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Verkehr in Bayern:Die Waldbahn wird stillgelegt

Diese Region wird auch Bayerisch Kanada genannt. Doch mit der Waldbahn wird man dort wohl bald nicht mehr unterwegs sein können. (Foto: Klaus Dieter Neumann / Die Länderbahn).

Diese Region wird auch Bayerisch Kanada genannt. Doch mit der Waldbahn wird man dort wohl bald nicht mehr unterwegs sein können.

(Foto: Klaus Dieter Neumann / Die Länderbahn)

Wegen zu geringer Nachfrage ist für die Strecke Gotteszell-Viechtach 2021 Schluss. Politik und Bürger sind empört. Die Verbindung hat schon in der Vergangenheit für Diskussionen gesorgt.

Von Johann Osel, Viechtach/München

Es ist ein Tummelpunkt für Grantler, der Name sagt es bereits: "Ist Viechtach schon tot?" heißt eine Facebook-Gruppe, in der viele Leute aus der Kleinstadt im niederbayerischen Landkreis Regen ihre Sorgen und Nöte posten. Nicht selten hat die Meckerei handfesten Anlass: fehlende Attraktivität und die Infrastruktur auf dem Land, das Gefühl, abgehängt zu werden. Am Dienstag ist es ein ganz konkreter: die vom Freistaat geplante Einstellung der Bahnstrecke von Gotteszell über Teisnach nach Viechtach. Beziehungsweise das endgültige Scheitern einer dauerhaften Reaktivierung. Eine empörte Reaktion: "Es werden lieber neun Milliarden Euro für die Lufthansa investiert!"

Nicht nur bei den Bürgern, auch in der örtlichen Politik hat die Wende in der Waldbahn-Causa Aufregung und Gram ausgelöst. Einerseits die Neuigkeit an sich, andererseits die Art der Übermittlung: via Pressemitteilung des bayerischen Verkehrsministeriums. Landrätin, Bürgermeister, Abgeordnete und sogar der Bahnbetreiber rügen, dass sie nicht persönlich informiert worden seien. Seit drei Jahren läuft auf der Strecke ein Probebetrieb im Stundentakt. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft hatte zu untersuchen, ob eine reguläre Wiederaufnahme sinnvoll ist. Die Zahlen zeigten aber deutlich, "dass die Nachfrage bei den Fahrgästen nicht ausreicht", so das Ministerium. Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU) wird zitiert: "Wir stehen Reaktivierungen von stillgelegten Eisenbahnstrecken grundsätzlich offen gegenüber. Allerdings gelten für alle Strecken dieselben Kriterien. Wenn diese nicht erfüllt sind, können wir dafür kein Steuergeld investieren."

Die Vorgeschichte ist lang: Anfang der Neunzigerjahre wurde der reguläre Personenverkehr eingestellt, vor gut einem Jahrzehnt begannen Bemühungen zur Reaktivierung; mit Gutachten, Debatten, Bürgerentscheid, Petitionen und fraktionsübergreifender Lobbyarbeit. Von 2016 an gab es zunächst einen zweijährigen Probebetrieb sowie jetzt einen bis 2021. Der Zug fährt durch die Gegend, die oft "Bayerisch Kanada" genannt wird. Diese Bayerwaldregion ist touristisch interessant, erfuhr zuletzt aber auch als Standort Aufwertungen, zum Beispiel mit dem Technologiecampus Teisnach oder über Behördenverlagerungen.

Laut Kriterien muss auf der Strecke eine Nachfrage von mehr als 1000 Fahrgästen pro Werktag zu erwarten sein. Von Gotteszell nach Viechtach sei die Zahl jedes Jahr bei deutlich weniger als 500 Fahrgästen gelegen - die Kosten für den Probebetrieb dagegen bei mehr als drei Millionen Euro im Jahr. Daher helfe, sagte Schreyer, eine Wiederbelebung "weder dem Klima noch dem Steuerzahler". Man werde den Probebetrieb daher nicht verlängern und den Schienenverkehr zum September 2021 einstellen. Es sei einen "Versuch wert" gewesen; aber Busse seien in dem Fall passgenauer. Doch lassen sich tatsächliche Bedürfnisse der Landbevölkerung an starren, bayernweit geltenden Maßstäben ausrichten?

Als "Schlag ins Gesicht der ländlichen Regionen" wertete Regens Landrätin Rita Röhrl (SPD) im Bayerischen Rundfunk die Entscheidung. Schon aufgrund der Bevölkerungszahl im Vergleich zu Städten könne man den Wert für Fahrgäste gar nicht erreichen. "Insgesamt geht es mir jetzt auch um die Verlässlichkeit des Staates mit seinen Aussagen. Das kann man nicht bringen, dass man zunächst die Kommunen mit viel Geld auf ein Abenteuer losschickt, um dann mitten im Abenteuer zu sagen: Uns ist das jetzt völlig wurscht, ob die Geschichte gut oder böse endet, wir mögen nimmer." So gab es kommunal zuletzt Investitionen rund um die Bahn. Röhrl will ein Gespräch mit Schreyer, für "eine Lösung, mit der beide Seiten leben können". Weitere Politiker wie der Grünen-Bundestagsabgeordnete Erhard Grundl aus Straubing-Bogen stellten die 1000er-Marke in Frage, gerade im Corona-Jahr. Andere munkeln, die Regierung habe Krise und Parlamentsferien nutzen wollen, um ohne Buhei Unangenehmes zu verkünden. Auch Bürgermeister geben sich kämpferisch, Ministerpräsident Markus Söder soll bald einen "Brandbrief" erhalten.

© SZ vom 26.08.2020/wean

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