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Wirtschaftskrise in Bayern:Licht aus

Das traditionsreiche Modehaus Brandl in Vilsbiburg gibt zum Jahresende auf.

(Foto: Hans Kratzer)

Nicht nur die großen Ketten wie Galeria Karstadt Kaufhof gehen wirtschaftlich in die Knie. Gerade die inhabergeführten Einzelhändler stehen in ganz Bayern vor dem Ende. Die Innenstädte verlieren weiter an Anziehungskraft.

Von Hans Kratzer und Olaf Przybilla

Es ist Freitagvormittag, und im Zentrum der ehemaligen niederbayerischen Kreisstadt Vilsbiburg herrscht wie eh und je ein geschäftiges Treiben. Auch im Modehaus Brandl, eines der namhaftesten Geschäfte der 12 000-Einwohner-Stadt, verteilt sich reichlich Kundschaft. Doch der Schein trügt. "Die Zahl der Kunden in der Innenstadt geht seit Jahren spürbar zurück", sagt Maria Herzog, die Geschäftsführerin des Modehauses. Vor Kurzem haben sie und ihre Familie die Vilsbiburger mit einer Nachricht überrascht, mit der niemand gerechnet hatte. Die Familie Herzog wird ihr großflächiges Modehaus zum Jahresende schließen, ein Herzstück der Stadt wird damit quasi stillgelegt.

Während des Gesprächs mit Frau Herzog beschleicht einen das Gefühl, die Kunden wollten durch fleißigen Besuch das Unabänderliche rückgängig machen. Schon wieder klingelt ihr Handy, Maria Herzog wird hier verlangt und dort. "Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht", sagt sie. Die Corona-Krise habe aber den Druck auf inhabergeführte Modegeschäfte dramatisch verschärft. "Die Kundschaft wurde ja noch mehr animiert, im Internet einzukaufen." Die stationären Läden leiden dagegen unter einem drastischen Umsatzrückgang, Besserung sei nicht in Sicht. Das Modehaus hat viel unternommen, um attraktiv zu bleiben. "Wir haben Kunden angeschrieben, damit sie die Kunden-App aktivieren, um von ihrem Einkauf zu profitieren", sagt Maria Herzog. Die Stammkunden blieben dem Modehaus zwar treu, aber es sei schwer, Neukunden zu binden, die jüngere Generation setze andere Prioritäten. "Letztlich entscheiden die Verbraucher, wo sie einkaufen."

Maria Herzog betont, das Modehaus Brandl sei nicht insolvent. Die Familie habe die Firma stets mit Eigenmitteln finanziert. "Fremdfinanzierung und große Kredite kamen für uns nicht in Frage." Sehr schmerzhaft sei es, den langjährigen und loyalen Mitarbeitern kündigen zu müssen.

"Aber in jeder Krise steckt auch eine Chance", sagt Herzog. Damit in der Stadt kein Dominoeffekt entsteht, "wollen wir einen Nachfolger finden". Sie selber könnten zwar nicht mehr kostendeckend weitermachen, Filialisten aber seien von der Kostenstruktur her anders aufgestellt als inhabergeführte Geschäfte, die viel mehr Personal benötigen. Sie bleibt optimistisch, dass es weitergehen wird: "Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf." In Erlangen wird demnächst auch eine Tür zugehen, offenbar für immer: Das Haushaltswarengeschäft Greiner schließt. Wenn man sagte, der Greiner sei eine Institution in Erlangen, so wäre das fast untertrieben. Johann Christian Wollmershäuser hat das Haus im Zentrum gegründet, in der Chronik wird das aufs Jahr 1794 datiert, in Franken gehört man damit zu den ältesten Handelshäusern überhaupt. 1839 übernimmt sein Sohn, er baut das Sortiment an Handwerks- und Haushaltswaren so aus, dass er die Bedürfnisse aller Erlanger zufriedenstellt. So wächst der Laden und die Verbundenheit mit der Stadt.

Tausende Insolvenzen befürchtet

Viele Einzelhändler hat die Corona-Krise schwer getroffen, die Angst vor Insolvenzen wächst. Der Handelsverband Bayern schätzt, dass nach derzeitigem Stand bis zum Jahresende 5000 Geschäfte im Freistaat pleite gehen könnten. Der Jahresumsatz der Branche könnte um 6,4 Milliarden Euro sinken, das wäre ein Minus von neun Prozent gegenüber 2019. Einer der Gründe, so Verbandssprecher Bernd Ohlmann: "Die Kauflaune ist im Keller." So liege derzeit trotz aller Lockerungen und Maßnahmen die Kundenfrequenz in den bayerischen Innenstädten 40 bis 60 Prozent unter dem Durchschnitt aus Vor-Corona-Zeiten. "Wir sind vom normalen Modus meilenweit entfernt", sagt Ohlmann.

