Die bei der Fußball-WM mit großem Getue eingeführten Trinkpausen sind eigentlich ein alter Hut. Schon in grauer Vorzeit wurden den Fußballbuben in der Provinz ominöse Getränke gereicht, wobei das Ganze einen Haken hatte. Denn die Nachwuchsspieler hörten, bevor sie das Gesöff an die Lippen führten, stets den Mahnruf des Betreuers: „Hä Hundsbuam, dass des fei ja ned saufts! Bloß gurgeln!“
In den Glasflaschen perlte giftig gelb und verführerisch ein Brausegetränk. Und das in Zeiten, in denen die Not der Nachkriegsjahre noch nachhallte und die wenigsten Kinder im Alltag ein buntes Kracherl trinken durften. Daheim wurde der Durst mit Brunnenwasser gestillt. Die Versuchung, eine Limonade durch die Gurgel zu jagen, war deshalb sagenhaft groß. Wenn da nur nicht der Trainer Wolfgang gewesen wäre, den alle Pfeifgang nannten, weil er gerne Lieder pfiff. Auf dem Spielfeld aber pflegte der Pfeifgang eine Strenge, die den Buben auferlegte, das Kracherl nicht zu schlucken, „sonst bickts eich ‘s Mei zamm!“ Er war überzeugt, das pappsüße Zeug verklebe Mund und Schlund, und dann bliebe den kleinen Zampanos beim Dribbeln die Luft weg.
In den 60er-Jahren rangierte im Bauerndorf der Fußball weit hinter den Belangen des Ackerbaus und der Viehzucht. Die Jugend wurde, damit sie nicht sinnfrei dem Ball nachjagte, jederzeit an der Feld- und Stallarbeit beteiligt. Wenn man dieser Fron ausnahmsweise entkam, lauerten jedoch Misslichkeiten jeglicher Art. Einmal werkelten die Erwachsenen auf dem Feld, und in der Fletz des Hofes war der Großvater aufgebahrt. Die Buben bekämpften ihre Langeweile mit einem Ball, wobei dieser eine kuriose Flugkurve nahm. Von einer Wand abprallend, landete er mitten auf dem Haupt des im Sarg liegenden Verblichenen. Der Altbauer verabschiedete sich quasi mit einem Kopfball von dieser Welt, ein Kunststück, das sogar dem Fußballgott Messi Mühe bereiten würde.
Beim Fußball geht es um Leben und Tod. Der Trainer Bill Shankly versicherte einmal, es sei sogar noch viel ernster. Das ahnten auch die Dorfbuben, wenn sie dem Einödbauern Dammerl zuhörten, der die Gefährlichkeit der jugoslawischen Kicker recht bildhaft darstellen konnte. Er erzählte vom Krieg und von den Partisanen auf dem Balkan, die er stets am Kragen gepackt habe, wenn sie sich lautlos von der Seite angeschlichen hatten.
Im Oktober 1967 bekamen die Dorfbuben die jugoslawischen Fußballer bei einem Spiel gegen die Deutschen auf grießeligen Fernsehbildern erstmals zu Gesicht. Gar grimmig blickten diese drein, weshalb keiner daran zweifelte, dass das die Partisanen des Dammerl waren. Die Glieder zitterten, höchste Zeit für eine Trinkpause. Es gab eine Limonade, welche die vor Aufregung weit geöffneten Münder der Buben zuverlässig zupappte.


