Süddeutsche Zeitung

Nachhaltige Informationstechnik:Uni Passau plant ein Rechenzentrum mit angeschlossenem Gewächshaus

Lesezeit: 4 min

Damit soll zukünftig mehr Kapazität für die KI-Forschung bereitstehen - die Abwärme der Server könnte perspektivisch Gurken und Tomaten zugutekommen. Kritik an dem Projekt kommt von den Grünen.

Von Miriam Dahlinger, Passau

Wenn der bayerische Staatsminister für Digitales Fabian Mehring (Freie Wähler) von den Plänen für ein neues Rechenzentrum auf dem Campus der Uni Passau spricht, dann überschlagen sich die Anglizismen und Superlative. Ein "Best Practice", einen "echten Gamechanger" und einen "Leuchtturm" habe man mit dem "Bavarian Green Data Center" vor. Momentan steckt das Projekt noch mitten in der Planungsphase, der Spatenstich ist für kommendes Jahr vorgesehen. 2026 soll das idealerweise klimapositive Rechenzentrum "Gurken aus Gigabits" produzieren.

Was genau ist geplant? Das grüne Rechenzentrum soll im Grunde aus zwei Teilen bestehen: einem Serverbereich ("Data Cube"), der in Containerbauweise vorproduziert wird und erweiterbar sein soll, und ein angeschlossenes Gewächshaus ("Gardening Bereich"), das mit der Abwärme der Server beheizt wird.

Kein einfaches Vorhaben finden diejenigen, die es umsetzen sollen: "Es ist sehr komplex, ein klimaneutrales Rechenzentrum und einen Gardening Bereich zu planen", sagt Harald Kosch. Er ist Vizepräsident für Akademische Infrastruktur und IT an der Uni Passau. "Das hat viele Komponenten: Die Designkomponente, also wie der Data Cube gestaltet wird, und die Baukomponente", sagte Kosch. Dabei sei es nicht zu unterschätzen, das Ganze in die bereits bestehende Infrastruktur des Campus einzubetten, unter anderem müssten neue Kalt- und Warmwasserverteilersysteme integriert werden.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind neben Europa zwei der drei Schwerpunkte der Universität Passau, da habe der Auftrag vom Digitalministerium gut gepasst. Mehring drückt es euphorischer aus: Bei den Verantwortlichen der Uni Passau, sei "eine enorme Machermentalität" hinterlegt und die örtlichen Forschungsschwerpunkte passten "perfekt" zum Projekt.

Die Staatsregierung unterstützt das Data Center mit drei Millionen Euro für die Bauleistung und Beschaffung, außerdem wurden Mittel für 1,5 Stellen für Projektmanagement und wissenschaftliche Begleitung freigemacht. Keine unwesentliche Summe, immerhin sind die Ziele des Ministers hoch. Das Projekt solle kein "Wolkenkuckucksheim" sein, sondern "Impact" haben und Nachahmer finden.

"Sehr, sehr wichtig ist für uns, die Abwärme des Rechenzentrums zu nutzen", sagt Kosch. So soll erforscht werden, inwieweit es möglich ist, die Hitze, die durch die Server entsteht, ganzjährig und angepasst an die Außentemperaturen zu nutzen. Das heißt, ins Gewächshaus soll die Abwärme des Rechenzentrums nur eingeleitet werden, wenn es nicht ohnehin von der Sonne erwärmt wird.

"Das Gewächshaus wird durch Sensoren überwacht und automatisch angesteuert, um für die Pflanzen ein passendes Klima zu garantieren", sagt Kosch. Im Sommer soll das Gewächshaus verschattet werden, damit die heimischen Gurken, Tomaten, Salate und Küchenkräuter nicht eingehen.

Die Abwärme könnte auch das Duschwasser im Sportzentrum erhitzen

"Für Übergangstemperaturen ist geplant, die Abwärme der universitären Kinderkrippe zur Verfügung zu stellen", sagt Kosch. Und im Sommer soll die Abwärme des Rechenzentrums das Duschwasser im Sportzentrum erwärmen. "Es gibt auch noch Ideen, die Abwärme in Form von heißem Wasser in die Nahwärmeleitung der Uni einzuspeisen. Das wird zurzeit untersucht, aber das ist sehr komplex", sagt Kosch.

