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SZ-Serie: Urlaub daheim:Durchs Land der drei Täler

Die Einkehrstation Waggon in Velden.

(Foto: Hans Kratzer)

Isen, Vils und Rott - entlang dieser Flüsse führt eine lockere Radtour von Dorfen nach Neumarkt-Sankt Veit. Die Gegend ist von München aus schnell erreichbar und reich gesegnet mit Natur, Einödhöfen und Kunst.

Von Hans Kratzer

Ganz in der Form eines Spinnennetzes breiten sich die Radfernwege mittlerweile über die bayerischen Landschaften aus. Erfreulich ist überdies, dass man viele Strecken bequem miteinander verknüpfen kann. Ein idealer Ausgangspunkt für Touren in mehrere Richtungen ist die Stadt Dorfen (Landkreis Erding), die mit der Bahn und über die A 94 gut zu erreichen ist. Direkt am Dorfener Bahnhof beginnt ein Radweg, der in Richtung Niederbayern führt, er wurde quasi auf der früheren Bahnstrecke Dorfen-Velden errichtet. Die Strecke bis nach Velden, gut 21 Kilometer, bietet einen wunderbaren Einstieg für eine je nach Gusto zu variierende Radltour. In unserem Fall soll sie über gut 50 Kilometer nach Neumarkt-St.Veit führen, weil sich diese Tour durch eine geografische Besonderheit auszeichnet. Die Reisenden durchmessen nämlich auf dieser Strecke drei altbayerische Flusstäler. Vom Isental aus führt der Weg zunächst ins Vilstal und dann hinein ins Rottal, wobei sich die Rott anfangs noch eher als Bächlein denn als Fluss auszeichnet.

Die gut 50 Kilometer lange Tour ist nicht sehr strapaziös, es geht meistens flach dahin. Wenige Kilometer hinter Dorfen aber geht es kilometerweit eine Anhöhe hinauf. Hauser Höh heißt dieser Aussichtspunkt, der eine famose Sicht aufs Isental ermöglicht. Zehn Kirchtürme stechen ins Auge, und wer in der angrenzenden Wiese noch 50 Meter höher steigt, sieht sogar 20 Türme. Auf einer Tafel ist zu lesen, dass der Radweg hier die Wasserscheide von Donau und Inn überschreitet.

Obwohl auf der anderen Seite von Dorfen die neue Isental-Autobahn die Stille zerreißt, wirkt die Landschaft auf dieser Seite noch sehr still und bäuerlich. In den Wirtshäusern erzählt man sich nach wie vor wundersame Geschichten aus jener Zeit, als hier noch die Veldener Bockerlbahn fuhr, als noch totale Entschleunigung herrschte. Die gache Steigung zur Hauser Höh bereitete auch der Bahn Probleme. Oft fuhr sie so langsam, dass ein Schild im Abteil ernsthaft mahnte: "Blumen pflücken während der Fahrt verboten." Und wenn gar nichts mehr ging, dann stiegen die Fahrgäste eben aus und schoben den Zug an.

Von der Wasserscheide führt der Weg hinunter ins Vilstal nach Taufkirchen, einem verkehrsgeplagten Ort, bekannt durch die Polstermöbelfabrik Himolla, aber auch durch sein altes Wasserschloss, auf dessen traumhafter Terrasse man sich gastronomisch verwöhnen lassen kann.

Weit weg von den Straßen führt der Weg dann nach Moosen, wo an jedem Freitagvormittag direkt am Radlweg ein bunter Wochenmarkt abgehalten wird, dessen Besuch man jederzeit abrunden kann durch das weithin berühmte freitägliche Weißwurstessen beim Wirt z'Moosen. Kurz vor Velden lohnt sich ein gut ein Kilometer langer Abstecher nach Gebensbach, in dessen Dorfzentrum ein altes Wirtshaus steht, das zwar geschlossen, aber atmosphärisch noch ganz im 19. Jahrhundert verhaftet ist. Hier wurden Filme über das alte Bayern gedreht, das Wort Gastwirthschaft (mit th) legt davon Zeugnis ab. Das Wirtshaus erinnert ebenso an eine versunkene Zeit wie die vielen alten Mühlen, die sich entlang der Vils aufreihen wie Perlen an der Schnur. Die Schöllamühle bei Velden hat schon zur Zeit Karls des Großen existiert.

