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Wölfe in Mittelfranken:"Ein richtig mulmiges Gefühl"

Wolf

Seit drei Jahren lebt ein Rudel Wölfe im Veldensteiner Forst - nun sorgen die Tiere erstmals für Verunsicherung und Ärger im angrenzenden Dorf (Symbolbild).

(Foto: dpa)

Ein junger Mann filmt, wie ein Wolf tagsüber durch ein Dorf im Nürnberger Land läuft. Im nahen Veldensteiner Forst lebt schon seit drei Jahren ein Rudel. Doch nun macht sich in der Region erstmals Verunsicherung breit - und Ärger.

Von Christian Sebald

Es ist eine 16 Sekunden kurze Filmsequenz. Aber obwohl man im ersten Moment nur eine verschneite Wiese und einen Bauernhof erkennt, sind es starke Bilder. Sowie nämlich die Kamera heranzoomt, sieht man ein großes Tier auf ein Dorf zustürmen. Erst denkt man an einen Schäferhund. Aber das ist falsch. Das wilde Tier ist ein Wolf! Und zwar ein ziemlich großer. Er läuft mitten am Tag auf die Straße durch das Dorf zu, hält kurz inne, überquert sie und verschwindet dann zwischen den Häusern.

Die Filmsequenz stammt vom Sonntag vor einer Woche, aufgenommen ist sie um dreiviertel zehn Uhr vormittags, das Dorf heißt Höfen. Die Ortschaft mit ihren 130 Einwohnen und den 30 Häusern gehört zu Neuhaus an der Pegnitz. Die Marktgemeinde im Landkreis Nürnberger Land grenzt direkt an den Veldensteiner Forst. Und in dem lebt seit bald drei Jahren ein Rudel Wölfe.

Simon M. hat die Filmsequenz aufgenommen. Der junge Mann, der nicht mit ganzem Namen in der Zeitung stehen will, lebt in Höfen. "Ich war am Sonntag unten bei meinen Eltern in der Küche beim Frühstück", berichtet er. "Da sehe ich, wie in der Ferne ein Tier läuft." Erst hat M. an eine Katze gedacht. Aber dafür war das Tier zu groß. Ein Hund konnte es auch nicht sein, denn es hatte keine Leine, außerdem war weit und breit kein Halter.

"Da hatte ich plötzlich den Gedanken, das ist ein Wolf", sagt M. Er hat sein Handy gezückt, ist aus der Küche raus ins Wohnzimmer und dort an das große Fenster. "Dann hab ich einfach mit der Handykamera draufgehalten", berichtet M. "Ich hab in meiner Aufregung immer nur gedacht, hoffentlich verwackel ich nicht die Bilder." Der Gedankenblitz von Simon M. war richtig. Es war ein Wolf, der da mitten durch Höfen gelaufen ist.

In Neuhaus herrscht große Unruhe. Zumal es am Sonntag nicht zum ersten Mal passiert ist, dass ein Wolf in oder nahe einem Ortsteil des Marktes aufgetaucht ist. Aber nicht nur das. Auf Wiesen und an Waldrändern werden immer öfter Kadaver von Rehen oder Rotwild entdeckt, die das Rudel gerissen hat. "Wir haben alle ein richtig mulmiges Gefühl", sagt Stephan Ertl, der auch in Höfen lebt. "Keiner, der sich draußen aufhält, weiß ja, ob gerade ein Wolf in der Nähe ist oder nicht."

"Die Leute fühlen sich bedroht", berichtet auch der Neuhauser Bürgermeister Josef Springer. Eltern seien in Sorge um ihre Kinder, wenn die draußen spielen. Bauern fürchteten schon jetzt um ihr Vieh, wenn es im Frühjahr wieder auf den Weiden steht. Jäger klagten, dass viel weniger Wild im Wald sei als früher. Und Hundehalter hätten beim Gassigehen Angst, dass ein Wolf ihren Vierbeiner anfällt. An den Stammtischen heiße es bereits, "die Wölfe müssen weg". Und das, obwohl die Tiere streng geschützt sind.

