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Verkehr in Bayern:Bei der Bahn herrscht Tarif-Wirrwarr

Bahn - Fernverkehr

Politik und Bahn versprachen günstigere Preise - nicht selten wurde das Bahnfahren jedoch teurer.

(Foto: dpa)
  • Von Januar 2020 an sollten Bahnfahrkarten in Bayern durch einen niedrigeren Mehrwertsteuersatz eigentlich günstiger werden.
  • Doch viele Pendler zahlen nun mehr. Im aktuellen Preiswirrwarr fällt sogar Experten der Durchblick schwer.
  • Tendenziell gilt: Der Fernverkehr ist zum Jahreswechsel billiger geworden - während der Nahverkehr teurer wurde.

Es war ein Versprechen. "Preise zehn Prozent runter", stand auf dem Schild, das Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Bahnchef Richard Lutz im Dezember in Kameras hielten. Von Januar 2020 an gelte für längere Zugfahrten ein niedrigerer Mehrwertsteuersatz, viele Tickets würden günstiger und alles anders sowieso. "Die Bahn muss besser werden", sagte Scheuer, man dürfe "die Fahrgäste nicht verlieren, die jetzt in so großer Zahl auf die Bahn umsteigen".

Einige Wochen später muss das Versprechen auf manche Pendler in Bayern wie Hohn wirken. Einige von ihnen zahlen zwar weniger als vorher oder zumindest nicht mehr. Andere aber haben auf niedrigere Preise gehofft und höhere bekommen. Und dritte wiederum können Geld sparen, das sie nie ausgeben sollten, aber dazu müssen sie theoretisch teurere Verbindungen bevorzugen. Die Verwirrung - und mitunter der Frust - sind groß.

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Auch Scheuer und Ministerpräsident Markus Söder (CSU) dürften sich etwas anderes vorgestellt haben. Söder hatte mit seinem Vorschlag, Bahnfahrten von der Mehrwertsteuer zu befreien, das Ganze erst befeuert. 1,3 Millionen Menschen nutzen in Bayern täglich den Schienennahverkehr; es sollen mehr werden, schon um die Klimaschutzziele zu erfüllen. Doch im aktuellen Preiswirrwarr fällt sogar Experten der Durchblick schwer. "Wenn man sich mit dem Thema schon länger beschäftigt, geht es", sagt zum Beispiel Lukas Iffländer von der Fahrgastvereinigung Pro Bahn. "Aber mit dem normalen Fahrgastabitur ist das nicht mehr zu schaffen."

Dass der Tarifdschungel derzeit besonders undurchdringlich erscheint, hat mehrere Gründe. Einer davon: Auf manchen Strecken ist der teure Fernverkehr plötzlich günstiger als die Bummelbahn. Der Bayerische Rundfunk hat ausgerechnet, dass Reisende von Donauwörth nach München 3,30 Euro und 37 Minuten Zeit sparen, wenn sie in Augsburg von der Regionalbahn in den Intercity umsteigen. Erwischt man ein attraktives Sparangebot, ist noch mehr drin, wie eine SZ-Stichprobe zeigt: Am Freitagnachmittag hätte eine Einzelfahrt mit dem Regionalexpress von Würzburg nach Nürnberg 25,20 Euro gekostet. Der ICE zehn Minuten früher wäre schon für 17,90 Euro zu haben gewesen, dazu bequemer und 20 Minuten schneller.

Der Trick funktioniert freilich nicht immer. Vielerorts bleibt die Regionalbahn schon mangels Alternativen das Reisemittel der Wahl. Tendenziell lässt sich aber festhalten: Der Fernverkehr ist zum Jahreswechsel billiger geworden - während der Nahverkehr ihm gegenüber teurer wurde. Das liegt auch an besagter Mehrwertsteuersenkung, genauer an ihrer Umsetzung. Zuvor hatte nur auf Strecken unter 50 Kilometern der ermäßigte Satz von sieben statt 19 Prozent gegolten. Nun gibt es ihn auch für Strecken ab 50 Kilometern. Davon profitieren bislang aber nur Passagiere, die mit Fernverkehrstickets unterwegs sind. Pendler, die mehr als 50 Kilometer in der Regionalbahn fahren, zahlen weiter den höheren Preis - obwohl die Steuersenkung auch für sie gilt. "Eine Sauerei", sagt Iffländer, "anders ist das nicht zu beschreiben." Das zeige "ein bisschen", was alles schieflaufe. "Das System ist zu komplex."

