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Kriminalgeschichte:Nummer 785, "vermutlich Streunerin"

Der Auszug aus einem Vermisstenbuch des LKA aus dem Jahr 1927 zeigt, wie akribisch die Listen auch damals geführt wurden.

(Foto: Staatsarchiv München)

In Vermisstenbüchern vermerkten Polizisten bis 1988 verschwundene Personen und unbekannte Tote. 59 solcher Kladden hat das LKA nun an die Archive übergeben.

Eine junge Frau ist spurlos verschwunden, die besorgte Mutter erstattet daher Vermisstenanzeige bei der Polizei. "Verwandte suchen zartes 19-jähriges Mädchen, das seit dem 29. Mai vermißt wird, nachdem es durch Autostop in einem Opel-Kapitän am Odeonsplatz (München) eingestiegen ist", meldet die Lokalpresse. In den Vermisstenbüchern des Jahres 1959 erhält Theresia Teodorowitsch - 1,50 Meter groß, schwarzhaarig, graue Augen, schwarzes Muttermal an der Wange - die laufende Nummer 785. Die Mutter glaubt an einen Unfall, einen Suizid hält sie für ausgeschlossen, es sei nie "Schwermut oder Lebensüberdruss" bei der Heranwachsenden erkennbar gewesen. Bei der Eintragung im Vermisstenbuch notiert ein Polizeibeamter als Zusatz: "vermutlich Streunerin".

Das Landeskriminalamt (LKA) hat am Dienstag historische Dokumente des Sachbereichs "Personenfahndung - Vermisste, unbekannte Tote, unbekannte hilflose Personen" an das bayerische Hauptstaatsarchiv und das Staatsarchiv München übergeben. Die Vermisstenbücher aus den Jahren 1926 bis 1985 sollen nun von Experten gesichtet und nach Möglichkeit konserviert oder restauriert werden - dann will man sie Wissenschaftlern zugänglich machen. Das LKA unterhält eine zentrale Nachrichtenstelle für derlei Fälle im Freistaat, früher wurden Vermisstenbücher vom Polizeipräsidium in München zentral für ganz Bayern geführt.

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LKA-Präsident Robert Heimberger sprach von "Zeitzeugnissen, die unbedingt archiviert werden müssen". 59 einzelne Bücher - teils erkennbar vergilbte Kladden, großzügig mit Tesafilm bedacht - sind es; ursprünglich sollten nur 57 Stück übergeben werden, zwei weitere waren neulich in den Beständen der Polizei noch entdeckt worden, "hinters Regal gerutscht". Sie dokumentieren mehr als 100 000 Vermisste aus sechs Jahrzehnten, so schätzen die Archivare die Gesamtfallzahl nach erster Durchsicht.

Die Neuzugänge schließen auf zu vorhandenen Beständen, die ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Die Dokumentation geschah stets nach gleichem Schema mit standardisierten Angaben. Dieses Procedere hat Systeme überdauert, so gibt es in den Vermisstenmeldungen keinen Bruch nach 1945 - auch wenn in der NS-Zeit hinter Vermisstenfällen eine willkürliche Verhaftung oder der Transport in ein KZ stehen konnte. Seit Ende der Achtziger werden die Vermerke elektronisch erfasst, sie lösten die handschriftlichen Notizen ab.

Es sind nüchterne Eintragungen, hinter denen individuelle Schicksale oder Tragödien stecken können. Rätselhaftes Verschwinden, unerklärliche Flucht aus dem Lebensumfeld, schreckliche Verbrechen, die zunächst womöglich unentdeckt bleiben - Vermisstenfälle bedeuten Unsicherheit, die Angehörige zur Verzweiflung treiben kann. Die Beamten in den Polizeipräsidien gingen in den "emotional fordernden Fällen mit der nötigen Sensibilität vor", berichtete Heimberger. Wobei sich die große Mehrheit auflöse. Beispiel 2018: Da wurden bayernweit 11 000 Vermisstenfälle gezählt. 9000 waren Kurzzeitvermisste, die nach weniger als drei Tagen auftauchten. Der Rest wurde überwiegend geklärt.

Auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge spielen in der Statistik heute eine Rolle. Oft weiß man um einen Verbleib, kann den Fall aber nicht als erledigt abhaken; zum Beispiel, wenn Kinder von einem Elternteil ins Ausland entzogen werden und dagegen aber keine rechtliche Handhabe besteht. Seit dem Jahr 1962 blieben in Bayern 2000 Vermisstenfälle ungeklärt. In den historischen Büchern sind die anderen mit dünnen Linien durchgestrichen, oft findet sich auch ein Kreuz als Notiz - tot aufgefunden.

So wie die junge Theresia 1959, neun Tage nach der Anzeige wurde sie aus der Isar geborgen. Die von der Mutter identifizierte Frau hatte sich das Leben genommen, die Obduktion stellte Ertrinken fest. Nähere Aufschlüsse hat das Staatsarchiv über die Ermittlungsakten erlangt. "Weitere Lebensmerkmale" sind da aufgeführt, nämlich: geringes Interesse an der Berufsausübung. Dafür sei sie "in Schwabinger Tanzlokalen bekannt und beliebt" gewesen, wollte Filmschauspielerin werden. Wie sich herausstellte, hatte sie für eine Rolle in "Der Arzt von Stalingrad" vorgesprochen, trotz anfänglicher Hoffnung ohne Erfolg. Schließlich hatte auch ihre Mutter bei der Polizei eingeräumt, Theresia sei recht betrübt gewesen, weil sich ihr Traum vom Film nicht erfüllen mochte.

Die Vermisstenbücher sind ein Spiegel der Zeit, berichten von einstigen Moden ("Bubikopf"), bei Kinder von "Fürsorgezöglingen", immer wieder von "Streunerei". Oder von kuriosen Lebensentwürfen: Einer habe sich wohl "zur Fremdenlegion gemeldet", ein anderer "will vermutlich nach Amerika". Systematisch zeichnet sich ein Anstieg der Meldungen ab: Waren es 1952 noch 1000 Fälle, so gab es in Fünf-Jahres-Schritten einen Zuwachs um je 1000. Gerhard Fürmetz, Abteilungsleiter im Archiv, macht dafür gesellschaftliche Veränderungen und die Mobilität verantwortlich.

Die Direktoren von Hauptstaatsarchiv und Staatsarchiv, Bernhard Grau und Christoph Bachmann, sehen die Bücher als "großen Wert" für wissenschaftliche Erkenntnisse. Durch die "Grundgesamtheit" an Daten könnten Forscher gezielt weitere Quellen suchen, sagte Grau. Bachmann sprach von einer "Starthilfe" für Historiker, Sozialwissenschaftler oder Kriminologen. Gleichwohl gelten für Anträge auf Einsicht die gängigen Regeln zu schützenswerten personenbezogenen Informationen.

Einige handschriftliche Bände werden noch bis zur Klärung ungelöster Fälle beim LKA bleiben, Unterlagen zu ungeklärten Vermisstenfällen sind mindestens 30 Jahre lang von Polizeibehörden aufzubewahren. Sollte das LKA einen Bestand wieder brauchen, muss es ihn ausleihen. Eine nicht nur theoretische Option. So arbeitet die Staatsanwaltschaft München bei "Cold Cases", dem Aufrollen ungeklärter Morde, mit den Archiven zusammen. Zudem können Unterlagen zum Links- und Rechtsextremismus wieder relevant werden. Zum Beispiel gelangten die Akten zur Wehrsportgruppe Hoffmann nach der Wiederaufnahme der Ermittlungen zum Oktoberfestattentat 1980 aus dem Archivbestand auf den Tisch des Generalbundesanwalts.

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