Der Data Cube soll zum Teil mit Strom von Photovoltaikanlagen der Uni, etwa auf dem Dach des Cube, betrieben werden. Mit KI sollen Vorhersagen über die zu erwartende Serverauslastung des Rechenzentrums und die verfügbare PV-Leistung getroffen werden. So sollen die Belastung des Rechenzentrums und die Verfügbarkeit der Sonnenenergie möglichst synchronisiert werden. Überschüssiger Photovoltaikstrom soll auch genutzt werden, um Kältemaschinen als Wärmepumpen zu betreiben und in den Gebäuden zu nutzen.

Und wenn sich die Sonne versteckt? "Wenn kein Strom aus den PV-Anlagen zur Verfügung steht, wird das Bavarian Green Data Center Strom aus dem öffentlichen Netz beziehen", sagt Kosch. Denn Strom aus Photovoltaikanlagen ist volatil: "Ein Rechenzentrum kann damit allein aus wirtschaftlichen und Reaktionszeitgründen nicht betrieben werden", sagt er. Bisher beziehe die Uni noch zu fast 100 Prozent Ökostrom aus dem öffentlichen Netz. Die erzeugte Strommenge aus Photovoltaikanlagen sei noch "verschwindend" gering, Anfang 2026 sollen auf dem Campus aber PV-Anlagen für 4,5 Millionen Euro in Betrieb gehen.

Nicht zuletzt soll das grüne Rechenzentrum auch ein Akzeptanztest für die Energiewende sein. Indem man den Verbrauch und die Kosten messen könne, wolle man auch in der Uni dafür werben, den Energieverbrauch bewusster zu gestalten. Etwa, wenn Forschende ihre rechenintensiven Experimente an die Verfügbarkeit erneuerbarer Energie anpassen. "Nutzerinnen und Nutzer sind bisher nicht daran gewöhnt, sich darüber Gedanken zu machen, ob genügend Leistung zur Verfügung steht oder nicht", sagt Kosch.

Zunächst einmal wird die Leistung des Bavarian Green Data Center nicht einmal für den gesamten Uni-Betrieb reichen. So soll das bereits bestehende Rechenzentrum der Uni Passau, welches den Betrieb der Computerinfrastruktur der Universität und den Verwaltungsbetrieb sichert, weiterlaufen und nach wie vor den Großteil des Verwaltungsbetriebs abdecken. Im neuen Data Center soll künftig in erster Linie Leistung für die steigende KI-Forschung bereitstehen, bei der zum Teil über mehrere Tage Prozesse laufen, um Modelle zu trainieren.

Ein Leuchtturm allein reicht Kritikern längst nicht

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Benjamin Adjei ist jedenfalls skeptisch, ob das geplante Data Center bayernweit etwas verändern kann. Grundsätzlich sehe er die Entwicklung eines klimaneutralen Rechenzentrums positiv, sagte er. "Bisher ist keines der 34 staatlichen Rechenzentren als nachhaltig zertifiziert, nur drei nutzen die Abwärme in nennenswertem Umfang", sagte er. Das geht aus der Antwort auf eine schriftliche Anfrage hervor, die er 2022 zum Thema gestellt hat. Ein Leuchtturmprojekt allein habe kaum Einfluss auf die Klimabilanz des Freistaats, sagte Adjei.

"Hier fehlt mir bisher ein Konzept, wie Erkenntnisse aus dem Projekt am Ende zu flächendeckenden Maßnahmen führen sollen", sagte er. Statt ein staatliches Vorzeigeprojekt zu starten, fordert Adjei, bestehende Rechenzentren der öffentlichen Hand zu modernisieren, damit diese mit ökologisch nachhaltigen Standards liefen.

Standards, wie nachhaltige Rechenzentren aussehen können, gibt es bereits seit zehn Jahren. Mit dem Umweltzeichen Blauer Engel werden Rechenzentren ausgezeichnet, die besonders energieeffizient und ressourcenschonend betrieben werden.

Auch an der Uni Passau würde man gerne einen Blauen Engel für das neue Data Center bekommen. Aktuell gibt es laut der RAL Umwelt GmbH, die den Blauen Engel für das Umweltbundesamt zertifiziert, bundesweit nur ein einziges Rechenzentrum, das die Kriterien erfüllt. Es steht nicht in Bayern, sondern in Cottbus in Brandenburg und wird privat betrieben. Tomaten und Gurken gibt es dort aber keine.

Der Text basiert auf den Recherchen von SZ Dossier, dem neuen politischen Informationsservice der Süddeutschen Zeitung: sz-dossier.de

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6340113
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.