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SZ-Serie: Urlaub daheim:Es muss nicht immer Neuschwanstein sein

Schattenriss in Burgruine

Die Burgruine Eisenberg bei Pfronten im Allgäu ist eine Alternative zu den Königsschlössern.

(Foto: dpa/dpaweb)

Das Allgäu ist reich an Schlössern und Burgen, über der kleinen Ortschaft Zell thronen gleich zwei davon

Von Anna Günther, Eisenberg

Es gibt diesen Moment auf der Bundesstraße 17, der Einheimische nervt und unachtsame Fremde jäh aus Träumereien am Steuer reißt: Das Auto vor einem bremst plötzlich - und trödelt dann dahin oder hält abrupt am Straßenrand. Touristen haben ihr Sehnsuchtsziel erspäht: Schloss Neuschwanstein. Handys gezückt, klick, mit der Instagram-Welt geteilt. Erster Schnappschuss von Cinderella Castle, später mehr. Auf der nahen B 310 passiert einem das nicht, es ist wundervoll.

Neuschwanstein und Hohenschwangau sind Besuchermagneten, 1,4 Millionen Menschen kamen 2019 ins Ostallgäu, um Neuschwanstein anzusehen. Die Region lebt davon und leidet zuweilen unter den Touristenmassen. Dass Neuschwanstein coronabedingt zehn Wochen geschlossen war, dürfte Fluch und etwas Segen gewesen sein. Von dieser Leere ist an einem der letzten Sommerferientage nichts mehr zu spüren. Deutschland macht in diesem Jahr Urlaub daheim, es wirkt so voll wie immer in der Hochsaison. Grund genug, Neuschwanstein und Hohenschwangau zu ignorieren und andere Burgen zu erkunden.

Auswahl gibt es: 38 Burgen und Schlösser zählt die Burgenregion Allgäu. Etwa 16 Kilometer von Neuschwanstein entfernt stehen die größten Allgäuer Burgruinen Eisenberg und Hohenfreyberg auf einem Kalkmassiv über dem kleinen Dorf Zell. Von der A 7 aus führt der Weg durch Nesselwang und Pfronten, vorbei an Häusern mit Balkonkästen voll üppig blühender Petunien und sattgrünen Hügeln, auf denen braune Kühe grasen. Allgäu-Idylle. Eine schmale Straße ohne Panorama-Bremser führt nach Zell, das heute zur Gemeinde Eisenberg gehört. Am Ortseingang sollten Wanderer das Auto abstellen und durchs pittoreske Dorf schlendern. Zell soll als Wirtschaftshof entstanden sein, als Peter von Hohenegg um 1315 die Burg Eisenberg als neuen Herrschaftssitz in Sichtweite der Tiroler Burg Falkenstein bauen ließ. Die Tiroler hatten zuvor seine Höhlenburg Loch eingenommen. Die Geschichte der Burgen ist neben der Kirche im Burgenmuseum Eisenberg zu erkunden. Wer ein verstaubtes Heimatmuseum befürchtet, sei beruhigt: Haus und Ausstellung wirken modern, die informative Internetseite hilft all jenen, die vor verschlossenen Türen stehen. Seit 40 Jahren kümmern sich Ehrenamtliche um Burgen und Museum des Burgenvereins Eisenberg. Die Ausstellung ist daher nur am Wochenende geöffnet.

Hinter Zell führt der Weg durch Wiesen zum Wald und steigt dort steil an. Zwar gilt die Wanderung als familienfreundlich, aber große wie kleine Burgenfreunde sollten fit sein und feste Schuhe tragen. Die Distanz mag kurz erscheinen, aber bis zu den Ruinen sind 232 Höhenmeter zu überwinden. In zügigem Tempo dauert es eine gute Stunde, bei entspannter Geschwindigkeit und Aussichtsgenuss länger. Im Wald hört man schon das melodische Läuten einiger Kuhglocken, die Tiere weiden malerisch zu Füßen der Burgen. Die Wanderer halten sich an der ersten Gabelung rechts und gehen Richtung Schlossbergalm. Auf dem flacheren Weg dorthin erlebt man dann doch wieder diesen Moment: Die Menschen vor einem bremsen abrupt ab und zücken die Smartphones. Der Blick reicht über Wiesen und Dörfer zu Tegelberg, Säuling und dem Ammer-Gebirge. Für die Smartphone-Zücker ist das wohl höchstens Beifang: Klein in der Ferne ist auch Neuschwanstein zu sehen.