Es ist drei Jahre her, dass sich das Wolfsrudel im Veldensteiner Forst etabliert hat. Die Stammwölfin, die 2019 von einem Auto überfahren worden ist, war 2017 aus Brandenburg in das 6000 Hektar große Waldgebiet in die Grenzregion von Oberpfalz, Ober- und Mittelfranken zugewandert. Der Rüde gesellte sich Anfang 2018 zu ihr. Er hatte sich zuvor ein Jahr auf den Truppenübungsplätzen Hohenfels und Grafenwöhr aufgehalten. Das Wolfspaar bekam 2018 erstmals Nachwuchs. Die Experten des Landesamts für Umwelt (LfU), das für das Wolfsmonitoring in Bayern zuständig ist, dokumentierten fünf Welpen. 2019 waren es weitere sechs, 2020 vier.

Natürlich sind inzwischen etliche junge Wölfe von dem Rudel abgewandert, andere sind wie die Stammwölfin überfahren worden. Gleichwohl ist das Rudel vital. Außerdem gilt es als Paradebeispiel dafür, wie unauffällig sich Wölfe verhalten. So ist noch kein einziger Nutztier-Riss dokumentiert. Die Bauern hatten sich mit den Wölfen arrangiert. So wie die Jäger. "Natürlich spüren wir, dass Wölfe da sind", sagt zum Beispiel Wolfram Murr, "das Wild ist viel scheuer und die Jagd schwieriger." Dennoch findet der Jäger Murr die Rückkehr der Wölfe sehr spannend.

Auch andere Einheimische sind fasziniert, dass sie in einer Wolfsregion leben. Das berichtet Frank Pirner, der Chef des Staatsforstbetriebs Pegnitz. Er ist zuständig für den Veldensteiner Forst. "Ich erlebe oft, dass Spaziergänger, Jogger und Radler sagen, wie toll sie es finden, in einem Wolfsgebiet zu sein", sagt er. "Eine ältere Frau hat mir mal stolz erzählt, dass sie sogar schon einen Wolf beobachtet hat und jetzt immer wieder den Ort aufsucht, wo das passiert ist." Auch Bürgermeister Springer betont, "dass wir bisher die Wölfe toleriert haben".

Doch jetzt droht die Stimmung zu kippen. Dabei sind die vermehrten Wolfssichtungen offenbar nicht so außergewöhnlich. "Es dürfte sich um zufällige Zusammentreffen handeln", sagt Pirner, der inzwischen viel Erfahrung mit dem Rudel hat. "Bisher ist in keinem Fall ein Wolf von sich aus auf Menschen zugegangen. Er hat vielmehr immer zugesehen, dass er sich davonmacht." Auch bei der Filmsequenz von Simon M. hat man das Gefühl, dass der Wolf Land gewinnen will, so schnell wie er durch das Dorf rennt.

Pirner weist auch darauf hin, dass so ein Wolfsrevier in der Regel 20 000 Hektar groß ist. Der Veldensteiner Forst umfasst nur 6000 Hektar. Deshalb sei es normal, dass die Wölfe immer wieder in angrenzende Wälder wechseln. "Dazu müssen sie über offenes Land", sagt Pirner. "Dabei kommt es halt mal zu Begegnungen mit Menschen." Zumal die Zeiten auch für Wölfe eher schwierig seien. "Wegen der Corona-Pandemie können die Menschen ja kaum wo hin", sagt Pirner. "Auch bei uns sind deshalb viel mehr Ausflügler im Wald als normal. Das spüren die Wölfe." Außerdem ist aktuell Fortpflanzungszeit. "Da ist ein Rudel immer in Unruhe", sagt Pirner, "und es wandern ja auch junge Wölfe ab."

Bürgermeister Springer kennt all das. Er will nicht ausschließen, dass es zutrifft. Dennoch hält er dagegen: "Bisher haben sich die Wölfe im Wald aufgehalten, jetzt kommen sie immer öfter raus. Wir können die Entwicklung nicht tatenlos hinnehmen." Springer hat Umweltminister Thorsten Glauber aufgefordert, die Bevölkerung zu schützen. Der verspricht, sich der Sorgen annehmen. Denn, so sagt er: "Im Umgang mit Wölfen steht die Sicherheit der Menschen an erster Stelle."

© SZ vom 23.01.2021/lfr
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