Auch andere Zahlen deuten darauf hin, dass vielen Menschen die Shoppinglust vergangen ist - vielleicht, weil sie selbst ungewissen Zeiten entgegenblicken. Schon deshalb sind die neuesten Prognosen besser als Momentaufnahme zu verstehen: Die vergangenen Monate haben gezeigt, wie schnell sich in dieser Krise die Lage ändern kann. Zudem sind nicht alle Branchen gleichermaßen von ihr betroffen. Der Lebensmitteleinzelhandel etwa verdiente zuletzt gut, während im Textileinzelhandel die Frühjahrsmode verstaubte. Allerdings verschärft Corona vielerorts bereits bestehende Probleme, vor allem im stationären Handel. Eines davon: zu wenige Investitionen in die Digitalisierung des Geschäfts, zu wenige Ideen, wie sich On- und Offline-Handel verbinden lassen. Erst jetzt in der Krise begannen manche Händler damit, Onlineauftritte, Webshops oder Lieferservices einzurichten. Auch die Kaufhauskette Galeria Karstadt Kaufhof kämpfte schon vor Corona um bessere Zahlen. Am Freitag wurde dann bekannt, dass sie etwa jedes dritte ihrer 172 Warenhäuser schließen muss. In Bayern droht dieses Schicksal der Ingolstädter Filiale, in Nürnberg den Häusern an der Lorenzkirche und in Langwasser sowie in München den Häusern am Nordbad, Stachus und im Olympia-Einkaufszentrum.

Dennoch ist in den Statistiken bislang kein Anstieg der Insolvenzen zu verzeichnen. Nur 226 Insolvenzverfahren wurden im April bei den bayerischen Gerichten beantragt, das waren sogar weniger als im März mit 249 Verfahren. Der Grund: Die Bundesregierung hat die Insolvenzpflicht vorübergehend ausgesetzt. Das gibt notleidenden Unternehmen etwas mehr Spielraum und Zeit. Zum Beispiel gelten gewährte neue Kredite nicht als "sittenwidriger Beitrag zur Insolvenzverschleppung". Auch haben Betroffene inzwischen Finanzhilfen von Bund, Freistaat und Förderbanken erhalten. Ob das alles ausreicht, um Pleiten in großer Zahl abzuwenden, wird sich wahrscheinlich erst im Herbst, vielleicht sogar erst im kommenden Jahr zeigen: Die Aussetzung der Insolvenzpflicht endet am 30. September, im November beginnt dann die normalerweise umsatzstärkste Zeit des Jahres. Für viele Händler dürfte diesmal vom Weihnachtsgeschäft noch mehr abhängen als sonst. maxi

1909 übernimmt die Familie Greiner das Haus. Sie erlebt den Boom von zwei Nachkriegszeiten, es geht weiter aufwärts. Als das Haushaltswarenhaus 175. Geburtstag feiert, zählt man 59 Beschäftigte - und ist stolz auf das Angebot klangvoller Marken. 1977 erweitert man um 1 200 Quadratmeter, und weil 1993 der Kundenstamm für das Haus mitten in der Altstadt weiter anwächst, schwingen sich Greiners zum großen Hausumbau auf: die Ausstellungsräume sind nun edler, ein Fahrstuhl wird eingebaut, man glaubt sich zukunftssicher. Lediglich 27 Jahre ist das her - und klingt doch wie von einem anderen Stern.

Im Spätsommer wird Kurt Greiner das Haus zusperren. Wer aber einen am Boden zerstörten Mann erwartet, ist überrascht. Greiner, 55, klingt äußerst aufgeräumt. Lange schon habe er sich mit der Malaise auseinandersetzen können, erklärt er und zählt mit fester Stimme Gründe für den Entschluss auf: Den Einzelhandel mögen die Leute, kaufen aber im Netz. Die nördliche Altstadt ist schön, aber die Kunden bummeln eher im Erlanger Süden. Dazu kamen Baustellen vor der Geschäftstür, gesundheitliche Probleme und am Ende - als Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt - Corona.

"Sehr schwergefallen", sagt Greiner, sei ihm die Entscheidung. Und natürlich sagten ihm jetzt viele, wie schade das sei. Aber wenn man ehrlich ist, sagt Greiner, kamen zuletzt manche nur noch dann, wenn ihnen die Suche nach einem bestimmten Produkt im Internet zu aufwendig war. Und das reiche eben nicht. Es gibt in Corona-Zeiten aber auch Geschichten mit erfreulicher Wende. In Würzburg war das Grämen groß, als im März der "Brandstetter" alle seine Filialen zusperrte. Der Brandstetter, im Ernst? Wer sich im Stammhaus der Traditionsbäckerei, dem Marktcafé, früh um fünf noch kein Hörnle einverleibt hat, soll nicht sagen, in Würzburg gewesen zu sein. Geschweige denn, dort studiert zu haben. Der März war ohnehin ein schlimmer Monat, aber dass ein Virus in kürzester Zeit so ein Traditionshaus in die Knie zwingen kann, hätte wohl keiner für möglich gehalten.

Christian und Nicole Englert vom Würzburger Marktcafé Brandstetter mussten auf dem Scheitelpunkt der Corona-Krise schließen - sind nun aber zuversichtlich.

(Foto: privat)

Christian Englert führt das Haus mit seiner Frau Nicole in fünfter Generation, er versteht den allgemeinen Schock. Natürlich kennt er das Wort vom "Kultstatus", der seinem Café vorauseilt, "der ist Vorteil und Bürde zugleich", sagt er. Aber die meisten seiner Filialen lägen eben im Zentrum, und was sonst Segen war, wurde auf dem Scheitelpunkt der Krise zum Fluch. Der Umsatz brach katastrophal ein. Das Aus? Noch nicht. Englert kämpft und mit ihm viele Würzburger. Unterdessen sind die Filialen wieder geöffnet. Gefährlich sei die Situation zwar noch immer noch, sagt Englert, inzwischen aber überwiegt der Optimismus. Der "Brandstetter" wird leben!

© SZ vom 20.06.2020/wean

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