Hinter der Schlossbergalm geht es weiter steil durch den Wald bergauf. Neben einem klagen Einheimische, dass es zu voll sei überall, kein Platz an den Seen zum Baden, kein Platz in den Örtchen - und das, obwohl keine Chinesen und Amerikaner da sind. Sie werden von zwei angegrauten Damen überholt, die hörbar nicht aus dem Allgäu stammen und rückwärts laufend das Gefälle überwinden. Das sei weniger anstrengend, sagt eine der beiden. Man wundert sich und geht lieber vorwärts weiter. An der nächsten Gabelung geht es links hinauf zur Burg Eisenberg, der älteren Ruine, die mittlerweile der Gemeinde gehört. Die Ruine ist gut erhalten, Kinder tollen durch Reste von Zwinger und Kapelle, Erwachsene studieren die Informationstafeln oder genießen den fantastischen Blick auf die Region und das nächste Etappenziel: Burg Hohenfreyberg.

Burgen-Raterunde

Mit dem Auto erreicht man Zell am besten über die A 7 Richtung Füssen und die B 310 über Nesselwang und Pfronten. Vom Münchner Hauptbahnhof fährt die Bayerische Regiobahn jede Stunde in Richtung Füssen, vom Bahnhof Weizern-Hopferau geht es etwa eine halbe Stunde durch den Ort Eisenberg hoch zur Schlossbergalm. Für mehr Bespaßung der Kinder auf der Wanderung bietet die Gemeinde Eisenberg auf ihrer Internetseite eine Burgen-Raterunde zum Ausdrucken und Rätseln an. Informationen zu Burgführungen gibt es bei der Tourist Information Eisenberg unter Tel: 08364-1237, die gpx-Dateien hier.

An der Weggabelung geht es hinüber zu einer der letzten Burgneubauten im mittelalterlichen Stil. Der Sohn des Eisenberger Burgherren, Friedrich von Freyberg-Eisenberg zu Hohenfreyberg ließ seine Burg zwischen 1418 und 1432 errichten. Sie sollte sich als "unübersehbares Bollwerk gegen den Lauf der Zeit stemmen und alte Ritterlichkeit verherrlichen", heißt es auf der Museums-Homepage. Die Ruine ist besser erhalten und mit Eisenberg jeden Sommer Schauplatz eines Mittelalterfestes, das in diesem Jahr aufgrund von Corona ausfiel.

Aus der Rivalität mit den Tirolern waren Eisenberg und Zell im 14. Jahrhundert entstanden. Und die Tiroler brannten die Burgen Eisenberg, Hohenfreyberg und Falkenstein 1646 nieder, damit sie kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges nicht in Feindeshände fielen. Die Burgen verfielen und Ludwig II. starb, bevor er sein "Raubschloss" Falkenstein bauen konnte.

Wer nach Hohenfreyberg genug hat von grauem Stein, kann an der Alm vorbei durch den Ort Eisenberg zum Hopfensee spazieren. Wer Stille sucht, sollte hinab zum Schlossweiher gehen. Dort begegnet einem nur die Kuhherde. Am Weg rund um den Weiher hört man Grillen und das Rauschen der Baumwipfel. Im Wasser schwimmen Schwäne, es duftet nach Wermuth, frischgemähtem Gras und Moor. Nach gut drei Stunden Tour ist Zell wieder in Sicht, dahinter Breitenberg und Aggenstein.

© SZ vom 08.09.2020/vewo

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