Bildung in der Corona-Krise:"Es wird kein fairer Übertritt möglich sein"

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Schulunterricht in Hamburg startet eingeschränkt

Grundschüler leiden nach Ansicht von Bildungsexperten besonders unter den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Elternwille oder Notenschnitt? Lehrer sowie Mütter und Väter von Viertklässlern fürchten im Corona-Schuljahr das Übertrittszeugnis. Sie fordern ein radikales Umdenken.

Von Anna Günther

Siebeneinhalb Wochen sind es bis zum Übertrittszeugnis, das mag Kinderlosen ewig erscheinen. Aber bei vielen Eltern der 109 000 Viertklässler in Bayern liegen die Nerven blank.

Das Übertrittszeugnis weist den Notenschnitt aus, an dem die weitere Schullaufbahn der Kinder hängt. Nicht wenige Mütter und Väter trimmen ihre Kinder monatelang mit Nachhilfe daraufhin: 2,33 in Mathe, Deutsch sowie Heimat- und Sachunterricht reichen fürs Gymnasium, 2,66 für die Realschule. Und im Corona-Frühjahr 2021, nach vielen Wochen Lockdown, Distanzunterricht und drohender neuer Schulschließungen, ist die Aufregung noch größer als sonst.

Martin Löwe, Chef des Bayerischen Elternverbands (BEV) schrieb Kultusminister Michael Piazolo (FW) kürzlich von zahllosen Fragen "entkräfteter" Eltern und fragte, ob der Übertritt weiter an Noten geknüpft werden solle. Und ob der Minister dies angesichts der Unterschiede im Distanz- und Wechselunterricht "wirklich für objektiv, vergleichbar und aussagekräftig" halte.

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbands (BLLV), ging weiter: "Es wird kein fairer Übertritt möglich sein heuer." Statt der Noten müssten Eltern entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihre Kinder gehen.

Das wäre ein radikaler Bruch. Der notenbasierte Übertritt ist wie das gegliederte Schulsystem Grundpfeiler des Bildungssystems im Freistaat - und umstritten. Die meisten Bundesländer lassen die Eltern entscheiden, Bayern hält wie Sachsen oder Berlin an Noten fest. Das sieht die CSU-geführte Staatsregierung als Qualitätsmerkmal, daran rüttelt der FW-Minister nicht.

Aber Fleischmanns Aussage und das emotionale Echo dürften ein Grund dafür gewesen sein, dass Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sich am Dienstag nach dem Ministerrat in Rage redet: Statt ständig mit Maximalforderungen wie der Abschaffung der Noten zu kommen, sollten Lehrerverbände lieber kreative, pädagogische Lösungen vorschlagen.

Lehrerverbände sind gespalten

Die abgewatschten Lehrerverbände sind beim Übertritt gespalten: Gymnasial- und Realschullehrer favorisieren das notenbasierte Verfahren samt Probeunterricht für Wackelkandidaten. Auch Andreas Fischer, Vizechef des Bayerischen Schulleitungsverbands von Grund- und Mittelschulen, nennt Fleischmanns Aussagen "medienwirksame Panikmache". Bis Weihnachten seien die meisten Grundschüler im Unterricht gewesen, der Fokus liege ohnehin auf den Kernfächern.

Klar, der Distanzunterricht laufe in Bayern unterschiedlich gut, aber Fischer bleibt dabei: "Bei den Viertklässlern gibt es keine Defizite, da kann man die Eltern auch beruhigen. Der Übertritt ist gebongt." Seine Lehrer an der Grundschule in Landau an der Isar seien im Stoff sogar weiter als üblich.

Im Kern steht die Frage, was "fair" ist. Das notenbasierte Zeugnis? Oder wissen Eltern besser, was Kinder können? Für "faire Bedingungen" verringerte Piazolo die Zahl der Viertklass-Proben von 22 auf 14. Lehrer dürfen sogar "deutlich" weniger schreiben, teilte sein Ministerium mit. Weitere "flächendeckende" Anpassungen halte man für unnötig. Änderungen in "Einzelfällen" seien möglich.

"Auch durch Elternwillen kann Ungerechtigkeit zunehmen"

Grundschüler durften drei Wochen vor allen anderen zurück in die Klassen. Viertklässler in Hotspots könnten nach Ostern wie Abschlussklassen unabhängig von der Inzidenz in die Schule gehen. Fleischmann nennt dieses Festhalten am System "Bankrotterklärung".

Die Debatte sei höchst komplex, sagt dagegen Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. "Ich würde den Elternwillen nicht freigeben, dadurch kann auch Ungerechtigkeit zunehmen." Es gebe viele Kinder, die trotz Gymnasiumsschnitt auf Realschulen gehen und es gibt jene, die zum Gymnasium getrieben werden, obwohl es ihnen an Real- oder Mittelschulen besser ginge. Natürlich halten Eltern ihr Kind für das "größte, schlauste, beste", aber sie sollten nicht allein entscheiden. Lehrer lernten Schüler in vier Jahren gut kennen. Zierer weiß das als Grundschullehrer und er hat Kinder in der ersten, vierten und sechsten Klasse.

Mehr Fokus auf die Persönlichkeit

Wie sich der freie Elternwille auswirkt, zeigt Baden-Württemberg: Eltern entscheiden seit 2012 allein, die Zahl der Übertritte aufs Gymnasium stieg deutlich an. Zehn Prozent der Schüler wechselten seitdem ohne Empfehlung aufs Gymnasium, teilt das Stuttgarter Kultusministerium mit. Ein Viertel der Realschüler habe nur die Hauptschulempfehlung. Die Leistungen der Gymnasiasten hatten sich laut IQB-Studie zwischen 2012 und 2017 verschlechtert. Und Pädagogen warnen davor, dass überforderte Kinder die Lust an Schule komplett verlieren könnten.

Auch Zierer sagt, dass nicht allein die Noten, sondern besonders die Persönlichkeit der Kinder für den Übertritt wichtig sei. Deren Umgang mit Fehlern und Erfolg sei entscheidend. Schüler, die viel lernen, sich aber bei Misserfolg "zerfleischen", könnten am fordernden Gymnasium straucheln. Im Gegensatz zu resilienten Strategen mit schlechteren Noten, die nur lernen, wenn sie müssen. Für Zierer müsste sich grundsätzlich etwas ändern: Mehr echtes Feedback, mehr Fokus auf die Persönlichkeit.

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