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Autoindustrie:Droht Bayern eine Wirtschaftskrise?

  • Dem Werk des Autozulieferers in Roding droht die Schließung.
  • Rund 500 Menschen bangen um Jobs und Zukunft.
  • Schon seit Längerem zeigt Bayerns Wirtschaft kritische Symptome.

Von Maximilian Gerl

Für die Beschäftigten des Continental-Werks in Roding muss die Nachricht dem berüchtigten Paukenschlag gleichgekommen sein. Am Dienstagnachmittag wurden sie zu einer außerordentlichen Betriebsversammlung gerufen. Seitdem wissen sie: Dem Standort des Autozulieferers im Landkreis Cham droht die Schließung. Rund 500 Menschen bangen um Jobs und Zukunft. Noch scheint die Sache nicht endgültig entschieden zu sein, Gewerkschafter geben sich kämpferisch. Doch Roding ist gewissermaßen die Spitze des Eisbergs. Seit Längerem zeigt Bayerns Wirtschaft kritische Symptome. Die Exporte stagnieren, die Wachstumsprognosen sind verhalten, sogar die gewohnten Rekordmeldungen über historische Tiefstwerte bei der Arbeitslosigkeit scheinen erst einmal passé zu sein. Droht dem Freistaat und seiner Leitbranche die Krise? Und wenn ja, was könnte dagegen helfen? Ein Überblick.

Autoproduktion im BMW Werk München, 2016

Bei BMW laufen die Bänder.

(Foto: Robert Haas)

Die Autobauer

Laut einer Studie des Ifo-Instituts könnten in den kommenden Jahren 137 000 Arbeitsplätze vom Strukturwandel im bayerischen Autobau betroffen sein. Das wäre etwa jeder dritte Beschäftigte der Branche. Tatsächlich stehen die Hersteller unter Druck. Die Einführung neuer Technologien und Antriebe kostet viel Geld. Gleichzeitig wird das Geschäft schwieriger, die Konjunktur schwächelt, die Weltwirtschaft leidet unter Handelskonflikten.

Bei BMW lag das Konzernergebnis im ersten Halbjahr 2019 um knapp 53 Prozent unter dem des Vorjahreszeitraums - vor allem wegen einer Rücklage in Milliardenhöhe, die wegen eines "laufenden Kartellverfahrens der EU-Kommission" gebildet wurde. Betriebsbedingte Kündigungen sind aber vorerst nicht zu erwarten. Audi hat weiter mit den Auswirkungen des Dieselskandals zu kämpfen. Die Ingolstädter wollen Kosten in Höhe von rund 15 Milliarden Euro einsparen. Große Hoffnungen setzen sie in einen neuen Forschungscampus, auf dem einmal die Autos der Zukunft entstehen sollen. Eine von Audi-Chef Bram Schot kürzlich ausgesprochene Beschäftigungsgarantie gilt für deutsche Standorte bis zum Jahr 2025.

Hörmann Kundgebung

Für die Hörmann-Mitarbeiter in Penzberg waren alle Proteste vergeblich.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die Zulieferer

Die Probleme der Hersteller schlagen auf ihre Zulieferer durch. Bei Schaeffler in Herzogenaurach und Schweinfurt demonstrierten im Sommer Beschäftigte gegen die Verlagerung von Arbeitsplätzen. In Bamberg will Michelin ein Reifenwerk schließen. Und in Penzberg wird der Komponentenzulieferer Hörmann zumachen. Immerhin: Laut Medienberichten sollen sich bereits Firmen aus der Region mit Jobangeboten bei Hörmann-Beschäftigten gemeldet haben, sie könnten also Glück im Unglück haben. Generell rechnet die Industrie mit mehr Kurzarbeit. Schon jetzt werden Bayerns Jobcentern im Bereich der Zeitarbeit sowie der Metall- und Elektroindustrie weniger offene Stellen gemeldet; die Nachfrage nach Arbeitskräften ist aber weiter groß. Im September lag die Arbeitslosenquote bei 2,8 Prozent.

Die Arbeitgeber

Als sich die ersten Zeichen einer konjunkturellen Abkühlung zeigten, warnte Bertram Brossardt: "Wenn die Automobilindustrie hustet, ist Bayern krank." Das war im Dezember vergangenen Jahres. Heute sagt der Geschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW): "Unsere Unternehmen tun sehr viel, um sich auf die sich ständig ändernden Rahmenbedingungen und neuen Herausforderungen einzustellen." Laut Studien seien sie an sich gut für den Wandel aufgestellt, aber dieser sei eben "schnell und tief greifend". Helfen würde aus Sicht der VBW ein Regulierungsrahmen, der Anreize für neue Technologien schafft, ohne bestehende Technologien einseitig zu belasten. Auch Kaufanreize für neue Autos seien erforderlich. "Vieles davon wird mit dem Klimaschutzpaket jetzt auf den Weg gebracht", sagt Brossardt.

Continental

Die Rodinger Mitarbeiter von Continental haben noch nicht alle Hoffungen aufgegeben.

(Foto: dpa)

Die Gewerkschaft

Die IG Metall in Bayern bietet eine andere Erklärung für die Lage an. "Wir haben den Eindruck, einige Unternehmen benutzen den ökologischen Wandel als Vorwand, um Stellenstreichungen und Standortschließungen zu legitimieren", sagt Bezirksleiter Johann Horn. "Das hört sich doch viel besser an, als die Maßnahmen damit zu begründen, schlicht das Unternehmensergebnis verbessern zu wollen." Für den ökologischen Wandel müssten auch die Unternehmen einen Beitrag leisten - und auch mal nur acht statt zwölf Prozent Gewinn machen. Letztlich seien einfach mehr Mittel nötig. Gern würde die IG Metall am Fall Roding die Umstellung auf neue Antriebe demonstrieren. Bislang werden dort Komponenten für Verbrennungsmotoren produziert. Mit entsprechenden Investitionen ließe sich dieses Wissen für Elektromotoren nutzen, sagen die Gewerkschafter.

Audi setzt auf einen neuen Forschungscampus.

(Foto: AUDI AG)

Die Politik

Die Staatsregierung setzt unter anderem auf Forschungsförderung, Pilotprojekte und Qualifizierungsmaßnahmen, um die Autoindustrie in ihrem Wandel zu unterstützen. "Derzeit ist die Verunsicherung groß, weil sich die konjunkturellen Probleme mit ersten Anzeichen des Transformationsprozesses überschneiden", sagt ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Man sehe allenfalls eine "Krise eines Teilbereichs der Automobilzuliefererindustrie", also vor allem beim Bau von Verbrennungsmotoren. Wie es weitergehe, sei schwierig zu prognostizieren. In manchen Bereichen - etwa bei Wasserstoff und Brennstoffzellen - könnten sogar neue Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze entstehen. Dennoch wählte Minister Hubert Aiwanger (FW) am Mittwoch überraschend drastische Worte, um die Vorgänge in Roding zu kommentieren. "Conti hat Unterstützung des Freistaats Bayern erhalten und will sich nun aus dem Staub machen und die Mitarbeiter vor die Tür setzen. Das ist unanständig." Die Staatsregierung poche darauf, diese Arbeitsplätze zu erhalten, "sonst beschädigt Continental auch sein bisher gutes Verhältnis zum Freistaat Bayern". Zumindest in Roding dürfte spätestens eines jetzt ganz offiziell herrschen: Krise.

© SZ vom 04.10.2019/vewo
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