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Bildung:Die Unsicherheit an den Unis

Digitaler Protest: Studenten haben kürzlich auf ihre schwierige Situation hingewiesen - im Internet.

(Foto: Landesastenkonferenz)

Während Schulen und Kitas wieder geöffnet sind, läuft der Betrieb an den Hochschulen weiter digital. Studenten und Dozenten vermissen die täglichen Kontakte - und wissen nicht, wie es im Winter weitergeht.

Von Anna Günther

"Ich habe viel Glück gehabt", sagt Lisa Heger am Telefon. Die Medizinstudentin klingt, als würde sie sich entschuldigen, weil es ihr im Corona-Semester besser geht als vielen Studenten in Bayern. Sie habe Glück, weil sie ihren Job nicht verloren habe, weil Miete und Versicherung bezahlt sind. Heger kennt die Sorgen der anderen, sie ist Sprecherin der 40 000 Studenten an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg (FAU). Das Sommersemester wurde am 3. April wegen Corona zu einem digitalen deklariert. Alle Studenten mussten von daheim studieren. Das blieb so, als Schüler sukzessive in ihre Klassen, Kitakinder in Spielgruppen und Erwachsene ins Büro zurückkehrten.

"Es fehlt einfach etwas, wenn man den ganzen Tag alleine am Schreibtisch sitzt, sich nicht unterhalten oder die Mittagspause mit Kommilitonen verbringen kann", sagt Heger. Die Tage seien wenig strukturiert. Manche Dozenten hielten live Vorlesungen, während andere das Material online stellen "und wir müssen schauen, wie wir uns das einteilen". Mancher mache viel mehr Stoff als im Präsenzbetrieb üblich. Dozenten spürten digital nicht, ob der Kurs mitkomme, sagt Heger. Aber für sie ist auch die Digitalisierung ein Glück: "Viele meiner Professoren haben ihre Lehre eher verbessert." Sie mussten umstrukturieren, neue Methoden mit kleineren Gruppen ausprobieren, konnten nicht "alles so machen wie immer".

"Der Umstieg hat erstaunlich gut geklappt", sagt FAU-Präsident Joachim Hornegger. Er führt das nicht auf Glück, sondern den Arbeitseifer seiner Leute zurück. Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) hatte die Hochschul-Präsidenten in einem Schreiben zur digitalen Lehre sogar auf die Dienstpflicht der Dozenten hingewiesen. "Den Brief habe ich in der Schublade, aber ich musste ihn nie rausholen", sagt Hornegger. 3000 Online-Kurse wurden im März und April erstellt, pro Tag laufen 2500 Video-Konferenzen. Die FAU investierte sechsstellige Summen, damit Seminare live übertragen werden können und andere abrufbar im Hochschulnetz stehen.

Um die Dozenten bei der Digitalisierung zu unterstützen, gab es eine Hilfs-Homepage und ein Budget. Das Ergebnis gefällt offenbar nicht nur Lisa Heger: Laut Hornegger nehmen digital mehr Studenten an den Lehrveranstaltungen teil als im Präsenzbetrieb. Er vermutet, dass es daran liegt, dass die FAU sich früher als andere Unis mit Corona beschäftigen musste: Ein Arzt des Uniklinikums war Ende Februar der erste nachweislich Infizierte in Bayern, der nichts mit der Firma Webasto zu tun hatte. Insgesamt sei die Zahl der Corona-Fälle an der FAU aber "an einer Hand abzuzählen", sagt Hornegger. Glück, findet auch er.

Dauerhaften Online-Betrieb und leere Gänge will Hornegger aber nicht haben: "Es gab schon Tage im Schloss, an denen ich die Leere als unheimlich und bedrohlich empfunden habe. Tage, an denen ich dachte, was ist hier nur los, in was für einer Situation befinden wir uns eigentlich?" Hornegger favorisiert für den Herbst eine Mischung aus Präsenz- und Digitalbetrieb. Um planen zu können, fordert er klare, frühe Ansagen der Staatsregierung.

