreuzer als Balu.

Herrmann ist jetzt 54 Jahre alt. Der Familienvater wäre gerne Regierungschef geworden. Als Beckstein 2008 scheiterte, meldete er Ansprüche auf den Posten an. Aber die Partei traute ihm die Aufgabe nicht zu. Seither hat er an Statur gewonnen. Doch die Zeit läuft gegen ihn. Die CSU denkt nur noch an übermorgen, plant mit den Ministern Markus Söder, Christine Haderthauer, Georg Fahrenschon und natürlich Karl-Theodor zu Guttenberg. Herrmann wäre eine Lösung fürs Hier und Jetzt.