Nach Tretboot-Unglück bei GrainauAm felsigen Grund des Eibsees: Taucher suchen in 30 Metern Tiefe nach Vater und Sohn

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Polizeitaucher fahren am Montag in einem Schlauchboot vor den Tretbooten eines geschlossenen Bootsverleihs auf den Eibsee. Ein 33 Jahre alter Mann und sein sechsjähriger Sohn sind nach Polizeiangaben in dem See untergegangen.
Polizeitaucher fahren am Montag in einem Schlauchboot vor den Tretbooten eines geschlossenen Bootsverleihs auf den Eibsee. Ein 33 Jahre alter Mann und sein sechsjähriger Sohn sind nach Polizeiangaben in dem See untergegangen. (Foto: Peter Kneffel/dpa)

Polizeitaucher suchen seit Tagen im Bergsee nach dem Sechsjährigen und seinem Vater, der ihn retten wollte. Auf welche Schwierigkeiten die Rettungskräfte dabei stoßen, weiß Experte Manuel Achtner von der Wasserwacht.

Von Matthias Köpf, Grainau

Es hätte doch alles gut gehen können. Schon, weil es ein Samstag war. Im Sommer ist die Wasserwachtstation am Eibsee am Fuß der Zugspitze an allen Wochenenden und Feiertagen besetzt, und an diesem Samstag hatte sogar ein ausgebildeter und ausgerüsteter Rettungstaucher Dienst. Der war so schnell im Wasser, wie es nur menschenmöglich war, und auch die anderen Wasserretter waren innerhalb von zwei, höchstens drei Minuten nach der Alarmierung bei dem Tretboot, das da mitten im See trieb. „Die Voraussetzungen für eine Rettung wären perfekt gewesen“, sagt Manuel Achtner. „Wären gewesen“, so muss er es formulieren. Im Irrealis. Denn von dem sechsjährigen Jungen, der am Samstag von dem Tretboot ins Wasser gefallen war, gibt es auch am Dienstag noch keine Spur. Genau wie von seinem 33 Jahre alten Vater, der offenbar sofort hinterhergesprungen war, um sein Kind zu retten.

Manuel Achtner ist Technischer Direktor der Wasserwacht im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Er war der Einsatzleiter am Samstag. Er hat den Sonntag noch einmal am Eibsee verbracht, obwohl da schon die Polizei übernommen hatte, weil der Einsatz kein echter Rettungseinsatz mehr war, sondern eine Vermisstensuche. Und Manuel Achtner ist auch am Montagvormittag droben am Eibsee gewesen. Zusammen mit zwei Wasserwachtkollegen aus Grainau unterstützte er die Polizeitaucher aus München mit seiner Ortskenntnis und brachte sie mit dem Boot hinaus aufs Wasser.

Die Polizeitaucher und Bereitschaftspolizisten in Booten suchen weiterhin nach den Vermissten, am Dienstag und bei Bedarf auch noch in den kommenden Tagen, je nach Wetter auch mit der Hilfe von Hubschraubern. Ihren Suchradius im See ziehen sie dabei immer größer. „Wir haben uns vorgenommen, zu suchen, bis wir finden“, sagt ein Polizeisprecher. Daran, die Suche einzustellen, denke man derzeit nicht. Hoffnungen, die beiden lebend zu finden, macht sich am Eibsee allerdings niemand mehr.

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Hätten es der Vater und sein Sohn oder auch nur einer von ihnen an Land geschafft, so hätten sie sich bestimmt gemeldet, vermutet Wasserwacht-Einsatzleiter Achtner. Und unbemerkt geblieben wären sie auch kaum. Denn der Betrieb am Eibsee ist enorm, gerade am Wochenende. Der Rundweg um den See ist voller Ausflügler, die am Samstag zu Augenzeugen wurden, wie an die 80 Helfer von Wasserwacht, DLRG, Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei alles taten, um die beiden Vermissten zu finden. Sie haben sie nicht gefunden. „Es ist ein unbefriedigendes Gefühl, wenn man so einen Einsatz abbrechen muss ohne Erfolg“, sagt Manuel Achtner.