Auch viele andere Hochschulpräsidenten sind mit dem Digitalbetrieb recht zufrieden. Walter Schober, Chef der Technischen Hochschule Ingolstadt und Sprecher der Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW), sieht trotzdem Nachholbedarf. "Digitale Lehre ist nicht, eine Vorlesung über Zoom abzuhalten", sagt er. Sein Ziel: sogenannte Inverted-classroom-Konzepte, bei denen Studenten daheim mit Videos den Stoff lernen und danach mit ihren Dozenten diskutieren. Der Weg dahin ist weit, aber das größte Problem der Hochschulchefs im Sommersemester könnte sich bald klären: In der letzten Landtagssitzung vor der Sommerpause steht eine Änderung des Hochschulgesetzes zur Abstimmung, mit der Online-Prüfungen rückwirkend legitimiert und zum Modellversuch gemacht werden. Fürs Sommersemester war die rechtliche Lage so unklar, dass die meisten Hochschulen vor allem auf Präsenzprüfungen mit Abstand und Maske setzen. Dafür kommen alle Studenten, die einreisen dürfen, aus der Distanz an die Unis zurück.

Damit die bayerischen Hochschulen besser für den Herbst gerüstet sind, fordert Sabine Doering-Manteuffel außer klaren Ansagen auch Leihgeräte für Studenten und Qualitätsstandards für die Lehre. Einen "Kaltstart" wie zuletzt dürfe es nicht geben, sagt die Präsidentin der Augsburger Uni und Sprecherin der zwölf bayerischen Universitäten. "Eine der wichtigsten Fragen ist nicht, wie man das Semester managt, sondern wie wir soziale Härten abfedern", sagt Doering-Manteuffel. Diese seien in Augsburg das große Problem gewesen. Eines, das sie nicht lösen konnte. Viele Studenten hätten über Geldsorgen geklagt, über Angst ums Bafög und Prüfungsfristen. "Bafög ist Sache des Bundesministeriums, da hätte man schneller reagieren müssen", sagt Doering-Manteuffel.

Das würde Constantin Pittruff sofort unterschreiben. Der Studentensprecher der Hochschule München hatte Anfang April eine Online-Petition initiiert, die Chancengleichheit und Entlastung der Studenten forderte. 50 000 Menschen unterschrieben. Dass dieses digitale Sommersemester rechtlich als Ausnahme gilt, ist entscheidend für Stipendien, Bafög und Wohnheimplätze, die oft an die Regelstudienzeit geknüpft sind. Brauchen Studenten länger, könnten sie die Förderung verlieren. Mehrere Bundesländer haben mittlerweile die individuelle Regelstudienzeit verlängert, in Bayern ist sie Teil der geplanten Gesetzesnovelle. Ein später Erfolg ihrer Arbeit, finden Pittruff und auch Maximilian Frank, der Sprecher der bayerischen Landes-Asten-Konferenz .

Dass es aber bis Mitte Juni dauerte, bis bedürftige Studenten das "Überbrückungsgeld" der Bundesregierung beantragen konnten, kritisieren die Studentensprecher scharf . Die Kriterien seien lebensfern, die Anträge zu kompliziert. Zumal existenzielle Fragen nicht gelöst seien. Kredite und Zuschüsse vom Bund reichten nicht für alle Studenten, sagt Frank. Umso wichtiger sei Planbarkeit für den Herbst. "Wir wissen auch, dass niemand orakeln kann, aber wir brauchen möglichst früh eine Ansage." Daran hingen Ausgaben wie Semesterticket oder WG-Zimmer.

Die erhoffte Klarheit bringt der Wissenschaftsminister nicht: Er sei im Gespräch mit den Hochschulverbänden, sagt Sibler. Klar sei die "Grundlinie": Mehr Präsenzbetrieb mit Online-Lehre, sofern es das Infektionsgeschehen zulässt. "Wir müssen im Moment die Entwicklung der Infektionszahlen aufmerksam beobachten und entsprechend auf Sicht fahren." Unklar bleibt, wann das Wintersemester beginnt. An den HAW wäre es der 1. Oktober, an den Unis der 12. Oktober. Kultusminister Michael Piazolo (FW) präsentierte bereits einen groben Plan fürs neue Schuljahr.

Diese Unterschiede ärgern den neuen Passauer Unipräsidenten. Ulrich Bartosch findet, dass der Beitrag der Studenten zur Eindämmung der Infektionen nicht genug geschätzt wird. Anders als den meisten Menschen werde ihnen durch das Digitalsemester die Normalität verwehrt. Bartosch möchte die Studenten im Herbst nach Passau holen - mit Hygieneregeln und Online-Kursen. "Aber sie können sein, wo sie sein wollen, mit Menschen, die sie sehen wollen, und Ressourcen, die sie zum Studium brauchen", sagt er. Die Nähe fehlt auch der Erlanger Studentin Heger zum Glück. Ihre Hoffnung für den Herbst? "Das Gefühl zu haben, nicht alleine zu lernen."

© SZ vom 06.07.2020

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