Das sieht vereinfacht so aus: Der Freistaat bestellt den Nahverkehr auf der Schiene bei den Unternehmen. Daneben gibt es Verkehrsverbünde sowie verbundfreie Zonen, alle mit eigenen Tickets. Das will erst einmal koordiniert werden. Zuständig hierfür ist der Tarifverband der Bundeseigenen und Nichtbundeseigenen Eisenbahnen (TBNE). Durch einen von ihm festgesetzten Gemeinschaftstarif werde sichergestellt, dass "eine Fahrkarte von München über Landshut nach Regensburg bei DB Regio das Gleiche kostet wie bei der Länderbahn", teilt das bayerische Verkehrsministerium mit. Auch die Deutsche Bahn verweist darauf, alleine keine Entscheidungen treffen zu können. Die "geplanten Anpassungen in den Vertriebssystemen aller verkaufenden Partnerunternehmen" müssten nun bei der TBNE hinterlegt werden, sagt ein DB-Sprecher. Das brauche etwas Zeit.

Lukas Iffländer, Sprecher von Pro Bahn in Bayern.

(Foto: Pro Bahn)

Es hakt aber nicht nur bei der Umstellung von Tarifen und Computern. Generell hat sich vielerorts das Reisen verteuert. Zum Fahrplanwechsel im Dezember betrug der Anstieg im Bundesschnitt beim Nahverkehr 1,7 Prozent. Vergleicht man die Regionalverkehrspreise von November 2015 mit denen von November 2019, liegt das Plus laut Statistischem Bundesamt sogar bei 14 Prozent. Das Fahren in Verbünden wurde im selben Zeitraum um knapp acht Prozent teurer. Zusätzlich kompliziert wird die Sache, wo die Grenzen eines Verbunds passiert werden. So hat sich laut Münchner Merkur der Monatspreis für die Strecke Ampfing - München von 277,60 Euro auf 291,50 Euro erhöht. Dass der Münchner Verkehrsverbund seine Preise im Stadtgebiet gesenkt hat, hilft denen wenig, die von außen hineinfahren.

Wo also ansetzen, um den Dschungel zu lichten? Eine kleine Vereinfachung böte ein erweitertes Bayern-Ticket, das überall zu allen Uhrzeiten gültig wäre. So etwas gibt es unter anderem in Baden-Württemberg. Im bayerischen Verkehrsministerium arbeitet man derzeit an einer Strategie, um Fahrten über Verbundgrenzen hinaus zu ermöglichen - etwa mithilfe elektronischer Tickets. Modelle wie das in Baden-Württemberg würden dazu untersucht, könnten aber "nicht eins zu eins" auf Bayern übertragen werden.

Bleibt die Frage, wann Pendler das zahlen, was sie dank Steuersenkung zahlen sollten. Zumindest die Inhaber von Jahresabos sollten Geld zurückerhalten, sagt Iffländer. Das Verkehrsministerium sieht für den Freistaat "keine Möglichkeit", die "tariflichen Anpassungsmaßnahmen" zu beschleunigen. Dass die Steuerreduzierung verzögert weitergegeben werde, liege daran, dass der Bund sie so kurzfristig beschlossen habe. Von Seiten der DB heißt es, rund 90 Prozent der Fahrgäste seien auf kurzen Strecken unterwegs und bezahlten den ermäßigten Steuersatz. Man sei "zuversichtlich", auch die anderen Beteiligten für eine Preissenkung zu gewinnen. Geplant sei diese zum Fahrplanwechsel im Juni. Viele Pendler dürften dann genau hinschauen, was bei ihnen ankommt.

© SZ vom 25.01.2020/lfr
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