Wilderei in Bayern:Wenn die Natur zum Tatort wird

Lesezeit: 2 min

Polizei wird immer wieder gerufen, wenn vermutlich vergiftete Tiere gefunden werden, wie im Kreis Straubing-Bogen ein Mäusebussard. (Foto: Alexander Heyd/CABS/dpa)

Vergiftete Bussarde, erschossene Luchse - besonders dramatisch ist Naturschutzkriminalität, wenn sie seltene Tierarten trifft. Die Polizei in Bayern geht verstärkt dagegen vor, doch in den allermeisten Fällen bleiben die Täter unentdeckt.

Von Christian Sebald, München

Es war eine Aktion, wie es sie bis dahin nicht gegeben hat. Im März diesen Jahres suchten Polizeikräfte Wiesen und Felder in den niederbayerischen Landkreisen Straubing-Bogen, Dingolfing-Landau und Deggendorf nach Giftködern und Wildtier-Kadavern ab. Der Grund der aufwendigen Aktion: Seit Januar sind in der Region immer wieder tote Greifvögel entdeckt worden. Die Tiere waren von Wilderern vergiftet worden. Mit der Aktion wollten der niederbayerische Polizeipräsident Manfred Jahn und seine Mitarbeiter nicht nur Hinweise auf die Täter bekommen, sondern sie außerdem abschrecken. Letzteres hat offenkundig nicht funktioniert. Unlängst wurden in der Region erneut vier vergiftete Mäusebussarde und ein getöteter Silberreiher entdeckt.

Gleichwohl sind Naturschützer voll des Lobs für die Polizei in Niederbayern. "Was die Verfolgung von Naturschutzkriminalität anbelangt, arbeiten die Beamten inzwischen sehr engagiert und professionell", sagt der Vorsitzende des Landesbunds für Vogelschutz (LBV), Norbert Schäffer. "Das läuft jetzt sehr viel besser als noch vor wenigen Jahren." Auch aus der Sicht von Claus Obermeier von der Gregor-Louisoder-Umweltstiftung sind polizeiliche Suchaktionen wie diese noch vor einigen Jahren nicht vorstellbar gewesen - und zwar obwohl die Wilderei streng geschützter Tiere auch damals alltägliche Realität in Bayern gewesen sei.

Wie verbreitet das illegale Töten von Rotmilanen und Mäusebussarden, aber auch von Luchsen und anderen geschützten Tieren in Bayern ist, kann man auf dem Internetportal "Tatort Natur" ( www.tatort-natur.de) nachlesen, das der LBV und die Louisoder-Stiftung betreiben. Für 2019 und 2020 sind dort 75 Fälle von Naturschutzkriminalität dokumentiert. Ihnen sind 121 Tiere aus 17 geschützten Arten zum Opfer gefallen. "Das ist aber sicher nur die Spitze des Eisbergs", sagt Franziska Baur, die mit Andreas von Lindeiner für das Internetportal zuständig ist. "Von den allermeisten Fällen dürfte abgesehen von den Tätern keiner etwas mitbekommen."

Artenschutz
:Das Paradies der Luchse

Dem Förster Carsten Klöble sind Aufnahmen gelungen, um die ihn viele Naturschützer beneiden: Sie zeigen, dass im Steinwald in der Oberpfalz ein Weibchen drei Junge bekommen hat.

Von Christian Sebald

Unter den Opfern sind nicht nur Rotmilane, Mäusebussarde und Luchse. Sondern auch Biber und Fischotter, aber auch Stare, Turmfalken, Uhus, Habichte, Rohrweihen und Seeadler. Die Täter gehen nicht zimperlich vor. Sie legen Giftköder aus, zum Beispiel Fleischbrocken oder Eier, die sie mit dem Insektizid Carbofuran präpariert haben, das seit 2007 in der EU verboten ist. Sie schießen mit Schrotflinten und Kleinkaliberwaffen auf die Tiere, oft aus mehreren Waffen, was sich an den Schusswunden der Tiere nachweisen lässt. Auf einen Auerhahn ist sogar mit einer Armbrust geschossen worden. Das Tier hat die Attacke überlebt, es wurde gesund gepflegt und wieder in die freie Wildbahn entlassen. Die Täter stellen den Tieren aber auch mit allen möglichen Fallen nach.

Besonders dramatisch ist Naturschutzkriminalität, wenn sie besonders seltene Tierarten trifft. Ein Beispiel dafür sind die Luchse im Bayerischen Wald. Die Population dort ist winzig. Dennoch werden immer wieder Luchse gewildert. "Damit ist aber schnell der Bestand insgesamt gefährdet", sagt Lindeiner. Ähnlich ist es bei den Rotmilanen. Von der Greifvogelart gibt es europaweit höchstens 29 000 Brutpaare, die Hälfte davon in Deutschland. "Deshalb haben wir eine besondere Verantwortung für die Art", sagt Baur. 2019 und 2020 sind allein in Bayern 23 Fälle von vergifteten Rotmilanen bekannt geworden.

Als Täter vermuten die Tierschützer schwarze Schafe vor allem unter Jägern, aber auch unter Landwirten und Vogelhaltern. "Wir wissen, dass die übergroße Mehrheit Jäger Wildtiere hoch achten", sagt Lindeiner. "Aber es dürfte eben auch einige wenige Ausnahmen geben." Die Täter wiederum können sich ziemlich sicher sein, nicht erwischt zu werden. Von den 75 Fällen, die 2019 und 2020 dokumentiert wurden, wurde nur einer aufgeklärt - im Landkreis Rosenheim. Dort hatte ein Jagdpächter einem Biber mit einer Schlagfalle nachgestellt. Der Mann wurde zu einer Geldstrafe verurteilt.

© SZ vom 16.04.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusNatur
:"Keiner strebt einen Wald ohne Wild an"

Rehe schießen - ja oder nein? Martina Hudler ist Biologin und Jägerin und sagt: Ohne Jagd geht es nicht. Ein Gespräch über die Balance zwischen Tier- und Naturschutz und die Frage, wie verantwortungsbewusstes Wildmanagement aussieht.

Interview von Christian Sebald

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: