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Erstwähler in Bayern:Die Jagd nach jungen Stimmen

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Hauptsache wählen: Auch Organisationen wie der Kreisjugendring rufen Erst- und Jungwähler immer wieder dazu auf, ihre Stimme abzugeben.

(Foto: oh)
  • Die meisten Wahlberechtigten in Bayern sind laut dem Landeswahlleiter zwischen 45 und 60 Jahre alt.
  • Trotzdem ist es für die Parteien wichtig, nicht den Anschluss an die nächste Wählergeneration zu verlieren.
  • Bislang haben offenbar nur die Grünen verstanden, wo sie die jungen Wähler abholen müssen - im Internet und in den sozialen Medien.

Eine Zeitung hat Joschua Sperr schon ewig nicht mehr in der Hand gehabt. Ob er sich denn nicht für Politik interessiere? "Natürlich!" Entrüstung in der Stimme, schließlich studiert der 22-Jährige Politik an der Uni Bamberg. Und auch ein wenig Verwunderung: Wer muss heutzutage noch Zeitung lesen, um zu wissen, was in der Welt los ist? Sperr erfährt das mit einem Blick auf sein Handy. Bei Instagram etwa folgt er Luisa Neubauer, dem Gesicht der "Fridays for Future"-Bewegung in Deutschland. Sperr kennt Neubauer nicht, nur ihre Posts, aber er sagt "die Luisa". Parteien folgt er nicht und ist wieder verwundert: "Sind die da überhaupt?"

Ja, sind sie, von CSU über SPD und FDP bis zu den Freien Wählern. Nur bekommen das Erstwähler wie Sperr offenbar nicht wirklich mit. Nur eine Partei scheint zu ihnen durchzudringen: Die Grünen. 30 Prozent der Stimmen holten sie bei den Europawahlen von den Erstwählern in Bayern, mehr als CSU und SPD zusammen. Auch Sperr wählt eigentlich grün, nur diesmal entschied er sich für die ÖDP. Die Stimme der Jugend zu verlieren, ist nicht unbedingt wahlentscheidend. Die meisten Wahlberechtigten in Bayern sind laut dem Landeswahlleiter zwischen 45 und 60 Jahre alt. Trotzdem gilt: Wer den Anschluss an die nächste Generation verliert, hat keine Zukunft, schon gar nicht als Volkspartei. Nicht nur bei der CSU fragten sie sich deshalb nach der Wahl: Was haben die Grünen, was wir nicht haben? Und: Wie erreicht man junge Leute überhaupt noch?

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Wie vertraut die Union mit neuen Medien ist, zeigte sie gerade. Auf das Anti-CDU-Video des Youtubers Rezo antwortete sie - mit einem elfseitigen Schriftstück. "Einen Weckruf" nennt das CSU-Generalsekretär Markus Blume und kündigt an: "Wir gehen dahin, wo die Jugend ist." Soll heißen, ins Internet. Der Bayernkurier, 69 Jahre lang die Parteizeitschrift der CSU, wird eingestellt. Die ganze Kraft fließe jetzt in das neue Onlineangebot, etwa auf Youtube. Dort war die CSU laut Blume unter den Parteien zwar die erste, nur sagt auch er: "Es gibt noch viel Luft nach oben." Joschua Sperr etwa klickt nur dann auf CSU-Videos, wenn er "was zum Lachen" haben will. Deshalb will sich die CSU jetzt "professionell aufstellen", sagt Blume und meint damit wohl so etwas wie einen CSU-Rezo, der ja nicht nur ein lustiger Typ mit blauen Haaren ist. Hinter Rezo steht eine Agentur, die ihr Geld damit verdient, dass ihre Influencer Botschaften senden, die bestimmten Kunden nützen. Ein Kunde in dieser Maschinerie heißt in Zukunft wohl: CSU.

Sie kann in Bayern das meiste Geld in ihr neues Online-Ich investieren, Geld aber ist nicht alles. Das zeigt etwa die AfD, die in den sozialen Netzwerken so präsent ist wie kaum eine andere Partei, weil ihre Mitglieder vor allem online kommunizieren. "Wenn wir es schaffen, nur einen Bruchteil unserer 140 000 Mitglieder zu bewegen, sich online so zu engagieren wie am Infostand, wären wir im Netz wirklich eine Macht", sagt Blume.

Nur: Die Mitglieder von CSU, Freien Wählern und der SPD sind eher nicht die Generation Youtube. Nicht allen liegt die saloppe Tonlage im Netz. Wie wichtig diese ist, erlebten die Satiriker von "die Partei". Ihre Infostände seien von Jungen "überrannt" worden, sagt deren Wahl-Koordinator Christian Baumeister. "Wir sind ja keine Autorität. Jeder kann auch die vermeintlich dümmsten Fragen stellen." Bei der SPD allerdings nutzten viele Twitter eher wie eine digitale Plakatwand. Ihre Kraft entfalten soziale Medien aber nur, wenn ein Dialog entsteht.

So die Analyse aus der Pressestelle der SPD, die das Durchschnittsalter der Genossen auf 60 Jahre schätzt. Wer für die Partei eine Lösung präsentiert, wie die SPD junge Menschen wieder erreichen kann, dem wird der Nobelpreis versprochen. Ideen gab es freilich schon: Digitale Ortsvereine oder eine App, über die Mitglieder bei bestimmten Fragen abstimmen können. Auch ein Extra-Platz für die Jusos auf der Liste für die Bundestagswahlen wurde diskutiert. Das eine verbietet laut SPD-Sprecher die Satzung, gegen das andere dürften viele Bundestagsabgeordnete sein.

Bei den Grünen dagegen reicht manchmal schon eine mitreißende Rede, um einen guten Platz zu ergattern. Keiner hatte so junge Spitzenkandidaten im Landtagswahlkampf, keine Fraktion im Landtag ist jünger. Welcher Spruch auf Twitter funktioniert, wissen viele intuitiv, aber bestimmt nicht alle: Das durchschnittliche Grünen-Mitglied in Bayern ist 49 Jahre alt und damit ein Jahr älter als das der FDP. Allerdings sind unter den vielen Neumitgliedern bei den Grünen doppelt so viel Junge (unter 25 Jahre) wie Ältere (über 60 Jahre).

Joschua Sperr wählte gerade zum ersten Mal - die ÖDP.

(Foto: privat)

So haben sie das in der Grünen-Landeszentrale in München errechnet. Auch die jüngste Europawahl-Kampagne nahmen sie dort noch mal unter die Lupe. Eine spezielle Ansprache für Junge konnten sie nicht erkennen. Natürlich kommt die Kampagne der Grünen jünger rüber als die der FW: Auf den Plakaten etwa duzen sie ihre Wähler, ihre Videos sind fürs Internet produziert und nicht fürs Kino. In einem kriegen sie es hin, elf Forderungen in 60 Sekunden zu pressen. Grundregeln des Internets, von denen ein Sprecher der Grünen sagt: "Das können die anderen auch."

Vielleicht ist Instagram gar nicht so wichtig, wie alle glauben. Sperr aus Bamberg etwa wählt die Grünen nicht wegen ihrer hippen Posts. Er folgt ihnen ja nicht mal. Er wählt sie, weil der Klimawandel für ihn das drängendste politische Problem ist. Bevor Luisa Neubauer so bekannt war, dass sie für Sperr "die Luisa" auf Instagram wurde, redete sie auf dem Parteitag der Grünen in Bad Windsheim. "Wir haben ,Fridays for Future' von der ersten Minute an ernstgenommen. Davon haben wir extrem profitiert", sagt ein Sprecher der Grünen. Die Antwort der SPD für die streikenden Schüler dagegen lautete: Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre. So sieht das Anna Tanzer, Juso-Chefin in Bayern. Eine gute Forderung, nur: "Auf die Straße gegangen sind sie, weil sie eine klimapolitische Antwort hören wollten."

Spätestens nach der EU-Wahl finden alle Parteien den Klimawandel besonders wichtig. Kompetenz aber wird vor allem den Grünen zugesprochen. Das finden die einen ungerecht, die Grünen erinnern daran, dass sie schon vor dem Klimawandel warnten, als er den meisten noch egal war. Dass es solche Zeiten mal gab, daran kann sich jemand wie Joschua Sperr aus Bamberg kaum erinnern. Er ist einfach zu jung.

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