Dabei ist der oft so malerisch türkisgrüne Eibsee ein klarer Gebirgssee. Während in den Moorseen des Alpenvorlands unter Wasser oft kaum die Hand vor Augen zu erkennen ist, ist die Sicht im Eibsee bis zu einer gewissen Tiefe vergleichsweise gut. Aber begrenzt ist sie doch, genau wie der Sauerstoffvorrat in den Flaschen der Taucher und damit die Zeit, die sie suchend unter Wasser verbringen können. Nur acht Minuten lang könne ein Taucher den Seegrund absuchen, sagt Manuel Achtner. Dann müsse er wieder auftauchen, langsam und immer mit Rücksicht auf die sogenannte Dekompression wegen des nachlassenden Wasserdrucks.

Zugleich ist es keineswegs gesagt, dass menschliche Körper sofort auf den Grund sinken wie ein Stein, der kein Fettgewebe hat und keine letzte Luft in der Lunge. Rettungstaucher gehen vom vermuteten Ort des Untergangs in die Tiefe, doch schon dieser Ausgangspunkt ist oft genug unklar. Boote treiben im Wind und in der Strömung, wie es sie im Eibsee auch unter Wasser gibt. Dort drunten zögen die Taucher ihre Kreise in die Tiefe immer größer, erklärt der Einsatzleiter Achtner. Und doch könne es sein, dass der Gesuchte unentdeckt vier oder fünf Meter über oder unter dem Taucher im Wasser dahinschwebe und erst viel später auf den Grund sinke oder manchmal auch an die Oberfläche auftreibe.

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Das Drama vom Eibsee hat sich an einer Stelle weitab vom nächsten Ufer ereignet. Dort, wo die Retter ihre Markierungsboje gesetzt haben, ist das Wasser an die 30 Meter tief, es ist fast die tiefste Stelle des ganzen, immerhin fast zwei Quadratkilometer großen Sees, der keinen oberirdischen Abfluss hat. Der Seegrund ist wie die gesamte Umgebung voller großer Steine und Felsen, was den Einsatz all der Sonar- und Ortungsgeräte und 3-D-Scanner erschwert, mit denen die Retter den See absuchten. Da hänge viel vom genauen Abtastwinkel ab, sagt Manuel Achtner.

Wirklich kalt ist der Eibsee trotz seiner Lage knapp 1000 Meter über dem Meeresspiegel momentan nicht. 22 Grad betrug die Wassertemperatur an den vergangenen Tagen. Draußen war die Hitze am Samstag auch nicht so groß wie an manchen Tagen davor, weshalb Achtner vorläufig nicht an einen Temperaturschock als Ursache des Unglücks glaubt. Ob die beiden Vermissten oder zumindest der Vater schwimmen konnten, weiß er momentan ebenso wenig wie die Polizei. Dies sei Gegenstand der Ermittlungen, hieß es am Montag von einer Polizeisprecherin.

Der Rest ist Spekulation und wird es schlimmstenfalls bleiben. Das ist auch Manuel Achtner sehr bewusst, wenn er sagt, dass man sich da vieles ausdenken könne. Der Vater habe aber wohl nur einen einzigen Versuch gehabt, seinen Sohn zu retten. „Und ich möchte nicht ohne mein Kind wieder auftauchen.“ Die 34 Jahre alte Mutter des Jungen und seine vierjährige Schwester waren ebenfalls auf dem Tretboot. Die Wasserwacht hatte sie an Land gebracht, wo sich ein Kriseninterventionsteam um sie bemühte. Die Familie stammt aus dem unterfränkischen Landkreis Haßberge.

Gewiss scheint für den Wasserwacht-Einsatzleiter Achtner vorerst vor allem eines: Schwimmwesten seien bei allen Bootsfahrten und überhaupt im Wassersport „äußerst sinnvoll“ und hätten auch hier ziemlich sicher das Schlimmste verhindern können. „Wir tragen auch eine bei jedem Bootseinsatz“, sagt Achtner, und natürlich werde jetzt wohl wieder über eine Schwimmwestenpflicht diskutiert. Er als Vertreter der Wasserwacht könne nur appellieren, eine solche Weste zu tragen. „Ob alles gesetzlich geregelt werden muss“, da ist sich Achtner persönlich nicht so sicher. Andererseits: Der Sicherheitsgurt im Auto sei ja auch vorgeschrieben.

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