Die erste Attraktion im Markt Velden ist direkt am Radlweg ein zum Lokal umfunktionierter Eisenbahnwaggon. Zu wenig bekannt ist das Georg-Brenninger-Freilichtmuseum. Der von hier stammende Münchner Künstlerfürst (1909-1988), bekannt durch die von ihm geschaffene Figurengruppe im Giebel des Nationaltheaters, vermachte viele Werke seinem Heimatort. Seine Skulpturen säumen die Straßen, auch jener Apoll, der bei den Olympischen Sommerspielen 1972 vor dem Stadion thronte.

In Velden biegen wir auf den Rottalradweg ein, der in eine Landschaft führt, die von Einödhöfen geprägt ist, die meistens hoch droben auf den Anhöhen stehen. Schon sind wir in Beichzoi, in Pauluszell, wie es richtig heißt, Heimatdorf des vor zwei Jahren gestorbenen Künstlers Franz Xaver Maurer-Fox. Unvergessen die Überschrift "Als die Wurst aufs Land kam", die vor 30 Jahren in der Vilsbiburger Zeitung zu lesen war, bezugnehmend auf eine Ausstellung von Maurer-Fox. Der Redakteur hatte eigentlich "Als die Kunst aufs Land kam" getitelt. Allerdings waren die Setzer im Zeitungswesen damals noch eine Weltmacht, die sich manchmal den Spaß erlaubten, Kleinigkeiten zu verändern. Aus Kunst wurde Wurst, Fox nahm es gelassen.

Isen, Vils, Rott

Die Radlstrecke Dorfen-Neumarkt-St. Veit ist eine Art Stammstrecke, die viele weitere Optionen eröffnet. Von Neumarkt aus lässt sich die Reise etwa auf dem Rottalradweg bis nach Passau fortsetzen. Man kann aber auch nach Norden abbiegen und über den Vils-Rott-Radweg nach Vilsbiburg fahren, wo der Isar-Vils-Radweg nach Landshut oder alternativ der Vilstalradweg zurück nach Velden führt. Eine Option ist aber auch die andere Richtung nach Vilshofen. Von Neumarkt-St.Veit aus fährt zudem die Bahn über Mühldorf nach Dorfen, an den Startpunkt der Reise.

Von Pauluszell aus ist es nur ein Katzensprung nach Müllerthann, wo direkt neben einem Sacherl in einer feuchten Wiese die Rott entspringt. Es ist eine fruchtbare Gegend, die Orte heißen hier Weichselgarten und Englbrechting, alle Wiesen sind voller Nutzvieh, überall wird Honig angeboten. Im nächsten Ort Wurmsham hat viele Jahre lang Bürgermeisterin Maria Neudecker von den Grünen regiert. Gewiss hat sie die Stellung der Frau auf eine neue Stufe gehoben, ausgehend von Erlebnissen wie jenem nach ihrem Amtsantritt. Als sie mit ihrer Sekretärin im Büro war, ging die Tür auf, ein Mann lurte herein, schaute sie an und sagte: "Is neamd do?"

Schon ist Neumarkt in Sicht, eine Kleinstadt voller Geschichten. Ein Kuriosum haben die Kriegshändel in der Napoleonzeit hier hinterlassen, etwas, das es in dieser Form in Europa kein zweites Mal gibt. Im ganzen Stadtgebiet stößt man auf sogenannte Neunerkreuze, Erinnerungsmäler an die Toten aus dem Schicksalsjahr 1809. Sie machen bewusst, dass die heutigen Verhältnisse, die gemütliche Radltouren in einem friedlichen Land ermöglichen, einst mit viel Blut erkauft wurden.

© SZ vom 11.09.2020/vewo

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