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Garmisch-Partenkirchen:Almenlandschaft soll zum Weltkulturerbe werden

Kaum irgendwo im Alpenraum sind die Buckelwiesen so weit verbreitet wie im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Zusammen mit Almen, Streuwiesen und den Moorlandschaften im Tal sollen sie Weltkulturerbe werden.

(Foto: mauritius/kdscholzfoto)

Die Bauern sind skeptisch, mehr Naturschutz und mehr Tourismus wollen sie nicht. Sie sehen in dem Titel aber auch Vorteile.

Wenn ihnen einer mit dem Thema Erbe kommt, wächst bei vielen Bauern schnell der Argwohn. Wenn sie aber ihre Wiesen, Weiden und Almen nicht einfach nur irgendwann der nächsten Generation hinterlassen sollen, sondern praktisch der ganzen Menschheit, dann wollen sie schon gute Argumente hören. Anton Speer hat sich einige davon zurecht gelegt für die Versammlung im Gemeindesaal in Ohlstadt. Speer hat selber einen Hof, doch im Hauptberuf ist er Landrat von Garmisch-Partenkirchen. Schon seit acht Jahren arbeitet er mit einigen Experten und Verbandsfunktionären darauf hin, die Wiesen- und Moorlandschaften im Landkreis zum Weltkulturerbe zu machen. Langsam wird es ernst mit der Bewerbung, jetzt müssen die einzelnen Bauern ins Boot, bis in vier Wochen sollen die in Frage kommenden Flächen definiert sein. Speer kennt die Befürchtungen im Saal. Man wolle Kulturerbe werden und nicht Naturerbe - Gott und die Unesco bewahre. "Es hat nix mit einem Naturschutzgebiet zu tun, überhaupt nix."

Denn die vielen Almen und Buckelwiesen auf den Bergen, die weiten Streuwiesen und die Gemeinschaftsweiden im Tal sind nicht naturgegeben, sondern Ergebnis einer jahrhundertelangen Bewirtschaftung. Auf manche Höfe sind mehr als 600 Jahre alte Weiderechte eingetragen. Der Biologe, Landschaftsschützer und Almenkenner Alfred Ringler führt das Genossenschafts- und Rechtlerwesen im Werdenfelser Land auf die Zeit der bajuwarischen und alemannischen Landnahme und im Kern auf die Germanen zurück. Neulich sei er mit Fotos von 1955 im Estergebirge unterwegs gewesen, sagt Ringler. Dort werde praktisch die gleiche Fläche bewirtschaftet wie in den Fünfzigerjahren, während fast überall in den Zentral- und Südalpen die althergebrachte Landwirtschaft zusammenbreche. Dort kämen kaum so viele Bauern zusammen wie hier.

Unesco-Titel 2019

Neu im Welterbe-Club

Die Bauern haben nicht nur im Wirtshaussaal den Hut auf, sondern auch im ganzen Bewerbungsverfahren. Ihre Mienen bleiben kritisch. Ziel des Ganzen sei es auf gar keinen Fall, noch mehr Touristen in den Landkreis zu locken, versucht Landrat Speer die größten Bedenken im Saal zu zerstreuen. Bei allen verfängt das nicht. "Es ist klar, dass der Tourismus das für sich ausschlachten wird, und zwar massiv ausschlachten. Da warten die bloß drauf", sagt ein älterer Bauer voraus. Dass man "das Erbe und die Kultur unserer Väter und Vorfahren bewahren" und die kleinteilige Struktur der heimischen Landwirtschaft erhalten wolle, hören die Bauern in Ohlstadt gerne. Doch fast wichtiger sind ihnen aktuellere Aspekte. Wenn ihr Wirtschaften erst das Welterbe-Siegel trüge, könne ihnen kaum mehr jemand einfach so Fördermittel streichen oder ihnen verwehren, Wölfe und Bären mit dem Gewehr vom Vieh fernzuhalten. So lautet eine Hoffnung, die Speer gerne nährt. Auch die alte Anbindehaltung in den Ställen sei Teil der traditionellen Landwirtschaft. Sich weiterentwickeln, Ställe bauen oder Baugebiete ausweisen, könne man aber weiterhin.

Josef Glatz ist langjähriger Funktionär und seit Kurzem Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Er ist längst von den Welterbe-Plänen überzeugt und arbeitet seit acht Jahren daran mit. Man habe von Brüssel und Berlin die FFH-Gebiete übergestülpt bekommen, mit denen man nun leben müsse, sagt Glatz. Das mit dem Weltkulturerbe sei jetzt "endlich einmal was, mit dem die auf uns eingehen". Ihm seien durch den ersten Besuch der Verantwortlichen aus Berlin selber erst die Augen geöffnet worden für die Einmaligkeit der Kulturlandschaft.

Bis vor ein paar Jahren habe niemand gedacht, "dass unsere schönen Landschaften vielleicht sogar von weltweiter Bedeutung sind", sagt Landrat Speer, doch man brauche keinen Vergleich zu scheuen. Das bekräftigt auch Ricarda Schmidt, die schon mehrere Welterbe-Bewerbungen als Beraterin begleitet hat und den Bauern in Ohlstadt unter anderem Bilder von Venedig, der Serengeti, einer archaischen Aalzucht in Australien und Reisterrassen in Südchina zeigt. Schmidt soll bis Herbst 2020 einen fertigen Bewerbungsentwurf vorlegen, der dann allseits gebilligt und über die Staatsregierung und den Bund bei der Unesco eingereicht werden soll.

Unter der etwas sperrigen Bezeichnung "Alpine und voralpine Wiesen- und Kulturlandschaft im Landkreis Garmisch-Partenkirchen" steht die Garmischer Bewerbung noch vor den gesammelten Königsschlössern Herrenchiemsee, Neuschwanstein und Linderhof schon seit längerem weit oben auf der Warteliste für die deutschen Bewerbungen. Deutschland ist mit derzeit 46 von insgesamt 1121 Welterbestätten gut bedacht. In Bayern zählen die Würzburger Residenz, die Wieskirche, die Altstädte von Bamberg und Regensburg, der Obergermanisch-Rätische Limes, die prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen und das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth dazu. Neu ist seit diesem Jahr das Augsburger Wassermanagement-System. Die internationale Bewerbung mit dem Donau-Limes scheiterte vorerst an Formalien.

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