Süddeutsche Zeitung

Bayern:Das Coronavirus belastet die Wirtschaft im Freistaat

  • Die bayerische Wirtschaft bekommt die Auswirkungen des Coronavirus zu spüren, das Wirtschaftswachstum wird laut der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft durch das Virus spürbar gebremst.
  • Besonders schwer trifft es Betriebe in der Automobilbranche und Firmen, die Standorte in China haben.
  • Die Staatsregierung will betroffene Unternehmen nun mit staatlich geförderten Krediten unterstützen.

Viele Unternehmen in Bayern bekommen die Auswirkungen des Coronavirus direkt zu spüren, auch die Sandler AG im oberfränkischen Schwarzenbach an der Saale. Im Gegensatz zu anderen Firmen wirkt sich das Virus dort allerdings geschäftsfördernd aus, zählt Sandler doch zu den großen Vliesherstellern, die das Material liefern, aus dem unter anderem OP-Masken hergestellt werden. Sonst eher ein Nischenprodukt liefert Sandler zurzeit täglich Vlies-Material für insgesamt fünf Millionen Masken aus - nicht zuletzt nach China, wo viele Maskenhersteller ihren Sitz haben. Von einer "enormen Nachfrage" berichtet ein Firmensprecher.

Sandler ist die berühmte Ausnahme von der Regel: Anderen Unternehmen in Bayern drohen wegen des Coronavirus Geschäfte zu entgehen. "Das wird das bayerische Wirtschaftswachstum für dieses Jahr deutlich negativ beeinflussen", warnte unlängst die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW). Die Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern geht gar von einer "Wachstumseintrübung um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte" aus. Schon vor der Corona-Krise hatte die VBW ein Wirtschaftswachstum von nur noch einem Prozent prognostiziert. Sollte es also so hart kommen, stehen dem Freistaat wirtschaftlich schwere Zeiten bevor.

Für die Industrie kommt das Virus jedenfalls zur Unzeit. Sie ächzt ohnehin schon unter schwächelnden Exporten und lahmender Konjunktur. Teile des Automobilbaus kämpfen mit den Folgen der Diesel-Krise und dem Wandel zu Elektromotoren. Ausgerechnet diese Branche dürfte es nun noch einmal hart treffen. Viele bayerische Firmen haben Standorte in China, doch wegen des Virus standen vielerorts erst einmal die Bänder still. Laut IHK "sind so gut wie alle bayerischen Firmen mit Niederlassungen in China vom Stillstand des Wirtschaftslebens betroffen". Eine Rückkehr zur Normalität sei noch nicht absehbar.

Beim Automobilzulieferer Brose etwa bleibt das Werk des Gemeinschaftsunternehmens Dongfeng Brose im chinesischen Wuhan geschlossen. 300 Mitarbeiter arbeiten dort, die wirtschaftlichen Auswirkungen will eine Firmensprecherin noch nicht beziffern. Brose hat ein Sonderteam eingerichtet, das die Lage täglich bewertet. Von Dienstreisen nach Italien und China sehe man derzeit ab. Ähnlich wird das bei Siemens gehandhabt. Wer in den betroffenen Gebieten dienstlich oder privat unterwegs war, kann nach Rücksprache mit Vorgesetzten und gegebenenfalls einem Hausarzt 14 Tage im Home-Office arbeiten.

Verglichen mit Brose hatte Hirschvogel Glück im Unglück, so klingt es in der Schilderung von Unternehmenssprecherin Michaela Heinle. Der Zulieferer aus Denklingen (Kreis Landsberg am Lech) betreibt ein Werk in Pinghu, etwa 800 Kilometer von Wuhan entfernt. Der Virusausbruch fiel in die Werksferien zum chinesischen Neujahr, diese wurden auf behördliche Anordnung hin bis zum 10. Februar verlängert. Von 1000 Mitarbeitern am Standort arbeiteten zunächst 600, all diejenigen, die während der Neujahrsfeierlichkeiten daheim waren und keinen Besuch hatten. Alle anderen mussten Tests machen und vorsorglich 14 Tage daheim bleiben. Vor Betreten des Werks wird bei jedem die Temperatur gemessen, alle tragen Mundschutz. Den zu organisieren, war wegen der hohen Nachfrage schwierig, sagt Heinle: "Die Einkaufsabteilungen all unserer Standorte haben Tausende Masken eingekauft und zu den Kollegen nach China verschickt."

Die Nürnberger Waffen- und Jagdmesse IWA ist auf unbestimmte Zeit verschoben

Auch anderswo in China laufen die Bänder wieder, so bei Audi und BMW. Das öffentliche Leben aber ist weitgehend lahmgelegt - und damit der Konsum. Anfang Februar wurden statistisch 307 Autos pro Tag im ganzen Land verkauft. Vor der Krise brauchte es dazu nicht mehr als siebeneinhalb Minuten. Anders als die Produktion, bei der auch mal Überstunden eingeschoben werden können, lässt sich fehlende Nachfrage kaum ausgleichen.

Zu den Problemen in China haben sich inzwischen weitere dazugesellt. Auch ins stark vom Virus betroffene Norditalien unterhalten viele Firmen Geschäftsbeziehungen. Sogar der europäische Binnenmarkt an sich scheint bedroht zu sein. In Wirtschaftskreisen kursiert gewissermaßen das Worst-Case-Szenario: Sollte sich das Virus weiter ausbreiten, könnte der Druck auf die EU-Staaten wachsen, ihre Grenzen zu schließen. Der Güterhandel käme wohl zum Erliegen oder wäre stark eingeschränkt. Dabei sind viele Branchen auf funktionierende Lieferketten angewiesen. Noch ist das freilich nur Spekulation, zum Glück. Die Folgen für Bayern und seine gut vernetzte Wirtschaft wären verheerend.

Um dem Schlimmsten vorzubeugen, fordern Verbände und Kammern wirtschaftspolitische Maßnahmen. Für Manfred Gößl etwa, Geschäftsführer der IHK für München und Oberbayern, ist es nur "eine Frage der Zeit", bis wegen abreißender Lieferketten und Exportausfällen "erste bayerische Betriebe in finanzielle Notlagen geraten". Helfen könne die "Wiederbelebung des Mittelstandsschirms", der sich in der Finanzkrise zur Liquiditätssicherung kleiner und mittlerer Firmen bewährt habe.

Der Messe Nürnberg hilft das aktuell freilich wenig. Sie muss die eigentlich am 6. März beginnende Waffen- und Jagdmesse IWA auf unbestimmte Zeit verschieben. Traditionell tummeln sich auf dem wichtigen Branchentreff viele Gäste aus China und der Lombardei. Ziel einer jeden Messe müsse es sein, für Aussteller und Besucher ein besonderes Erlebnis zu schaffen, teilen die Veranstalter mit: Doch das "lässt sich unter den derzeit gegebenen Umständen leider nicht realisieren". Über die Lage wird sich an diesem Freitag die Staatsregierung informieren. Im Kabinettsausschuss wollen sich einzelne Ministerien und Regierungschef Markus Söder (CSU) mit Vertretern des Robert-Koch-Instituts austauschen. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) möchte zudem mithilfe der Lfa Förderbank garantieren, dass Betriebe mit Liquiditätsproblemen Kredite erhalten.

Schon jetzt gilt: Firmen, die Arbeitsausfälle aufgrund behördlicher angeordneter Quarantäne haben, können laut Infektionsschutzgesetz staatliche Entschädigungen in Anspruch nehmen. Wie groß die Auswirkungen letztlich werden, hängt vor allem davon ab, wie lange die Corona-Krise anhält und wo das Virus als nächstes zuschlägt. Für den schlimmsten Fall richten viele Unternehmen Krisenstäbe ein. Diese sollen etwa klären, wie sich der Betrieb mit einer Belegschaft im Homeoffice aufrecht erhalten ließe - eine Variante, die der Zulieferer Webasto bereits notgedrungen erprobt hat.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4823362
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 28.02.2020/lfr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.