Die Zitterpappel ist eine der wenigen Baumarten, deren Image sich in nur 30 oder 40 Jahren grundsätzlich gewandelt hat. „Als ich mit meinem Forststudium fertig und junger Forstreferendar war, hatte die Zitterpappel bei uns Förstern und den Waldbesitzern überhaupt kein Ansehen“, sagt Olaf Schmidt. „Sie galt als Wassersäufer, der den wirtschaftlich wertvollen Fichten und Buchen Konkurrenz machte. Wo man Zitterpappeln antraf, legte man sie um und entfernte sie.“
Heute ist das anders. In Zeiten der Klimakrise, die in Bayern und anderswo den Fichten schwer zu schaffen macht und immer öfter auch den Buchen, gilt die Zitterpappel als Baumart mit wichtigem Potenzial. „Denn sie ist eine sogenannte Pionierart“, sagt der Forstwissenschaftler Schmidt. „Das heißt, dass sie überall dort, wo Stürme und Schädlinge Löcher oder Kahlflächen in die Wälder reißen, als eine der ersten Baumarten nachwächst. So hilft sie, die Böden zu schützen und die Lücken schnell zu schließen.“ Beides sind Eigenschaften, die für die Wälder inzwischen sehr bedeutsam sind.

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Olaf Schmidt, 69 und lange Jahre Präsident der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in Freising-Weihenstephan, gilt als einer der besten Wald- und Baumartenkenner in Bayern. Er hat sich sehr gefreut, als die Dr.-Silvius-Wodarz-Stiftung die Zitterpappel dieser Tage zum Baum des Jahres 2026 gekürt hat. Silvius Woldarz war Forstmann und Gründer der Auszeichnung, die jedes Jahr von der Stiftung und dem angeschlossenen Verein vergeben wird. „Mit ihr erfährt die Zitterpappel nun die Anerkennung und Aufmerksamkeit, die sie verdient“, sagt Schmidt. „Das ist überfällig.“
Die Zitterpappel wird auch Espe genannt, ihr lateinischer Name lautet Populus tremula, unter Förstern und Waldbauern heißt sie Aspe. Den Namen hat sie von dem Phänomen, dass „schon ein leichter Wind ihre Blätter zum Flirren und ihr ein fast lebendiges, tanzendes Aussehen verleiht“, wie es in der Begründung der Auszeichnung heißt. Im Herbst färbt sich ihr Laub leuchtend gelb. Dann sind die Bäume wunderschön anzusehen, gleich ob sie in Gruppen zusammenstehen, als Solitär auf einer Wiese aufragen oder eine Allee bilden.
Der Forstmann Schmidt rühmt die Zitterpappel als „richtigen Allrounder“. Sie gedeiht auf Sandböden genauso wie auf Auwald-Böden, sie kommt mit Hitze zurecht und verträgt auch winterliche Temperaturen, „nur ganz extreme Trockenheit mag sie nicht“, wie Schmidt sagt. Entsprechend groß ist ihr Verbreitungsgebiet. Es reicht praktisch über ganz Europa und weite Teile Asiens bis nach Nordafrika. „Bei uns in Bayern wächst sie überall gut“, sagt Schmidt. „Gleich ob in den oberbayerischen Bergen oder in Franken.“

Außerdem wachsen Zitterpappeln sehr rasch. „Pro Jahr können es zwischen 40 und 80 Zentimeter sein“, sagt Schmidt. „Insgesamt werden Zitterpappeln um die 25 Meter hoch, manchmal sogar 35.“ Und die Stämme werden schnell dick. „So eine 30- bis 40-jährige Zitterpappel kann durchaus einen 50 oder 60 Zentimeter starken Stamm haben“, sagt Schmidt. Das Holz sei freilich nicht sehr hochwertig. „Früher wurde es als Papierholz verwendet“, sagt Schmidt. „Auch Spanplatten oder Sperrholz wurden daraus gefertigt.“
Dafür sind Zitterpappeln sehr bedeutsam für die Insektenwelt, insbesondere für Schmetterlinge. „Insgesamt sind um die 400 Insektenarten an der Zitterpappel nachgewiesen“, sagt Schmidt, „darunter mehr als 200 Schmetterlingsarten.“ Eine ist der seltene ist der Große Eisvogel. Mit seinen bis zu 75 Millimetern Flügelspannweite ist er der größte heimische Tagfalter. Man bekommt ihn auch deshalb kaum zu Gesicht, weil er sich vorwiegend in Baumkronen aufhält.
Vögel fühlen sich ebenfalls in der Zitterpappel wohl, darunter Mittel- und Buntspechte. „Wenn so eine Zitterpappel mal ausreichend dick ist, hämmern sie gerne ihre Höhlen in sie hinein“, sagt Schmidt. „Denn das Holz ist ja recht weich.“ Anders als für Insekten spielt die Zitterpappel für die Vogelwelt aber keine so bedeutsame Rolle. „Ihre Früchte sind einfach nichts für sie“, sagt Schmidt. Ganz anders etwa die Vogelbeere, die wie die Zitterpappel eine Pionierart ist. Ihre knallroten Beeren sind bei Drosseln, Rotkehlchen, aber auch Meisen und Staren sehr beliebt. An der Vogelbeere sind denn auch gut 60 Vogelarten nachgewiesen.

